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09.07.2018, Jamal Tuschick

Do we need a feminist populism?

Hinkende Realität

“My Feminism will be intersectional or it will be bullshit.”  Flavia Dzodan

Wir leben in Zeiten einer weltweiten Restauration. Die Reaktion greift durch, während die progressiven Kräfte lediglich ihre Bestände zu sichern suchen und Übergriffe in den Suiten der Emanzipation abwehren.

Eine Variation dieser Feststellung liefert Lily im Berliner Volkspark am Weinberg. Die Amerikanerin weiß zwar, dass sie mit dem Wind der Zukunft ist und auf der richtigen Seite unumkehrbarer Prozesse steht. Trotzdem hinkt die Realität dem fortschrittlichen Bewusstsein hinterher.

Lily kommt aus einem Seebad in Connecticut. Amerikas largest maritime museum war ein Spielplatz ihrer Kindheit. Sie googelt für mich Mystic Seaport – die Nachbildung einer Hafenstadt des 19. Jahrhunderts am Highway 25, zwei Stunden hinter New York. Ein Walfänger wie aus Moby Dick liegt da vor Anker. Das Segelschiff heißt Charles W. Morgan nach einem Kapitän, der vor 1800 in New Bedford, Massachusetts, gelebt hat. Das ist der Heimathafen von Lilys Reisegefährtin Peaches, die nach einem zierlichen Moment des Schweigens bekennt, von ihren Eltern mit dem Namen Peaches-Honeyblossom ins Rennen geschickt worden zu sein. Die beiden wollen zu einer Lesung New Yorker Autorinnen, und auch ich muss weiter und mich sogar beeilen, um nicht viel zu spät zu Do we need a feminist populism? im „Acud macht neu“ zu kommen.

Zofia Nierodzinska (Arsenal Municipal Gallery Poznan) redet gerade über rechten Feminismus in Polen. „Wer rechts ist, kann kein Feminist sein - so viel Grenze muss sein“, schrieb Margarete Stokowski auf Spiegel Online.

Gibt es völkischen Feminismus?

Renate Bitzan behauptet, bei Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und Homophobie gäbe es in rechten Debatten kein geschlechtsspezifisches Gefälle. Auch die ideologischen Grenzen der Sexismuskritik verschwimmen im Gelände. Eine rechte feministische Traditionslinie endet im Dritten Reich. Feministische Faschistinnen bildeten eine nationalsozialistische Randgruppe.

Es bleibt das Gefühl als Tatsache, dass rechter Feminismus eine Spielart der Übernahme und Aneignung von linken Sujets ist, so wie Identitäre die linke Ikonografie als Blaupause nutzen. Im Spektrum zwischen maximalen Unterscheidungen von Gegnermoden und optimalen Anpassungen an schicke Diskursformate ist nun so viel Bewegung, dass Feminismus als Label nicht mehr ausreicht.

„Unser Feminismus ist kein kapitalistischer Feminismus.“

Frau muss sich förmlich ausweisen etwa als antikapitalistische Feministin, die „Gegensprechfähigkeiten“ in aktivistischen Zusammenhängen erhöhen will. Das sagt eine Protagonistin der Interventionistischen Linken. Sie spricht vom Abwehrkampf gegen rechts in einer Sprache zwischen Fußball und Bürgerkrieg.

A Performance of Provocation

Angestrebt werden Frauenstreikbündnisse nach spanischen und lateinamerikanischen Vorbildern. Abgelehnt wird der sogenannte „liberale Feminismus“, der wie der sogenannte nationalistische/völkische/faschistische Feminismus lediglich diverse Interessenswiesen abgrast. Hillary Clinton vertritt den liberalen Feminismus als Attitüde, die außer dem Ausbau der Machtbasis keine Funktion erfüllt.

Als politischer Feminismus schildert sich eine Ausprägung, die Frauenstreiks anstrebt und Sexismus als institutionalisierte Gewalt begreift, die im Kapitalismus zu den Kerkerwerkzeugen gehört.

„Im autoritärer werdenden Kapitalismus“, sagt K., „sind Frauen die natürlichen Gegner autoritärer Kapitalisten.“ Nach K. kommen Frauen in den Kämpfen um die Zukunft Führungsrollen zu. Sie prädestiniert nach Marx, dass „an Frauen das Unrecht schlechthin verübt wird“.

Es geht darum, Ziele zu wählen und Druck aufzubauen.

„Was kann man bestreiken?“

Der Arbeitsbegriff muss gedehnt und wohlfahrtsstaatliche Hilfen in Streiks an Land gezogen werden.

Dann heißt es wieder: „Das Konzept des Feminismus ist weiß. Wir sind alle weiß in diesem Raum.“

Das behauptet eine Farbenblinde.

„Make this revolution right now“, fordert eine Streiterin in der Hitze eines Sommernachmittags und im Dunst hedonistischer Szenen mit weltweiter Anziehungskraft.

Die Zusammenkunft dient der Erklärung unterschiedlicher Standpunkte wohl mehr als einer Vernetzung.

Ich zitiere aus dem Ankündigungsmanifest:
“We are inspired by feminists movements in Latin America and the US, who take the streets against the right-wing populists and the upcoming far-right, with an intersectional, radical inclusive feminism. A feminism, that understands sexism as discrimination, violence but also economic exploitation on the base of gender. A feminism that launches female strikes, the movement of #westrike, that strikes “against mass incarceration, police violence and border controls, against white supremacy and the beating drums of US imperialist wars, against poverty and the hidden structural violence that closes our schools and our hospitals, poisons our water and food and denies us reproductive justice.” This comes together in mobilizations “of black and brown women, cis and bi, lesbian and trans women workers, of the poor and the low waged, of unpaid caregivers, of sex workers and migrants.”

Oder um es mit Flavia Dzodan zu sagen: “My Feminism will be intersectional or it will be bullshit.”

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