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24.07.2018, Jamal Tuschick

Montags in Dresden

Sie halten sich für Geknebelte und Verschaukelte und träumen von direkter Demokratie. Dass die Verfasser*innen des Grundgesetzes bei den Einhegungen des Plebiszits, Leute ihres Schlages vor Augen hatten, wissen sie nicht. Als die alte Bundesrepublik in Gang kam, spielte der Umstand, dass Hitler legal an die Macht gekommen war und das Licht der Demokratie im Reichssaal einfach löschen konnte, eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung einer dem Demos gegenüber reservierten Demokratie. Der Kleinbürger, der seinem Wesen und Willen nach Untertan ist und in Zucht- und Ordnungsorgien schwelgend „Wir sind das Volk“ ruft, liefert einen Typus, seit die deutschen Länder zum Wilhelminischen Kaiserreich verschmolzen wurden und sich zwischen Proletariat und Bürgertum eine Klasse klemmte, die Abweichung ablehnt, sich für homogen hält und im freien Gebrauch von Wörtern wie Volk, Nation, Patriotismus und Islam den oberflächlichsten Bedeutungsanhaftungen huldigt.

Das zeigt Sabine Michels dokumentarischer Zimmerspringbrunnen „Montags in Dresden“.

„Montags in Dresden“, Dokumentarfilm, Deutschland 2017. Regisseurin: Sabine Michel. Produzentin: Susann Schimk.

Drei Pegida-Protagonist*innen kommen zu Wort und bieten weitläufige Aussichten auf ihre Weltbilder. Der Geschäftsführer Daniel Heimann, dessen Eltern aus Schlesien als Flüchtlinge in Dresden einst nicht willkommen waren und als „Polacken“ ihren Platz in der Sowjetischen Besatzungszone suchten, beklagt die staatliche Ignoranz des Volkes in Akten „offizieller Demokratieverweigerung und Regierungsrechtsbrüchen“. Er ist mit dem Vordenker Götz Kubitschek befreundet. Kubitschek beherrscht die subversiven Aufstellungen gegen das System und versteht etwas von Unterminierungen der Gesellschaft mit geistigen Sprengsätzen. Für die anderen ist das zu abgehoben, sie wissen, sie brauchen den feinen Anstrich nicht, denn wer, wenn nicht sie, sind die Deutschen. Und wieder und noch einmal – sind das Volk – sind jene Anständigen und Aufrechten, die „in Berlin und Brüssel verschaukelt“ werden.

Der Geschäftsführer Daniel Heimann weist dezent auf seinen Wohlstand hin. Er lässt sich bei der Bewältigung von Führungsaufgaben filmen. Er sieht immer noch so aus wie der CDU- und FDP-Wähler, der er zwanzig Jahre lang war. Doch jetzt ist er mit den Etablierten fertig. Heimann besucht die Eltern und gibt vor laufender Kamera den heimkehrenden Sohn in einer allegorischen Sequenz. Zurückhaltend beschreibt er die Absonderung der katholischen Zuwanderer in einem gottlosen Staat. Mit dem Gebetsbuch unter dem Arm in der DDR sonntags zur Kirche – so lernt man Widerstand.

Heimann repräsentiert die bürgerliche Standfestigkeit. Er stellt fest:

„Die anderen bringen ihren Gott mit. Das kann nicht ohne Konsequenzen bleiben.“

Die anderen, das sind Muslime. Vor deren Expansionsintransigenz hat Europa „zumindest geistig“ kapituliert.

„Dem haben wir nichts entgegenzusetzen.“

Nur die „Lügenpresse“ weiß es besser. Sie repräsentiert genauso wenig wie die repräsentative Demokratie den Willen des Volkes. Da ist er wieder: der Wille, der nicht gewollt ist.

Eine mit der Betreuung ihres autistischen Sohnes voll beschäftigte Alleinerzieherin verkörpert den freundlichen Unmut aus dem Bauch. Sabine Ban liest aus dem Koran vor, zum Beweis der eingeschriebenen Militanz des Islam. Zwei, drei Wendungen später begreift der Zuschauer. Für Ban kann ein Muslim seine Friedlichkeit nur zeigen, indem er seinem Glauben abschwört.

Sie hortet Büchsen und Klopapier für den Notfall, beziffert stolz die Zahl der Konserven. Ein Bürgerkrieg scheint unvermeidlich. Dann wird Ban gewappnet sein.

„Und wir sind viele.“

Das heißt diesmal, nicht viele Lutz Bachmanns, wie bei anderen Gelegenheiten, sondern viele Gewappnete, die den Exodus längst vorbereitet haben. In anderen Ländern werden die Flüchtlinge unbedingt willkommen sein. Als halbe Ungarin steht Bans Ziel schon fest. Die Erzählerin ihrer selbst versteht sich nicht. Sie begreift nicht ihre Paranoia, die sie in einem Futteral des Politischen vergesellschaften möchte. Das ist ein Überlebenskonzept. Pegida als Gemeinschaft ohne Schuld und Platzhalterin für ein besseres Leben. Die meisten ziehen sich mit Selbsttäuschungen und Fiktionalisierungen am eigenen Schopf aus allen möglichen Sümpfen. Die Pathologie ist nicht grell, sie lädt den Zuschauer nicht dazu ein, sich erhaben zu fühlen. Ban kämpft. Sie wünscht sich größere Solidarität – eine Volksgemeinschaft wie sie in Bildern angedeutet wird, die der Film manchmal so anbietet, als hätten die Protagonist*innen die Regie übernommen oder zumindest vorübergehend die Kamera gekapert, um ihre Bilder von einem deutschen Dresden mit Volksmusik und dem Recht auf ungestörte Volkstrauer am 13. Februar eines jeden Jahres.

Das Trio der besorgten Bürger*innen komplettiert René Jahn - ein Allrounder zwischen politischem Aktivismus, Heimatliebe und den Zwängen des Erwerbslebens. Jahn war zufrieden bei der Nationalen Volksarmee. Man erkennt den Sportler, der in dem Fünfzigjähren locker mitläuft - das Athletengefühl. Eine alte Jugendlichkeit sucht noch den Erfolg und die Magie gesteigerten Daseins. Auf seine Weise begreift Jahn eine Wahrheit: Das Politische ist privat. Er ist immer ganz privat in der Trainingsjacke auf seiner Mission. Er will Dresden vom Schicksal der alten Bundesrepublik bewahren. Er sagt Überfremdung, wo Kubitschek ethnischer Pluralismus sagen würde. Jahn trägt sein Herz auf der Zunge. Er äußert sich mit Kunstpausen unumwunden. Er liefert rhetorische Kabinettsstückchen und schlägt dem PC-Zwang manches schlaue Schnippchen. Er weiß, den Film, in dem er mitspielt, gucken zwar die Falschen, aber die Richtigen werden darin dereinst in ihm einen taffen Vorläufer sehen. Einer, der in der Systemzeit an der Schmerzgrenze des Staates und in den Spielhallen der Legalität Druck aufgebaut hat.

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