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22.07.2018, Jamal Tuschick

Ein Nachmittag in dem Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Getanzte Postapokalypse

Aktivistin in Berlin

Der Nachwuchs von Dock 11 kam zum Einsatz, als sich schon was zusammenbraute. In einem gespenstischen Da zwischen toxischem Gelb (ein von Kunstnebel verstärkter stroboskopischer Effekt) und dem Orange der Warnschutzjacken drehten Kinder als Überlebende einer Katastrophe, die das Leben global aus den Gleisen springen ließ, die letzten Runden der Menschheit in schrecklicher Ausdauer. Sie tanzten die Postapokalypse nach Motiven von Cormac McCarthy und einer Choreografie von Carmen Martini. Die Szenen hatten ihren Ursprung in dem Roman „Die Straße“. Carmen hatte das Grauen für ihre Eleven didaktisch aufbereitet, deshalb ein paar Nächte schlecht geschlafen und sogar einen wiederkehrenden Albtraum gehabt, dessen Schilderung ich mehrmals über mich ergehen lassen musste. Meine Exemplare sind stets im Müll gelandet, um antiquarisch ersetzt zu werden.  

Man zeugt Kinder mit vorsorglicher Absicht. Im Bauch der Frau wird ein Fleischvorrat angelegt. Das ist die letzte Wahrheit über Elternliebe.

Ich hatte mich geweigert, mit Carmen die „Straße“ zu überqueren. Wie ich mich auch wandte, überall sah ich BH-Träger. Das ging so seit Wochen. Jetzt kam ich dahinter, in diesem Sommer trägt man schulterfrei. Das ist eine Verpflichtung.

Die Straße in den Knochen und die Gesichter von gestern

Ich grüßte ein paar Straßenkinder im Vorruhestand. In ihrer Matrix steckte ein Teufel der Ungenauigkeit. Nie was richtig gelernt. Alles immer nur aufgepumpt, gepimpt, getrimmt und aus dem Gelenk geschleudert. Wie abgeschrieben von Wikipedia.

Unsere Hirne sind struppig. Wir haben die Straße in den Knochen und die Gesichter von gestern.

Was willst du? Vor siebenhunderttausend Jahren war der Ärmelkanal ein Fluss und die Themse zählte zu seinen Nebenflüssen, und einen erdgeschichtlichen Wimpernschlag früher war der Bach meiner Kindheit so breit wie der Amazonas. (Siehe Wikipedia)

… so ist Murat noch immer, so rapid und aufs Raushauen aus. Der Motor des Lebens läuft für den alten Rotzlöffel zu langsam.   

Das Leben in der Sporttasche

Nach einer Abmahnung vom Trainer … speck ab oder zieh Leine … hat er vor vierzig Jahren die Freude am Sport verloren. Er befindet sich noch auf dem Weg von dem Boxer mit einem Leben in der Sporttasche zum Kottbusser Tor.

Ich war zu schwer, so einfach ist das. Mir fehlte Reichweite. Ein Reichweitendefizit ist keine Kleinigkeit, mein Lieber.

Murats Suada streifte die Figur des kleinen Mannes. Wenn zwei Kämpfer gleich schwer und gleich gut sind, muss der im Vergleich kleine Mann größere Risiken eingehen als der große.

Jeder hat einen Freund der mit achtzehn Stadtmeister war und nicht weiterkam, weil alle anderen in seiner Gewichtsklasse längere Arme hatten. Doch nicht jeder erklärt sich in Kategorien von Reichweite auch noch vierzig Jahre später das Leben.   

Kiezkünstler

Paola machte sich nichts aus Kiezkultur. Sie war eine Vagabundin mit rauen Manieren. Wegelagerer der Kunst zog das Tief an den Haaren. Doktor Bier war so hingerissen vom eigenen Vortrag, dass er Paolas Wut kaum bemerkte. Der Dozent dozierte in einem quietschenden Mantel. Er dozierte über „Torsi auf Sackleinen“. Er pries den angeblich türkischen, zwischen seinen „Arbeitsstädten“ Istanbul, London und Berlin pendelnden Künstler Finnland Camaro Orkan. Meines Wissens ist Finnland nur einmal umgezogen und dabei nicht weiter als von Kreuzberg nach Pankow gekommen.    

Die Vernissage war eine Klapptischangelegenheit. Den Leuten, die im Sturm ihre Einkäufe davontrugen, standen Kiezkulturinteressierte im Weg. Im Weg zu stehen und seltsam zu erscheinen, ist Finnlands Plaisir. Er lebt erst drei Monate am Kollwitzplatz. Trotzdem hat er es geschafft, den Organisatoren der „Kiezkultur am Kollwitzplatz-Initiative“ seine Beteiligung einzureden. Nun stahl er echten Kollwitzplatzkiezkünstlern die Schau. Finnland ist so türkisch wie ein Pole, er hat sich selbst zum Türken gemacht, ursprünglich aus Liebe. Die Liebe ging, doch Finnland blieb Türke. Er hat Bier einen solchen biografischen Bären aufgebunden, dass Bier intellektuell auf den Göbekli Tepe und durch das Frühneolithikum stieg und von daher Verbindungen zu Finnlands Kunst zog. Finnland behauptet, aus der Gegend von Urfa zu stammen und in seiner Kindheit von steinalten Pfeilern fasziniert („magisch angesprochen“) worden zu sein, die er damals schon (angeblich intuitiv) als vorgeschichtliche Kultgegenstände identifizieren konnte.  

Paola drohte mit Sintflut. Bier schlug gekonnt einen Haken vom Neolithikum zur Funktionsmoderne.  

Räder aller Gangarten weideten auf dem Pflaster. Paola ließ Luft aus Ballons, die an eine Feuerwehrleiter gebunden waren. Dem Tief waren für Donnerwetter und Wolkenbruch inzwischen genug Leute auf der Straße. Mütter flüchteten mit der Brut in einen Art-Truck von Mercedes. Mutierte Gießkannen begrüßten im Laster Genmanipulationen. Vielleicht waren sie auch gegen Genmanipulationen aufgestellt worden.  

Gerd Pappnase nässte an. Jana Simon vermutete ich unter einem Regenschirm. Vielleicht halluzinierte ich bereits … auch das innere Gelände muss gerodet und mit Disziplin eingefriedet werden. Fortgeschrittene stellten die Mimik ein und erschienen undurchdringlich im Kreuzgang zwischen Straße und S-Bahn-Trasse.

Loriot-Doppelgänger lockte der Sturm in einen Spätkauf. Ich sah einen Strauß pensionierter Studienräte, die ihr Kleingeld bei Syrern loswurden. Überall sind Syrer da, wo letztes Jahr andere unten auf der Leiter standen; urbane Adoleszenten, für die Berlin keine große Sache zu sein scheint.

Im „Walden“ las ein Schauspieler aus „Januar“ von Iris Jiménez. Die Geschichte findet unter einem Wildlederhimmel statt. Am andalusischen Anfang kämpft ein wilder Hund mit einem Hofhund. Ein aristokratischer Salon-Republikaner auf der Flucht beobachtet den Kampf in Erwartung der Niederkunft einer zur Schwägerin aufgestiegenen Magd. Seine Empfindungen sind rustikal wie Eichenmöbel. Sein Bruder, der Edelbauer, ist verschollen. Francos Spanien ist ein Sack voll schmutziger Geheimnisse. Der Waffengang hat die Gesellschaft einen Blick auf ihren Grausamkeitsvorrat werfen lassen. Abgestiegener Adel arrangiert sich mit Emporkömmlingen, die in der franquistischen Etappe reich wurden; während andere „Sieger“ sich als Hanswürste im Rinnstein wiederfinden: wie jener Schuhputzer aus Salamanca, der seinen Namen mit einem „del“ eigenmächtig aufwertet. Mit dem Groll des Vaters in den Fäusten, gewinnt ein Sohn seinen ersten Kampf. Ein verfemter Arzt liest Romane in der leeren Praxis. Die Bäuerin gebiert, der Schwager tritt an die Stelle des Gatten. Er stirbt „kerngesund“ nach einer Zeit sturer Leidenschaft. Man war füreinander nicht vorgesehen gewesen, die sozialen Reflexe hatten auf der ganzen Linie versagt und folglich etwas Unerhörtes zugelassen.

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