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24.07.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte in Fortsetzungen von Safeta Obhodjas (mit einem Einwurf von Jamal Tuschick)

Meryams Rede oder Mit beiden Händen auf beiden Heiligen Büchern

Safeta Obhodjas

Anne ist am Telefon.

Anne aus der Büchse der Pandora meiner Vergangenheit.

„Meryam, hier ist Anne. Erinnerst du dich an mich? Oder hast du mich vergessen?“

Vergessen? Wie hätte ich jemals den Tag meiner Rettung vergessen können?

Eine biblische Geschichte! Anne stand mir bei, während ich mich durchs Labyrinth des deutschen Sozialsystems boxte und zu einer stabilen Persönlichkeit therapiert wurde.

Als Teenie war ich die ungehorsame Tochter einer Familie aus dem Libanon. Statt zur Koranschule ging ich lieber mit meiner Clique ins Kino. Trotz des Verbotes nahm ich am Schwimmunterricht teil und verabscheute alle Werte der aus der ersten Heimat mitgebrachten Traditionen. Mein Benehmen entsprach nicht den Wünschen meiner Mutter, die fest entschlossen war, mich, ihre schöne, unschuldige Tochter mit einem hochkarätigen Kriminellen aus einem anderen Ghetto zu verheiraten.

Für meine Rebellion wurde ich grausam bestraft. Meine Haut trägt die Spuren dieser Zeit: eine Narbe hinter dem rechten Ohr, eine im Nacken. Die breite Narbe über der Schläfe ließ ich durch eine Laserbehandlung retuschieren. Besonders hart waren die Schläge meines ältesten Bruders und eines Onkels. Meine Mutter stiftete die Männer an. Alle Entscheidungen in der Familie traf sie, und sie schwor, nie weich zu werden.

Eine Ausschweifung

Wir verstanden uns nicht gleich gut, Safeta Obhodjas und ich, der den Blog betreut und das Gespräch der Vielen in Gang hält. Ich fand, die Autorin arbeite mit zu geringer Distanz an ihren Gegenständen und bat sie, ein interventionistisches Lektorat hinzunehmen. Plötzlich schrieb ich mit: 

Man schwor bei uns flamboyant Stein und Bein. Zu schwören war eine Gelegenheit für maximale Inbrunst. In diesem Genre herrschte ein theatralischer Überbietungswettbewerb, den die Frauen gewinnen mussten. Das war eine Möglichkeit, der Demut Glamour zu verleihen. Frauen bewiesen ihr Einverständnis mit den herrschenden Verhältnissen, indem sie die Schwächsten der männlichen Macht zum Fraß vorwarfen. Sie bewahrten sich in vorauseilender Unterwerfung … kostümiert mit allem, was man sich vorstellen kann – in Exzessen der Selbstverleugnung.  

Safeta Obhodjas stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der die dort lebenden Völker glaubten, ihren demokratischen Weg im Sozialismus gefunden zu haben. Die Autorin war Zeitzeugin der Diskrepanz zwischen Ideologie und Realität. Ihre slawische Herkunft und ihre muslimischen Wurzeln brachten sie in ein doppeltes Dilemma der Zugehörigkeit. Die Suche nach der eigenen Identität in einer ideologisierten Umgebung thematisiert sie ihrem Roman „Scheherezade im Winterland“. Ende 1992 musste sie fliehen, um der von den serbischen Politikern gesteuerten „ethnischen Säuberung“ zu entgehen. Seither lebt sie in Wuppertal. Ihre schriftstellerische Tätigkeit setzt sie zweisprachig auf Bosnisch und Deutsch fort. Sie engagiert sich für bessere Bildungschancen von Zugewanderten in Deutschland. www.safetaobhodjas.de

Kaschierte Blessuren - Weiter geht es in der Geschichte

Auf einem Regal im Wohnzimmer stand eine sehr schöne Ausgabe des Koran, eine Reliquie, die nicht zum Lesen bestimmt war. Mit der rechten Hand auf dem Heiligtum beschworen die Familienmitglieder ihre Absichten. Mein Vater schwor so oft dem Alkohol ab, mein älterer Bruder schwor auf den Koran, wenn seine Spielsucht ihn zu Boden geworfen hatte. Kein männlicher Eid hielt den Alltag und die Süchte aus. Doch meine Mutter hielt hartnäckig an ihrem Schwur fest: Solange sie lebe, würde sie nicht zulassen, dass sich Meryam in eine verdorbene Deutscharaberin verwandelte.

Es war nicht einfach, meine Blessuren zu kaschieren. Wenn sie trotz meiner Anstrengungen, sie zu vertuschen, sichtbar blieben, bemühten sich sowohl die Mitschüler als auch die Lehrer sie zu übersehen. Nur Anne nicht! Oft kam sie zu mir und versuchte, mein Vertrauen zu gewinnen. Sie erzählte mir von ihren Eltern, die sich immer für die Schwächeren einsetzten. Ihre Mutter leitete einen eigens gegründeten Verein für die „Rettung von Mädchen und Frauen aus den Zwängen gewalttätiger Sippen“.

Als ich eines Tages mit einem Stirnband in die Schule kam, das eine dicke Beule verdeckte, kam Anne zu mir und erklärte, mein Leid sei nicht länger zu ertragen. Ihre Eltern würden darüber mit der Schulleiterin sprechen.

Am folgenden Abend verstaute ich meine Schulsachen und ein paar Habseligkeiten in einen Rucksack, mit dem ich spät in der Nacht mein Elternhaus für immer verließ. Versteckt im Keller des Hauses, wo Annes Familie wohnte, wartete ich auf einen freien Platz in einem Jugendheim.

Unser erster Ferientag war ein wunderschöner Tag im Frühjahr, so warm, dass Anne das Frühstück auf einem Tisch auf der Terrasse servierte. Wir waren allein zuhause. Annes Eltern liefen auf einer Demo mit und Annes Bruder befand sich als Austauschschüler irgendwo in England. Ich saß auf einem hohen Hocker am kleinen Kellerfenster, mit einem Tablett auf den Knien, und so frühstückten wir, Anne in einer Sonnenpfütze, ich im Halbdunkel, unsichtbar für die Welt wie ich irrtümlich annahm.

„Ich hoffe, niemand weiß“, begann Anne und verstummte. In meinem Blickfeld erschienen zwei Paare Männerbeine und ein langer Mantel, der meiner Mutter gehörte.

„Anne, sag nichts!“, zischte ich kurz vor der Erstarrung. Trotzdem fehlte mir nicht die Klarheit, zu erkennen, dass mein Leben allein von Annes Courage abhing. Ihre nackten Beine wirkten wie Streichhölzer im Vergleich mit den stämmigen Männerbeinen.  

Wird bald fortgesetzt.

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