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22.07.2018, Jamal Tuschick

Worauf warten wir? - Eine Geschichte in Fortsetzungen

II. Teil - Der Anruf

Cornelia Becker

Nach dem Essen kam Agustin wieder zu seinem Onkel: Morgen gehe ich nicht nach Haus, wenn was passiert. Dann bleibe ich bei dir! Versprochen! Dunkle, ernste Augen. Die Kinder verschwanden im Haus.

Pilar seufzte: Er ist wie du früher, ein kleiner Rebell, er will die Welt verbessern, sagte sie zu Curbelo.

Oder wie du!

Ja, aber daran will sie sich nicht mehr erinnern, am liebsten würde sie alles vor den Kindern verstecken. Will sie schonen, sagte Jose. So ein Quatsch: Sie sehen fern, sie haben das Internet. Sie wissen mehr, als wir ahnen. Und dieses Problem haben wir nun schon seit Jahren.

Wenn du es so einfach findest, dann sag mir doch, wie wir das unseren Kindern erklären können? Und wo willst du anfangen?

Joses dünnen Lippen wurden noch schmaler, er sah seine Frau  nachdenklich an. Und wie viele Kinder waren schon am Strand dabei, wenn wieder Flüchtlinge angetrieben sind? Sie sprechen darüber in der Schule und überall. Hier kann man doch nichts voreinander verbergen. Und Agustin ist schließlich schon sieben Jahre alt! Jose schüttelte den Kopf und ging auch ins Haus hinein. Kurz darauf hörten sie die Übertragung des Fußballspiels.

In der Nacht wurde Curbelo wach, er schwitzte, war aufgewühlt, ein Alptraum hatte ihn geweckt. Er fühlte sich beobachtet, als stünde jemand in der Dunkelheit der Nacht vor dem Fußende seines Bettes. Der flehende, dunkle Blick des Jungen, als er ihm zu trinken gegeben hatte, fiel ihm wieder ein. Ich habe alles getan, dachte er. Warum verfolgt er mich? Eine blinde Wut stieg plötzlich in ihm hoch. Ein Gefühl, das er lange nicht mehr gespürt hatte. Wann denn nur? Damals, als er seine Frau verlassen und sie von ihm Liebe erpressen wollte, die er lange schon nicht mehr ihr gegenüber empfand. Und sein anfängliches Mitleid in Zorn umschlug.

Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf von der Ausländerbehörde. Man brauche seine Aussage, ob er am Nachmittag kommen könne? Agustin war an diesem Morgen zu einem Freund gegangen, doch vorher hatte er seinem Onkel das Versprechen abgenommen, heute einen weiteren Bagger in der Stadt zu besorgen. Curbelo verbrachte den Vormittag im Patio, im kühlen grünen Licht der Pflanzen las er die regionale Zeitung.  »Nach dem Kentern ihres Bootes sind gestern Nachmittag zwei Überlebende in der Bucht von Punta Llana gestrandet. Drei ertrunkene Bootsflüchtlinge wurden an der Südküste angeschwemmt. Die Zahl der Toten soll jedoch weitaus höher sein, nach Aussage der beiden Überlebenden waren bis zu sechzig Menschen an Bord. Darunter auch Kinder und Schwangere.«  Sechzig Menschen! Curbelo blätterte weiter. Ein dumpfes Gefühlvon Schuld rumorte in ihm. Als ob er etwas tun könnte! Er hatte so viele Menschen leiden sehen, gelernt, eine souveräne, professionelle Haltung zu wahren. Was beunruhigte ihn dann so? Er legte die Zeitung fort und arbeitete ein wenig an seinen Notizen mit dem Titel: »Kindersterblichkeit im südlichen Europa«, für den im September geplanten Kongress in Buenos Aires. Bis es Zeit wurde, aufzubrechen.

Pilar kam ihm in der Eingangshalle entgegen, er sagte ihr, dass er am Nachmittag mit Agustin nach Santa Cruz fahren wolle. Sie lachte: Da hast du dir was aufgeladen. Agustin wird nicht eher Ruhe geben, bis er die Baggerserie beisammen hat! Er folgte ihr in die Küche, sie nahm eine Wasserkaraffe aus dem Kühlschrank, füllte zwei Gläser. Du denkst auch ich sei zu vorsichtig mit dem Jungen? Agustin … er ist voller Fragen, aber die Wahrheit überfordert ihn. Ich meine die Kriege, die Folterungen, alles was den Menschen dort angetan wird. Demokratie ist eben ein Fremdwort für sie. Und Agustin ist einfach noch zu klein, um diese schrecklichen Dinge zu begreifen. Sie nahm einen Stapel Post vom Tisch auf, schaute sie durch und legte einige neben sich auf die Anrichte.

Todo el mundo al suelo. Mit diesen Worten hatte damals der Putschversuch der Militärs begonnen. Die Angst, die plötzlich überall zu spüren gewesen war. Aber sie hatten sich nicht davon einschränken lassen wollen. Im Gegenteil: Am Abend hatten sie die Menschenrechte auf einer klapprigen Schreibmaschine geschrieben. Alle auf den Boden, ha, sie würden sich ihnen entgegenstellen und nicht vor ihnen kriechen. Da war er 16 Jahre alt gewesen und Pilar drei Jahre jünger.  Endlich, nach Mitternacht hatte König Juan Carlos eine Rede gehalten, niemals würde er die Putschisten unterstützen. Der Aufstand war gescheitert! Trotzdem hatten sie ihren Plan verfolgt; kurz nach Sonnenaufgang waren sie mit mehreren jungen Leuten auf die Straße hinaus, und als die anderen ihre Wohnungen verließen und ihren Tag begannen, klebten überall an den Bäumen und Mauern die Menschenrechte!

Du vergisst, dass wir selbst bis vor kurzem noch in einem Terrorregime gelebt haben, sagte Curbelo. 

Nein, das habe ich nicht vergessen! Und wir haben uns immer für die Demokratie eingesetzt, oder? Aber sie können doch jetzt nicht kommen und alles was wir uns so mühselig aufgebaut haben, kaputt machen. Und die meisten, sie zögerte, sie sind so anders als wir, angefangen bei ihrer Religion …  Jedenfalls ist das alles viel zu komplex und zu schwierig für den Kleinen!

Die Behörde war im Rathaus untergebracht und lag nur wenige Straßen entfernt. Ein kurzer Fußweg also. Curbelo war froh darüber, denn es war heiß, die Sonne stand hoch, kein Baum spendete Schatten. Plötzlich hörte er, wie Agustin nach ihm rief. Er saß mit drei Freunden in der Einfahrt zu einem zweistöckigen Haus, sie kauerten am Boden und kickten kleine Figuren  gegeneinander. Trotz des Protestes seiner Freunde, sammelte Agustin seine Figuren ein und kam zu ihm herüber. Bestand darauf ihn zu begleiten. Curbelo erklärte ihm, dass er zum Rathaus müsse und er sich langweilen würde: Nein, besser, du bleibst hier. Auf dem Rückweg hole ich dich ab. Warte auf der Plaza. Dann fahren wir nach Santa Cruz und besorgen den anderen Bagger! Dauert bestimmt nicht lange. Versprochen. Er legte drei Finger seiner rechten Hand auf sein Herz. Endlich ließ der Junge ihn gehen.

Routine, sagte der Beamte lächelnd, reine Routine, und reichte ihm einen Fragebogen. Sein Schreibtisch stand in einem hohen fast leeren Raum; gotische Fensterbögen, Buntglas, farbige Lichtreflexe spielten über dem Kopf des Mannes. Ein Ventilator bewegte die warme Luft. Als Curbelo den Bogen zurück gab, grinste der Mann: Gut, dass wir wissen, wer wir sind und vor allem, wo wir hingehören. Nicht wahr? Curbelo schaute ihn fragend an.

Die Illegalen würden ihre Papiere vorher wegwerfen. Damit könnten sie den Behörden alles erzählen!  Haarsträubend, was man ihnen in Afrika alles angetan habe. Und das alles nur, um die wenige Landarbeit in Spanien zu machen? Er lachte: Sollen wir vielleicht die Hotels und die Touristenanlagen schließen und wieder mehr Land kultivieren, und damit mehr Arbeitsplätze für die Afrikaner schaffen?

Warum nicht? Wäre vielleicht eine Möglichkeit?

Der Mann winkte ab. Als würde er sich plötzlich erinnern, warum Curbelo gekommen war, sagte er: Aber keine Sorge, den beiden von gestern, Brüder wahrscheinlich, geht es gut. Sie sind im Hospital. Kommen ja immer wie halbe Leichen hier an.

Curbelo verfolgte die Lichtpunkte über dem Kopf des Mannes. Seine Erklärungen lösten in ihm Unbehagen aus. Etwas in ihm stolperte und konnte nicht weitergehen. Er, der sonst immer eine klare Meinung vertrat, ein strukturierter, planvoller Mensch, verlor seinen Rhythmus bei dem dummen Geschwätz eines kleinen Beamten. Er starrte auf seine gepflegten Fingernägel, während der andere weiter redete. Haben sie schon mal einen der  Flüchtlinge gesehen?, unterbrach er ihn. Ich meine nicht im Fernsehen, sondern … Haben Sie schon mal einem die Hand gegeben? Ihm in die Augen geschaut?

Curbelo konnte förmlich zugucken, wie der andere sich ihm gegenüber verschloss: Das ist nicht mein Bereich, antwortete er kühl. Ich habe mit meinen Aufgaben hier schon mehr als genug …

Wieder unterbrach ihn Curbelo, ungehalten, unhöflich jetzt: Und was geschieht weiter mit ihnen?

Das übliche. Aus ihrem Kauderwelsch ihre Geschichte sieben. Freundliche Leute kümmern sich. Päppeln sie auf... Sind sie minderjährig, greift das Jugendprogramm. Sie werden in einem speziellen Lager untergebracht; lernen Spanisch, gehen zur Schule. Spanien darf Minderjährige nicht ausweisen.

Und wenn sie achtzehn werden?

Wenn sie Arbeit gefunden haben, ihre Papiere okay sind, können sie bleiben. Der Beamte stand auf, schob seinen Stuhl fort: Guter Mann, mehr weiß ich nicht, wills auch nicht wissen! Plötzlich klang er wütend: Wir haben sie doch nicht eingeladen! Und Spanien? Lässt uns mal wieder allein mit dem Dilemma. Ist ja auch egal. Bei uns ist schon immer der Dreck von Europa angeschwemmt worden. Jetzt kommt die Ladung eben aus Afrika!

In der Eingangshalle traf  Curbelo auf zwei Männer vom Strand, die auch befragt worden waren. Sie beschlossen, gemeinsam etwas trinken zu gehen. Curbelo fragte sie nach dem Jugendprogramm, doch einer der beiden winkte ab: Bei vierzig Prozent Arbeitslosigkeit? Was für eine Chance haben sie da? Eine absurde Situation ist das, sie werden ausgebildet, erhalten Sprachkurse und dann werden sie abgeschoben.

Der Text ist zuerst im Achter-Verlag in dem Erzählungsband "Eintritt frei" publiziert worden.

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