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07.07.2018, Jamal Tuschick

In einer weißen Nacht am Meer

Ingrid El Sigai und das baltische Licht

Ingrid El Sigai und das baltische Licht

Manche Protagonist*innen der Migration erscheinen in ihrer Differenz so unauffällig, dass man gar nicht auf die Idee kommt, sie um Beiträge für eine Positionierungszentrale der migrantischen Gegenöffentlichkeit zu bitten. Dann trifft man sie zufällig in einer weißen Nacht an einem Ostseestrand. 

„Wenn du den ganzen Zauber willst, musst du jetzt nach St. Petersburg“, sagt Ingrid El Sigai. „Das ist das baltische Licht.“

Der Text entstand als märchenhafte Mitschrift in einer weißen Nacht am Meer

Vater war ein Mann voller Sorge und Leichtigkeit. Sein Gemüt beherrschte ihn. Er gab sich aber als vom Verstand bestimmt aus. Vielleicht glaubte er, dies seiner gesellschaftlichen Stellung als Arzt schuldig zu sein. Manchmal lachten seine Augen einvernehmlich. Häufiger beobachtete ich eine Differenz. Dann schien das linke Auge einem anderen Mann zu gehören als das rechte. Die Spaltung der Persönlichkeit zeigte sich in vertraulicher Nachbarschaft von Melancholie und Heiterkeit. Vater kam einerseits als Unbekümmerter durch die Haustür, wo ich ihn abpasste, um vor meinen Schwestern den ersten Kuss zu ergattern, und andererseits als Bekümmerter, der Zuspruch erwartete.

Ich will nicht behaupten, dass Vater seinen Töchtern gewachsen war. Es waren einfach zu viele, auch wenn wir nur drei Schwestern waren. Mutter hatte drei Mädchen das Leben geschenkt, ohne einen Sohn zu vermissen. So wie ich meinen Söhnen das Leben geschenkt habe, ohne eine Tochter zu vermissen. Meine Söhne haben mir das Leben noch einmal geschenkt, in jenen verdrehten Prozessen, in denen eine als Mutter wiedergeborene Tochter oder als Mutter zur Königin (und Magd) gewordene Prinzessin ein halbes Dutzend Hauptrollen beinah gleichzeitig spielt.

Meine Schwestern und ich legten Wert darauf, außergewöhnlich zu erscheinen. Die Eltern waren unser erstes Publikum. Wir verlangten viel von ihnen und waren schrecklich anspruchsvoll und schnell unzufrieden.

Die drei Grazien meines Vaters

Ich will heute nicht über meine Mutter reden. Sie konnte sich einen eisernen Anstrich verpassen und dabei überzeugend wirken. Fand Vater Härte nötig, glaubte keine seiner Töchter, dass sich hinter dem Anschein etwas Gefährliches verbarg.

Er war gewiss nicht aus ideologischen Gründen kein Pascha. Die Macht hatte ihm vermutlich nicht erst Mutter aus der Hand genommen. Im Untergrund der biografischen Erzählungen haust eine Heidelberger Zimmerwirtin, bei der Vater als Student untergekommen war und die wohl wie eine Hexe im Märchen auf ihn gewirkt und ihn überbuckelt hat.

Vater war einer jener Ägypter, die in den späten Fünfzigerjahren zum Studieren nach Deutschland geschickt worden waren und da mit dem allerersten Schwung Gastarbeiter durchaus nicht in einen Topf geworfen wurden. Man erkannte den feinen Herrn aus gutem Hause. Vater kam aus der panarabischen Euphorie des Gamal Abdel Nassers – eines Omar Sharifs unter Weltgestaltern. Er kam aus der Zukunft nach Deutschland. Er war im Aufwind und wurde in dem von den Amerikanern aus pittoresken Motiven nicht bombardierten Heidelberg stark abgebremst. Wie alle kultivierten Ägypter fesselte ihn eine Höflichkeit, die anderen Wesensmerkmalen keine Entfaltung gestattete. Seine Sonderstellung als ältester Sohn eines geachteten Mannes erlaubte ihm in Deutschland kaum mehr als Artigkeiten. Mutter hätte sich schon selbst unterwerfen müssen, um das entsprechende Programm bei ihrem Gatten auszulösen. Das passierte nicht, und so kam Vater kaum je in den Genuss seiner orientalischen Privilegien. Ich weiß nicht, ob er die Phantasie besaß, sich zu bedauern oder von einem anderen Leben zu träumen. Wir hielten ihn unermüdlich besetzt. Die drei Grazien meines Vaters waren erbarmungslos.

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