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20.07.2018, Jamal Tuschick

In „Das Weibliche Prinzip“ schildert Meg Wolitzer Repräsentantinnen des weißen Mittelstandsfeminismus mit afroamerikanischem Chapter.

Amazonen aus der Zukunft

Schließlich ein Satz wie aus einem Lore-Roman: „Sowohl Aussehen als auch Duft vermittelten einen Hauch von Holdings, Immobilien und absoluter Gewissheit.“

Meg Wolitzer beschreibt so - und ihre Heldin Greer Kadetsky erlebt so den Magnaten Emmett Shrader, der als Mäzen das ergraute feministische Periodikum „Bloomer“ davor bewahrt, auf dem Altar des Marktes geopfert zu werden. Im Gegenzug hängen eine altgediente Aktivistin namens Faith Frank als Chefin des zu einer Agentur im Stiftungsmantel relaunchten und als „Loci“ wiedergeborenen Streitmittels und die soeben graduierte, noch in unversehrter Leidenschaft glühende, von dem Übergriff eines Kommilitonen radikalisierte Greer am Tropf eines umstrittenen Entrepreneurs – Lichtjahre entfernt von ihren karitativen Anfängen. Zwischen den Jugendstilen liegen die Moden und Enttäuschungen von Jahrzehnten.

Meg Wolitzer. „Das Weibliche Prinzip“, aus dem Englischen von Henning Ahrens Dumont, 496 Seiten, 24,-

Greers Freund Cory hat sich mit Empfehlungen von Hard Harry, der seine Ratschläge in einer Pornoillustrierten verbreitet, in den Kosmos einer Klitoris geschlichen.

Dem zugespitzten Sinn nach: Fragt nach dem genauen Sitz ihrer Klitoris. Sie werden in der Frage Wertschätzung erkennen. Bringt sie zum Orgasmus und sie tun alles für euch.

Cory heißt in Wahrheit nach seinem Vater anders. In ihm duelliert sich Empfindsamkeit mit dem robusten Repertoire eines Parvenüs, der auch im Namen seiner portugiesischen Einwanderereltern aufsteigt. Sein erster Job führt ihn nach Manila und das Paar in die Verlängerung einer Fernbeziehung mit studentischen Seitensprüngen, die auf Greers Beziehungskonto keinen Ausgleich finden. Greer steigt in Brooklyn bei „Loci“ ein. Sie haut sofort ihre beste Freundin Zee in die Pfanne, um Exklusivität zu ernten.

Das Schlechte scheint gleich gut verteilt. Nicht nur Cory versagt an den Maßstäben der guten Zukunft. Ständig gerät Greer in „die Falle der Unfähigkeit, ihre Gefühle auszudrücken“. Sie hat Angst vor Pizzakäseflecken auf der Bluse und anderen Allgemeinplätzen der Mittelmäßigkeit. „Seelische Brände“ löscht sie mit Wasser. Oft versagt ihre Stimme. Greer sucht ihren Platz im New Yorker Gesellschaftsleben als Vegetarierin unter Liebhaberinnen blutig servierter Steaks. - Oder um es mit Faith zu sagen: „Solange es Läden gibt, in denen man weiß, was die Gäste trinken, ist alles wunderbar.“

Wolitzer schildert Faith als untergrabene Repräsentantin des weißen Mittelstandsfeminismus mit afroamerikanischem Chapter und einem in den Farben der Fürsorge gehaltenen Distinktionsportfolio. Die Veteranin ermutigt Greer zu Beiträgen für Frauen, die erst aus der Verunsicherung heraustreten müssen. In diesen Milieus ist Empowerment eine unverstärkte Angelegenheit. Man kann auch noch „Zigeuner“ sagen. Irgendwann, Trump, „ein Mann mit dem man keinen Augenblick allein gelassen werden möchte, ist Präsident, katapultiert der Kampf um eine tragfähige Stimme Greer in den Autorinnenhimmel. Ihr Buch „Außenstimmen“ setzt sich auf Bestsellerlisten fest. Jetzt erfüllt Greer Vorbildfunktionen für den aktivistischen Nachwuchs. Sie erkennt im Gegenzug, dass Faith nie ihre Freundin war, sondern Greers Begeisterung für die alte Kämpferin konsumiert hat.

Wolitzers Roman zieht seine Reize aus psychologischen Differenzierungen. Die Feministinnen erscheinen nicht als Amazonen aus der Zukunft. Ihre Darstellung ist unheroisch. Die Autorin nimmt sie auseinander und lässt sie teilversehrt hinter sich auf einer von Glamour und Grandiosität illuminierten Erzählstrecke.   

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