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25.07.2018, Jamal Tuschick

Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Mit den gestalteten Träumen reagierte Rahel Varnhagen auf gesellschaftliche Gestaltungshemmnisse.

Man hatte auch schon Licht

Hannah Arendt 

Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771 – 1833) träumte so. Sie schloss den interessantesten personellen Konstellationen einer Ära Räume auf. Dennoch blieb sie als Jüdin Außenseiterin.

Mit seinem „Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ lieferte Hans Jonas (1903 – 1993) den Kritikern eines ungebremsten Wachstums in den westlichen Industrienationen Argumente. Jonas gehörte zu den hellen Köpfen einer Generation, deren Väter zur Gründerzeit das Ihre beigetragen hatten. Die klugen Söhne, Walter Benjamin und Franz Kafka zum Beispiel, reagierten allergisch auf die tüchtigen Väter.

Die Vater-Sohn-Dissonanz wirkte sich auf das geistige Klima der ersten deutschen Republik aus und beeinflusste das akademische Selbstverständnis in Deutschland nach 1945. Das kam zur Sprache im Jüdischen Museum, wo Feridun Zaimoglu mit Christian Morgen über „Erinnerungen“ diskutierte. Rachel Salamander hatte „Erinnerungen“ aus Gesprächen mit dem an einer Autobiografie nicht interessierten Hans Jonas destilliert.

Morgen war Assistent am Lehrstuhl für Judaistik in Erfurt, er hatte die Fahrt nach Frankfurt am Main lädiert hinter sich gebracht. Männer hatten ihn zusammengetreten, die sich mit keinem optischen Signal von der Gesellschaftsmitte besonders unterschieden. Sie hatten Morgen ihre Begründungen geliefert, er sollte nicht im Unklaren leiden. Er war entschlossen, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen und suchte unseren Rat am Rand der Diskussion.

Wir waren inzwischen versiert in Auseinandersetzungen mit Rassisten und erwogen ein Handbuch mit Abwehrtechniken zu publizieren. Jonas‘ Witwe Lore steuerte Anekdoten bei, die eine Epoche beleuchteten.

„Jungens, es geht nicht ohne Kampf. Wer sich nicht engagiert, wird engagiert.“

Das war ein Satz von Heiner Müller, Lore Jonas vergaß, die Quelle zu nennen. Sie nannte die intellektuellen Galionsfiguren eines Jahrhunderts beim Namen, als sei von Hinz & Kunz die Rede. Das ist Grandezza.

Den jungen Jonas beschwerte keine Erwerbsnot. Als Zionist fiel er aus dem Rahmen seines auf Unauffälligkeit bedachten und grundsätzlich reichsergebenen Milieus. Er studiert in Freiburg bei Husserl und in Marburg bei Heidegger. Jonas trug Heidegger nach: „Ein Philosoph durfte nicht hereinfallen auf die Nazisache.“

Er wurde beinah zum Geliebten und ganz zum Vertrauten von Hannah Arendt. Arendts Schönheit kam er einmal bis aufs Nachthemd nah. Nach Dreiunddreißig verließ Jonas Deutschland mit der Absicht, als „Soldat einer siegreichen Armee“ zurückzukehren. So geschah es.

Trotz allem hielt Jonas „die Welt niemals für einen feindlichen Ort“. Er wandte sich gegen eine fatalistische Geschichtsauffassung und beglaubigte den Optimismus mit einem gelungenen Leben.

Wir verbrachten den Abend mit Lore Jonas und Christian Morgen im Museumscafé der Hannah Salomon. Es ging lange um Rahel Varnhagen, wie sie Literatur träumte. Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771 – 1833) träumte so. Als Epochenfigur trug sie die Widersprüche ihrer Zeit in sich aus. Sie schloss den interessantesten personellen Konstellationen einer Ära Räume auf. Dennoch blieb sie als Jüdin Außenseiterin.

Mit zwanzig gründete die Berlinerin ihren ersten Salon. Clemens Brentano und Friedrich Schleiermacher kamen. 1806 marschierte Napoleon unter den Linden auf und Varnhagen begegnete ihrem Mann. Er war vierzehn Jahre jünger. Varnhagen erlebte mit ihm eine soziale Talfahrt, bevor sie wieder als gastgebende Hausherrin in der Französischen Straße Hof hielt.

In ihrem Tagebuch meldet sie ihre Träume, von denen fünf zentral sind. Sie wurden 1812 notiert. Im Briefwechsel mit Alexander von der Marwitz erscheinen die Träume wieder: „Hören Sie diesen Traum. Es war ein großes Diner, man hatte auch schon Licht, denn es war Abend.“

Hannah Salamon setzte sich zu uns. Varnhagens Handschrift ist kaum zu entziffern. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen.

„Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“

Varnhagen ließ sich im Alter von dreiundvierzig Jahren taufen. Sie strebte Assimilation (vergeblich) an. In den Träumen trat ihr Zorn auf: „Der Traum schreckt vor nichts zurück.“

Mit den gestalteten Träumen reagierte Varnhagen auf gesellschaftliche Gestaltungshemmnisse. In diesem Punkt herrschte Einigkeit am Tisch. Zaimoglu bilanzierte: „So bleibt eine Produktion stetig. Nur so geht es. Wer nicht ständig unter Druck gerät, bringt nichts Erhebliches fertig.“

Ich achtete auf Lore Jonas` Reaktion. Sie schien einverstanden mit Zaimoglus Bilanz. Ich ging in den Museumsgarten. Für diesen Abend hatte ich genug Unterhaltung. Ein Tor war nicht geschlossen. Ich alarmierte den Sicherheitsdienst.

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