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22.07.2018, Jamal Tuschick

Im Rheinland legt sich der Weltgeist zur Bratwurst und sagt: Mer muss och jünne künne.

Lethargische Egozentrik und trostlose Begierde

Die „falschen Konfirmanden“, „real existierenden Trauerklöße“, „prä-pubertierenden Individual-Anarchistinnen“ sowie alle „Krüppel im Krebsgang“ in Joachim Lottmanns Ende der Achtzigerjahre erschienenen Roman „Mai, Juni, Juli“ bieten jenen Vorlagen und Herausforderungen, die im Überbietungswettstreit, Formulierungsfuror und Ziselierungsrausch ihr Heil suchen.

A.J. Weigoni, „Lokalhelden“, Roman, Edition Das Labor, Mülheim 2018, 319 Seiten

In seinem Roman „Lokalhelden“ reizt Weigoni prunksüchtig die Chancen der Kaskaden und des Rhapsodischen aus, in der Manier eines Alleinunterhalters, der die Klangfülle eines Orchesters plus Geräuschkulisse und einen sich mit dem Taktstock am Rücken kratzenden Dirigenten parodierend hervorbringt.

„Normopathen leben in einem Kontakthof der Eitelkeiten, verborgen hinter einer Wand aus Affekten.“

Weigoni toppt Lottmanns Saltos, Schlingen und Schleifen – die Akrobatik auf zwei Ebenen: der Szene und dem Diskurs - mit einem Schuss Wolfgang Welt. Das wird von der Behauptung überschrieben, der Autor revitalisiere den Heimatroman und seine Begriffe für das Regal mit den vorzeigbaren Titeln im Gegenzug durchgreifender Kritik. Adornos Einwand gegen Zille, der Zeichner habe lediglich das Elend am Popo gestreichelt, trifft ihn jedenfalls nicht.

Weigoni hat sich das Rheinland vorgenommen. Da legt sich der Weltgeist zur Bratwurst und sagt: Mer muss och jünne künne. Der Weltgeist trinkt Alt, während ein Lied in der Kneipe „Leute anspricht, die nicht zuhören, und den Sound für Typen liefert, denen Musik egal ist“.

Weigonis Agenten beobachten und entfalten den „Charme tapferer Drittklassigkeit“. Sie beteiligen sich am „Schaulauf der gescheiterten Existenzen“ in einer unterminierten Bundesrepublik. Es herrscht „moralischer Schwachsinn“ und „leere Kommunikation“. Werbung greift das Gehirn an. Nichts ist gut.

Hennes, einer von Weigonis klugen Nieten mit etwas Knast im Erfahrungsschatz, vermutet die poetischen Epizentren des neuen Deutschlands an Gesellschaftsrändern, wo rassistische Anhänger der Fortuna in Dönerbuden tagen und sich vor der türkischen Belegschaft keinen Zwang antun. Ob Anwesende nun ausgenommen sind vom Rotz der üblen Nachrede, soll klären, wer will.

Hennes erkennt „Zombies der Erlebnisgesellschaft“, die aus Speckgürteln in die Metropolen gezogen sind, um ihre Renten in Jahrzehnte langen Spannen da zu verzehren, wo „et Läwe is“. Die alte Bundesrepublik war für sie ein Selbstbedienungsladen, in dem jeder seinen Teil abbekommen hat. Die Teilhabepotenz der Senioren führt auch auf den Strecken der Verklappung von Altersgeilheit zu demografischen Verschiebungen. Die Repräsentanten der James Dean Generation haben noch was vor.  

Irgendwo steht das Wort „Behauptungskitsch“ neben Helmut Kohl, dem schwachen Kanzler im Vergleich mit Brandt, der sich zu schämen vermochte. Soweit Weigoni. Ich finde, der Roman hallt wieder von Behauptungen, die leicht zu haben sind. Agitation und Eifer schwächen die Kunst und greifen die Kritik an. 

 

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