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12.07.2018, Jamal Tuschick

Neues Sprachspiel

Uljana Wolf, Eugene Ostashevsky

„Der Ansatz ist komparativ“, erklärt der Dichter. „Verglichen wird ein Pirat mit seinem Papagei.“

Eugene Ostashevsky äußert sich so grundsätzlich in der Gegenwart von Uljana Wolf, die gemeinsam mit Monika Rinck die vergleichende Untersuchung als erzählende Lyrik unter dem Titel Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt aus dem Englischen ins Deutsche brachte. Wolf, Rink und Ostashevsky betreiben ihre Übersetzungen als poetisches Guerilla Gardening. Sie bepflanzen atlantische Verkehrsinseln und ernten translinguale Phänomene auf Einflugschneisen. Sie fassen das Genre nicht dienend, sondern fordernd auf. Sie haben daraus eine eigene Sache gemacht – ein Sprachspiel, das theoretisch noch nicht geklärt ist und von der Literaturkritik bisher nicht begriffen wurde. In zwanzig Jahren wird man die Avantgarde gewiss erkannt haben.  

Wie viele Piraten braucht man, um von Pi den Wert zu errechnen? Sicherlich mehr als einen. Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt, segelt fern der Heimat, und segelt allein.

Alliterative Gewinne wie in der Kombination von Eisen- und Einstein führen um drei phonetische Ecken zu Franken- und Wittgenstein und enden in Palestine. Ostashevsky setzt mit Roy Lichtenstein triumphierend nach. Da geht noch mehr. Zu denken ist an die Familie Feuerstein und Betty und Barney Geröllheimer. Denn „kein Reim ist auch fein“.

Eugene Ostashevsky, Jahrgang 1968, wurde in Leningrad geboren und in Brooklyn erwachsen. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaften an der Stanford University und unterrichtet heute Literatur an der New York University. 

Einfall und Reflektion bestimmen das lyrische Geschehen. Eskapismus stößt auf Präzision.

Ein Umlaut in englischer Umgebung muckt teutonisch auf.

Ostashevsky untersucht das Beharrungsvermögen und die Fliehkräfte der Wörter in verschiedenen Sprachen auf extremen Parcours.

„Die Bedeutung der Wörter klebt am kulturellen Kontext. Spanier in Deutschland verstehen ihre Muttersprache anders als die angestammte spanischsprechende Minderheit in Arizona.“

Ostashevsky verwickelt seinen Piraten in „Offshore Scharmützel“. Er setzt ihn der Peinlichkeit aus, dem Papagei sprachlich unterlegen zu sein. Er gibt ihm so viele Dünkel ein wie möglich. Der Papagei überflügelt den Piraten in einem Streit auf der Schatzinsel. Ostashevsky beschwört eine tierische Melancholie:

Ich möchte so gern wissen, wie es sich anfühlt, in einer anderen Sprache zu sein.

Er singt seine Poeme und intoniert mit dem Schmelz eines von der Syphilis zerfressenen Vollmatrosen.

Wer reitet auf seinem Klotzbein und motzt, ich will breit sein.

Ihr habt so böse Fressen, lasst uns Lösegeld erpressen.

Eugene Ostashevsky, „Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt“, Gedichte.  Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Monika Rinck und Uljana Wolf. Kookbooks Verlag 120 Seiten, 19.90,-

 

 

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