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12.07.2018, Jamal Tuschick

Der Fußballplatz als gesellschaftliches Minenfeld

Nora Haakh, Neco Çelik, Imran Ayata

Plötzlich stand da Hatice Akyün

Die volle Breitseite des Basalen

„Die Großen Krieger zogen in den Krieg/ eroberten unser Herz, mit ihrem stolzen Sieg/ Wir wussten nicht wie sie kämpften/ begnügten uns mit den Ergebnissen“.

Aus „Die Ballade von der Liga der Verdammten“

Ein Feuer in den Farben des Smaragds droht in dem Drama um Türkiyemspor, das an einem Frühlingsfreitag vor Jahren auf der Bühne des Ballhauses Naunynstraße Premiere hatte. Der Verein begann 1978 spielerisch als „Kreuzberg Gençler Birliği“. Nach seiner ersten Umbenennung hieß er BFC İzmirspor. In der Saison 1983/84 trat BFC İzmirspor in der C-Klasse der Berliner Amateurliga an und wurde gleich Meister. 1987 erhielt der Verein als Landesligist seinen gültigen Namen - „Türkiyemspor Berlin e. V. - und qualifizierte sich für die Oberliga. Er spielte um den DFB-Pokal. - Wahrgenommen von seinen Anhängern als més que un club-Barca à la Berlin. Der Club schrammte an der Insolvenz vorbei und rettete die Wale. Er sprach sich gegen Homophobie auf dem Rasen aus. So grün und quer.

„Liga der Verdammten“ nannten Imran Ayata und Neco Çelik ihr surreales Spiel zwischen Vereinswirklichkeit und einem Zukunftsvokabular der Migration und ihrer Verzweigungen. Sie hatten das Stück auf einer Basis von Interviews mit Türkiyemspor – Aktivisten in monologischer Verdichtung - gemeinsam mit Nora Haakh entwickelt.  

Ein paar Tage vor der Premiere trafen wir uns im Ballhausgarten, das ist immer noch so ein avancierter Hinterhof. Typisch Kreuzberg. - Und dann doch schon wieder ein bisschen zu schön für wahr.

„Wir steigen mit dem hymnischen Moment ein“, verkündete Nora Haakh. Das hieß: zwischen Foul und Freistoß. In der Spärlichkeit des Vorsommers nannte Nora Haakh, ihre Hände schöpften grandios aus der Luft, „Ballsport auf der Bühne eine Möglichkeit“, die volle Breitseite des Basalen abzufeiern. Doch sei „der Bums drumherum die eigentliche Sensation“.

Fußballer waren dem Vernehmen nach „auch die schnelleren Schauspieler, siehe Schwalben.“ In der „Liga der Verdammten“ sollte sich die Theatralik auf dem Platz mit den Mitteln des Theaters wiederholen.  

Es waren Drohungen eingegangen, wie stets, wenn Leute den Übergriff der Verwerter*innen zu spüren bekommen. Die Verwandlung von Leben in Kunst ist ein Schlachtfest.

„Es geht um Kreuzberg“, beschwor der Frankfurter Imran Ayata den von Kondensstreifen geteilten Himmel über Berlin. - „Um die Droge des Leidens, um Ruhm, Ruin“ und Raki ohne Punkt auf dem i. - Um die Geschichte der Einwanderung am Beispiel des Clubs – für den der Deutsche Fußballbund einst den Sondermann „Fußball-Deutscher“ erfunden hatte. - Zu einer Zeit als nicht mehr als zwei Ausländer in einer Profi-Mannschaft spielen durften.

Es ging damals und es geht heute um soziale Mutationen, die noch keiner auf den Begriff bringen konnte, obwohl alle sie auf dem Schirm hatten/haben. Vor der Soziologie kommt das Theater als ein Format der Annäherung an Verhältnisse, die noch nicht Wort für Wort kodifiziert sind. Ja, sämtliche Erwartungen sollten unterlaufen werden in der „Liga der Verdammten“. Darauf musste man gespannt sein. Das konnte nur unheimlich gut werden. Und so war es dann auch.

 

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