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08.07.2018, Jamal Tuschick

Nachrichten aus der Vergangenheit – Das Ende der Gastarbeiterliteratur als einem Sonderfall der Sozialarbeit – Versuch einer Bestandsaufnahme in kleinen Schritten.

„Deutsch ist die Sprache, in der ich mich zu meiner Zufriedenheit ausdrücken kann“, sagte Nevfel Cumart.

Levent Aktoprak hatte den Pott-Stempel abgekriegt - Arbeit, Kneipe, BVB 

Eine ethnische Differenz rückte bis in die 1990er Jahre jeden Autor automatisch in die Nähe der Herkunftsgesellschaft seiner Eltern. Unter Umständen kannte er das Land der Abstammung nur aus der Handtuchperspektive. Da war zum Beispiel Levent Aktoprak. Er hatte den Pott-Stempel abgekriegt. Arbeit, Kneipe, BVB. Fing er vom Zechensterben an, rumpelte die Heimatliebe in seinem Text. Sein Türkeiwissen hatte er in deutscher Sprache erworben. Gemessen an türkischen Parametern beginn er täglich „Sittenbruch“.

So sagte er das. Er wollte „Grenzen und Abgründe im Herzen überwinden“ – in durchgezogener Kleinschreibung. Verinnerlicht hatte er den linken Diskurs der westdeutschen Siebzigerjahre.

Die Gastarbeiterliteratur war eine Aufgabe der Sozialarbeit gewesen, mitunter hatte sie bewusstseinsbildende (emanzipierende, auch schlicht alphabetisierende) Prozesse in Gang gesetzt. Obwohl wir uns Lichtjahre davon entfernt wähnten (als Eingecheckte in der Zukunftsschleuse) verfolgte die ethnisch differenten Autor*innen meiner Generation erbitterte VHS-Pädagogik. Viele sahen sich gezwungen, wie Funktionäre von „relevanten politischen Inhalten“ zu reden. „Reform des Staatsbürgerschaftsrechts, verschärfter Einsatz für die Minderheiten am Arbeitsmarkt, der Kampf um kulturelle Hegemonie …“

Wir verfügten über eine flottierende Anschauung von Herkunft und Differenz wie über einen Trumpf, der alles stach. Die Szenen, die sich aus den Herkunfts- und Generationszusammenhängen ergaben, waren an sich blass. Man musste ihnen Farben erfinden und sie wie Schwimmerinnen dopen, damit sie was hergaben und nach was aussahen.

Abstammung als artistisches Agens

Die Türkeiwahrnehmung der neuen Produzenten fächerte sich vom Urlaubsziel über die poetische Fundgrube bis dort hinaus: einschließlich Verfolgung und Unterdrückung.

Abstammung als artistisches Agens – das kam vor, war aber nicht bildbestimmend bei Autoren, deren Eltern in der Türkei sich der Mehrheitsgesellschaft zurechneten. Da kam keine Kunst aus Spaltung und Abweichung. Diese Leute brauchten von den Deutschen keinen Segen. Manche spielten mit landläufigen Vermutungen zu Devianz & Delinquenz, dem Aleman ließ sich viel erzählen. Neben Autoren, die in Deutschland geprägt worden waren, produzierten Kollegen derselben Generation, die erst als Erwachsene nach Deutschland gekommen waren. Das Selbstverständnis im Einzelfall zählte.

„Ich bin Türkin, aber auch Deutsche“, sagte Zehra Cirak, Istanbulerin von Geburt. Aufgewachsen in Karlsruhe. Zuhause in Berlin. Sie träumte von einer „Mischkultur zwischen französischer Küche und japanischem Kino“.

Immer noch wurden ethnische differente Kunstschaffende als Kulturbrückenpioniere begrüßt. Offenbar sollte der Migrantennachwuchs der Frage nach gesellschaftlicher Relevanz von Literatur mit dreißigjähriger Verspätung endlich positiven Bescheid erteilen. Ein Kultusminister entdeckte „eine Poesie im Dienste der Völkerverständigung“. Wir begriffen das als einen Versklavungsversuch der Poesie und delegierten ein Kulturbrückensprengkommando.

„Deutsch ist die Sprache, in der ich mich zu meiner Zufriedenheit ausdrücken kann“, sagte Nevfel Cumart. Er rechnete seine Gedichte ohne Wenn & Ach zur deutschen Literatur. Das hielt ihn nicht davon ab, sein türkisches Erbe in die Pflicht zu nehmen, Bilder abzuwerfen.

Wird fortgesetzt.

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