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08.07.2018, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing

Feridun Zaimoglu erkannte: Identität ist wichtiger als effektive Anpassung.

Feridun Zaimoglu und Jamal Tuschick 

Die deutschen Ängste und andere Zusammenverrücktheiten

Feridun Zaimoglu war als „Lunte am Explosivkörper Migration“ ins Spiel gekommen. Für die Beflissenen war Zaimoglus Ethnopop jedoch stets bloß Polit-Travestie gewesen. Sie erkannten nur den Gecken. Der Kanaille war echter oder falscher Pop egal, sie überbot sich in der Kunst steiler Formulierungen.

Noch boten Zaimoglu und seine sowohl imaginäre als auch reale Gefolgschaft Agenten im Mainstream „eine singuläre Exotikfolie. Mal als halbgare Wilde mit Mission, mal als bloßer Haufen, dessen auffälligstes Zeichen es ist, schick angezogen zu sein.“

Ein neues Zauberwort lautete Appropriation. Das erfasste eine Übernahme progressiver Begriffe und narrativer Erfindungen, die nun in Literaturhaus- und anderen avancierten Mainstreamkontexten auftauchten. Es beschrieb eine Plünderung jenes Piratenschatzes, den Zaimoglu einst allein geborgen hatte. Man schlachtete die Kanak Bestände der 1990er Jahre aus.  

„Das ist gut so“, sagte Zaimoglu. „Es zwingt uns weiterzugehen.“   

Bereits vor der Jahrtausendwende wurde Kanaksprak zur „alten Mode“. Man erkannte das an den Epigonen. Die Langsamen und Gründlichen näherten sich den Startblöcken. Pech nur, dass sie zu spät kamen. Ist das Pferd erst einmal tot, nutzt der schönste Sattel nichts.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, erklärte Zaimoglu.

Die KA-Zeit war abgelaufen, das Deutungsmonopol für eine migrantische Jugendrevolte im Spektrum zwischen semifiktivem Empowerment und literarisch begreifbarem Gesellschaftsphänomen konnte man leichten Herzens anderen überlassen. Es wäre unklug gewesen, auf ein Copyright zu bestehen. Das hätte jeden Vorreiter sofort zum alten Mann gemacht.  

Es kam auf nichts an. Wir hatten vor Windmühlen gepredigt. Zaimoglu war für das Feuilleton und die Landsmannschaften noch immer ein türkischer Schriftsteller. Das Verhältnis von ethnischer Differenz und kultureller Übereinstimmung unterlag weiter stereotypen Behandlungen. Stellte man einen Ostdeutschen unserer Generation neben Zaimoglu, vermutete jeder Unbefangene unwillkürlich die größere Übereinstimmung mit den herrschenden Verhältnissen bei dem Anderen und den größeren Abstand zu den herrschenden Verhältnissen bei unserem Gemeindesprecher. Das Gegenteil traf zu. Der Ossi war das U-Boot mit einem kulturellen Dissens ohne Hoheitszeichen. Wir hatten den gültigen (westdeutschen) Herrschaftstext verinnerlicht, die Ossis quälten sich in die neue Zeit. Wir erkannten: Identität ist wichtiger als effektive Anpassung. Diese evolutionäre Konstante verschleppt die Migration und segregiert die Ostdeutschen.

„Das ist das nächste Fass. Das machen wir jetzt auf.“

Bürger gab es, die brachten es fertig, uns in einem Atemzug rassistisch zu beleidigen und moralisch zu belehren. Zaimoglu zeigte mir anonymen Rassismus, lyrisch eingetütet, der extra für ihn geschrieben worden war.

„Guck mal“, sagte er. „Da steht „zusammenverrückt“. Zwei Konnotationen, räumlich und wahnsinnig. Da meint einer, die Vereinigung sei für Deutschland nicht gut gewesen. In diesem „zusammenverrückt“ steckt eine konservative Kritik am Status quo und eine größere Übereinstimmung mit den herrschenden Verhältnissen vor Neunundachtzig, als der Dichter vermutlich weiß. Das ist der Punkt, an dem Punkt können wir den Hebel ansetzen. Es geht um den Herrschaftstext. Kunst entsteht in der Lücke zwischen Prägung und entwickeltem Ich. So geht Heiner Müllers „Leben im Material“, anders geht es nicht. Dieser Poet hat bestimmt mal gesagt: Sozialismus ja, aber nicht mit Honecker. Dem raubt die Gegenwart Identität. Identität kommt vor Effizienz. Der muss sich an Ansichten festhalten, die außer Kraft sind. Der westdeutsche Herrschaftstext ist für ihn bedrohlich. Der schwimmt und hat Einfälle. Der sitzt einem Kneipentribunal in Prenzlauer Berg vor. Der glaubt, er kann den Vorstellungen seines Kneipentribunals Gesetzeskraft geben.“

„Anonymität ist Feigheit.“ 

„Was ist eine Demokratie anderes als eine Gesellschaft im Streit der Meinungen. Autorisiert werden die Meinungen von den Namen der Streitenden. Ich schätze, unsere Aufgabe besteht darin, den Schleimschmierer aus der Anonymität in die Demokratie zu führen. Vielleicht können wir nen kleinen Bruder aus ihm machen.“

Das fand ich zu optimistisch.

Wird fortgesetzt.

 

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