MenuMENU

zurück zu Main Labor

06.07.2018, Jamal Tuschick

Achtsamkeit in sozialen Beziehungen

Tobias Kammann

Achtsamkeit in sozialen Beziehungen

Achtsamkeit ist ein Bewusstseinszustand, der schon seit Ewigkeiten von zahlreichen philosophischen und spirituell kontemplativen Traditionen gefördert und eingeübt wurde, jedoch erst in den letzten Jahren innerhalb eines wissenschaftlichen Rahmens untersucht wird (Barnes, Brown, Krusemark, Campbell & Rogge, 2007).

Achtsamkeit wird als absichtsvolle, nicht-wertende Lenkung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment mit einer neugierigen und offenen Haltung definiert (Kabat-Zinn, 1994). In zahlreichen klinischen Studien, bei denen hohe methodische Standards angesetzt wurden, konnte die Wirksamkeit von Achtsamkeit als universale Ressource bei der Therapie mannigfaltiger psychischer Störungen eindrucksvoll nachgewiesen werden. Vor allem bei stressbedingten Erkrankungen, chronischen Schmerzen, Ängsten, Depressionen und sexuellen Funktionsstörungen haben achtsamkeitsbasierte Verfahren ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt (Ernst S., Esch S.M. & Esch T., 2009). Weiterhin finden sich Belege dafür, dass Zusammenhänge zwischen Achtsamkeit und einem guten physischen Gesundheitszustand bestehen (Creswell & Lindsay, 2014).

Doch nicht nur Patienten profitieren von Achtsamkeitsübungen, auch Gesunde können Stress bedeutsam reduzieren und ihr Wohlbefinden erhöhen. In der aktuellen Forschung finden sich deutliche Hinweise auf eine Vielzahl positiver Auswirkungen von Achtsamkeit auf das psychische Wohlbefinden (Keng, Smoski & Robins, 2011). Übungen, die mit einer gezielten Entwicklung der Achtsamkeit einhergehen, finden, sich unter anderem in der Meditation, im Yoga, Tantra, Tai Chi und anderen traditionellen Bewegungsformen und Kampfkünsten.

 Über den Aspekt des individuellen Wohlbefindens hinaus ist das Konzept der Achtsamkeit auch in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen von Relevanz. Schließlich ist davon auszugehen, dass eine wertschätzende, unvoreingenommene Haltung gegenüber unserer Interaktionspartnerin/ unserem Interaktionspartner sich positiv auf das zwischenmenschliche Miteinander auswirkt.

In diesem Zusammenhang wurden mittlerweile in Studien verstärkt positive Effekte von Achtsamkeit auf romantische Beziehungen entdeckt (Kozlowski, 2013). Dies wurde insbesondere darauf zurückgeführt, dass Achtsamkeit mit einer bewussteren Wahrnehmung der Umgebung, einer größeren Zuwendung gegenüber dem sozialen Umfeld und einer bedachten prosozialen Orientierung assoziiert ist (Brown, Creswell & Ryan).

Dadurch dass dyadische Untersuchungen zu diesem Thema bisher nur unter fiktiven Szenarien im Labor durchgeführt wurden, fehlen bislang Belege der ökologischen Validität (Barnes, Brown, Krusemark, Campbell & Rogge, 2007). Daraus folgt, dass zugrundeliegende Prozesse, die den positiven Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Beziehungszufriedenheit im Alltag vermitteln, noch nicht hinreichend aufgedeckt wurden. In diesem Zusammenhang wird in meinem aktuellen Forschungsprojekt mit einer auf dem Smartphone der Probandinnen und Probanden installierten App alltagsnah untersucht, ob Empathie diesen Zusammenhang mediiert. Es ist anzunehmen, dass Achtsamkeit mit einer höheren Aufmerksamkeit auf die eigenen Empfindungen und die der Partnerin/ des Partners und somit auch einer genaueren Einschätzung der Empfindungen der Partnerin/ des Partners einhergeht.

Im Hinblick auf die Thematik der Mainlabortagung gehe ich davon aus, dass die positiven Effekte von Achtsamkeit nicht nur bezogen auf individuelle, romantisch-dyadische und sexuelle Aspekte eine Rolle spielen. Eine offene, nicht-wertende, unvoreingenommene und wertschätzende Grundhaltung sollte meiner Einschätzung nach auch einem positiven Umgang und Miteinander sowohl zwischen Menschen mit unterschiedlichem ethnischen und kulturellen Hintergrund als auch zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts und sexueller Orientierung zuträglich sein.

Literatur

Barnes, S., Brown, K. W., Krusemark, E., Campbell, W. K., & Rogge, R. D. (2007). The role of mindfulness in romantic relationship satisfaction and responses to relationship stress. Journal of Marital & Family Therapy, 33, 482-50

Brown KW, Creswell JD, Ryan RM. Handbook of mindfulness: Theory, research, and practice: Guilford Publications; 2015.

 

Creswell, J. D., & Lindsay, E. K. (2014). How does mindfulness training affect health? A mindfulness stress buffering account. Current Directions in Psychological Science, 23, 401-407.

Kabat-Zinn, J.(1994).Wherever you go, there you are: Mindfulness meditation in everyday life.

New York: Hyperion Books.

Keng, S. L., Smoski, M. J., & Robins, C. J. (2011). Effects of mindfulness on psychological health: A review of empirical studies. Clinical Psychology Review, 31, 1041-1056.

Kozlowski, A. (2013). Mindful mating: Exploring the connection between mindfulness and relationship satisfaction. Sexual and Relationship Therapy, 28, 92-104.

Ernst S., Esch S.M. & Esch T. (2009). Die Bedeutung achtsamkeitsbasierter Interventionen in der medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung. Complementary Medicine Research, 16, 296-303.

Silverstein R.G., Brown A.H., Roth H.D. & Britton W.B. (2011). Effects of Mindfulness Training on Body Awareness to Sexual Stimuli: Implications for Female Sexual Dysfunction. Psychosom Med 73 (9), 817-825.

 

 

 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen