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17.07.2018, Jamal Tuschick

Die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel schildert in Zama das Jahrtausendverbrechen Kolonialismus als Spuk.

Der amerikanische Geburtsfehler

Steinzeitliches Delirium 

Die Alte Welt kennt er nur aus Erzählungen. Trotzdem fühlt sich Don Diego de Zama als Europäer, während die spanischen Einwanderer ihn als Amerikaner deuten, der das Glück hat, ein Produkt des Premiumverkehrs seiner Eltern zu sein. Die halbblütigen Halbgeschwister sind an Rändern zurückgeblieben, wenn sie nicht schon vom sozialen Treibsand unter die Erde gezogen wurden. Der Offizier in spanischen Diensten brütet in einem verpesteten Hafennest vor sich hin, in Erwartung seiner Versetzung nach Buenos Aires. Gelangweilt verehrt er eine Edle, die es bemerkenswert findet, nicht nur von den wenigen weißen Vertretern der Krone, die an einem Ende der Zivilisation ihr Schicksal als Gestrandete verfluchen, begehrt zu werden, sondern sogar von ihrem eigenen Mann. Sie gibt Zama von oben herab zu verstehen, dass er als Liebhaber zwar in Frage kommt, aber auf einem beinah aussichtslosen Listenplatz.

Sie weiß: An Europa erinnern sich jene am besten, die nie da waren.

Sie findet Zama hochmütig, weil er die „freien Mulattinnen“ verschmäht und sich seine Erregung angeblich nur bei weißen Frauen einstellt. Trotzdem hat er ein Kind mit einer ursprünglichen Amerikanerin. Er hat sonst wo auch eine ehrbare Familie. Die verschwitzte Gesellschaft vor Ort erkennt in Zamas zugespitztem Dünkel den amerikanischen Geburtsfehler. Zama ist so etwas wie ein gerade noch legitimer entfernter Verwandter echter Spanier.

Die Edle findet wenige Gelegenheit für Eleganz. Von hochprozentigem, im Barrique ausgebauten Sprit vergeistigt, erkennt sie:

Am besten vergisst man alles. Das ist es wohl, was man von uns in der Neuen Welt erwartet.

Die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel erzählt in Zama eine sagenhafte Geschichte. Sie schildert das Jahrtausendverbrechen Kolonialismus aus einer erschöpften Perspektive und als Spuk. Die Zeit der Konquistadoren ist seit Jahrhunderten vorbei. Wieder nähert sich eine Phase der Konsolidierung dem Abschluss. Die Paradiese, die von Pizarro und seinen Brüdern in Blut getaucht worden waren, sind Sickergruben. Das Vorläufige triumphiert auf Schauplätzen surrealer Szenen. Die spanische Ordnung versagt, wo es nichts zum Plündern gibt. Autochthone Varianten gehören zum vergessenen Wissen. Die ursprüngliche Bevölkerung ist in die Menschheitskindheit zurückgekehrt und existiert im steinzeitlichen Delirium.

Zama, Argentinien/ Brasilien/ Spanien/ Frankreich/ Niederlande/ Mexiko/ Portugal/ USA 2017. Regie: Lucrecia Martel. Mit Daniel Giménez Cacho, Lola Duenas, Matheus Nachtergaele, Juan Minujín.

Daniel Giménez Cacho spielt den Don zwischen den Polen Sklaverei und Herrschaft in einer unbequemen Mittellage. Er erscheint als Bittsteller vor seinem Gouverneur, der gern grausame Strafen verhängt und die Ohren von bis auf den Tod erniedrigten Delinquenten zu Spieltrophäen erklärt.

Kein Gedanke an Arbeit. Es geht nur darum, die Kraft zum Atmen nicht zu verlieren. Zama unterstützt einen Autor. Dessen Buch ist schon vor der Publikation verboten. Alles, was eine Botschaft aus der Kolonialhölle an die weiße Welt sein könnte, steht unter Strafe. Die Verwalter des Bösen kehren ihre Überschreitungen unter den Teppich der Geschichte.

In Ausübung seiner Amtsgewalt gewährt Zama einem Plantagenpatron, der aus pädagogischen Gründen sein Personal abgeschlachtet hat, vierzig „zahme Indios“ zum Ersatz. Der Mann legt Wert darauf, von dem Großschlächter Domingo Martínez de Irala (gestorben 1556) abzustammen.

Lasst uns eine Geschichtsstunde einschieben:

Zu Iralas Zeit fasste das spanische Vizekönigreich La Plata Argentinien, Uruguay und Paraguay zusammen. La Plata ist ein Mündungstrichter am Atlantik. 1515 hatte Juan Diaz de Solís ihn mit der Erwartung entdeckt, den Durchgang zum Stillen Ozean gefunden zu haben.

Der Skandal des Holocausts besteht darin, dass er in Europa stattfand. Heiner Müller

La Plata war sechs Mal größer als das deutsche Kaiserreich bis 1918. Irala unterstand förmlich Álvar Núnez Cabeza de Vaca, die Konstellation bot Anlass zu Spott. Tatsächlich unterstand Irala keinem Menschen. Er hatte sich selbst ermächtigt – wie Gonzalo Pizarro in Peru, bis man ihm den Kopf abschlug. Das offizielle Staatstheater ging darüber hinweg. Eine Quelle nennt den königlich-kaiserlichen Statthalter Vaca „den edelsten Spanier, der je den Boden Paraguays betrat, voll (wiederum) edlen Eifers für die religiöse und sittliche Hebung des Landes“. Vaca repräsentierte den Typus des Spitzenbeamten ohne Albträume, der pedantisch und mit Fingerspitzengefühl die Ablösung des Konquistadoren-Regimes zugunsten größerer Rechtssicherheit für die ursprüngliche Bevölkerung und zur Wahrung königlich-kaiserlicher Interessen betrieb. In seiner Amtszeit wurden aus Granden von eigenen Gnaden zügig Desperados. Mancher Gebietsfürst starb wie jeder ausgelaugte Ex-Despot auf der Flucht.

Irala hatte von dem „Indianerfreund“ an der Staatsspitze nichts zu befürchten. Offen beteiligte er sich an Putschversuchen. Schließlich verhaftete er Vaca und ließ ihn einem Gericht in Spanien zuführen. Da kam es zu einer Verurteilung.

Irala vereinte Macht ohne Mandat auf sich. Ich bin vor Jahren durch einen Wust märchenhafter Darstellungen zum historischen Kern vorgedrungen. Irala zählte zunächst zum Gefolge von Pedro de Mendoza y Luján. Mendoza war der erste königliche Statthalter am Silberfluss. Er hatte zwei Hauptaufgaben. Er musste staatliche Ordnung installieren, gegen Interessen früher Oligarchen. Deren Reichtum stellte die königliche Macht in Frage.

Der Gouverneur sollte wirken wie ein König, ohne ein König zu sein.

In der Neuen Welt funktionierte keine symbolische Politik. Mendozas politischer Job führte zur Vernachlässigung des Wichtigsten: im Verein der Gierigen sich selbst die Taschen voll zu machen.

Die zweite Großbaustelle – Mendoza diente Karl V. als Adelantado. Er besaß einen erblichen Landnahme- und Städtegründungsauftrag, in den er selbst ein Vermögen gesteckt hatte. Er hatte sich ruiniert, um richtig absahnen zu können.

Mendoza steckte in der Klemme. Er konnte es keinem recht machen, dem fernen König so wenig wie den Kolonisten, die mit ihren Machenschaften die ursprüngliche Bevölkerung unterpflügten.

Irala begriff das Dilemma. Er befreite Mendoza von einer Last. Er übernahm die Gründungsvorhaben und wurde zum ersten Architekten Argentiniens. Er ging stets auf die gleiche Weise vor. Zuerst errichtete er ein Fort, dann „befriedete“ er die Umgebung. Die Befriedung zog Kolonisten nach sich.

Iralas Stern ging auf, während Mendoza scheiterte und längst wahnsinnig war, als man ihn ermordete.

P.S.

Schließlich schließt sich Zama einer Miliz an, die den Piraten Vicuña Porto zur Strecke bringen soll und als trauriger Haufen durch den Busch wankt. Ein Schritt trennt manchmal nur wippenden Moorgrund von fester Scholle. Es ist gefährlich, sich in dem Lagunenmilieu des Misiones Occidentales herum zu treiben. Versprengte und Entlaufene vegetieren in der Peripherie; ständig in der Gefahr, von Kaimanen, Schlangen, Jaguaren und „wilden Indios“ aus dem Leben gerissen zu werden.

Man nennt die Gegend das „lateinische Mesopotamien“. Ihr Wahrzeichen ist die Santa-Cruz-Riesenseerose.

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