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27.07.2018, Jamal Tuschick

Bringer der Zukunft

Iris Jiménez wird mal wieder abgeführt.

Man behauptet, zum Beweis besonderer Frömmigkeit nach Mekka gefahren zu sein und war doch nur in Thailand zu den üblichen Tarifen.

Sinan war anders. Erniedrigten seine Freunde einen Verkehrsteilnehmer, dessen westlich-dekadente Aufmachung eine Protestnote haben konnte, plädierte Sinan für Mäßigung. Das setzte ihn einem furchtbaren Verdacht aus.

„Du lässt uns im Stich, Bruder“, hieß es.  

Sinan gehörte zur Basidsch-e Mostaz'afin - einer Miliz im Geist der iranischen Kulturrevolution. Berauscht von der Macht, die ihnen gegeben ist, setzen auch Heranwachsende die staatliche Kleiderordnung auf Teheraner Straßen terroristisch durch. Sie filzen einen Untergrund abweichender Lebensäußerungen, in dem Drogen genommen, Pornos gehandelt und geistliche Würdenträger zu Freiern werden.

Iris Jiménez gewann Sinans Vertrauen und berichtete für ANT aus dem Iran. Habe ich schon von Jiménez erzählt? Ihre Erscheinung belebt Erzählungen von Abenteuerinnen vergangener Tage. Von Frauen, die mit Charme Passagen ergatterten und in afrikanischen Hinterhöfen Hof hielten. Nimmt man die Chronisten beim Wort, dann konnten sie einen Tiger Männchen machen lassen.

Jiménez kommt es auf engagierte Zeitgenossenschaft an. Sie bereist die Welt, um „Bringer der Zukunft“ zu treffen. Sie agiert mit der Kaltblütigkeit einer Kriegsberichterstatterin und der glanzvollen Naivität der höheren Tochter.

Ihrer Privilegien gewiss, verschränkt Jiménez Reiseerlebnisse mit Episoden einer weltläufigen Jugend. Sie leistet sich narrativen und touristischen Mutwillen. Ständig wird sie verhaftet und entgeht Verurteilungen. Sie verfügt über den Blick des routiniert Durchreisenden. In Buenos Aires frühstückte sie auf dem Friedhof La Recoleta und schrieb: Der Friedhof ist eine Stadt für sich. In Hanoi besuchte sie ein Restaurant, in dem zum Verzehr bestimmte Reptilien gezüchtet werden. Man deutet auf eine Schlange und befördert sie so auf den Grill des Hauses.

Jiménez reagiert auf das Leben wie Kork in einer Strömung. Ihre Skepsis dient oft nur ihrer Gelenkigkeit zum Beweis. Sie streckt die Glieder, zeigt sich im Stimmungsspagat. Sie führt ihre Ungeheuer auf die Gasse und lässt sie stehen.

Jiménez behauptete: Der bürgerliche Widerstand gegen die Theokratie der Mullahs markiert im Iran nicht die Hauptkampfzone. Angestrebt werden größere Freiheiten innerhalb einer autoritären Staatsform.

Sie erzählt: Sinan war erleichtert, als er Teheran und die schlechte Luft hinter sich gelassen hatte, die seine Augen entzündeten. Viele Straßenkinder leiden unter Augenbrand. Sinan bretterte, hörte Rap in rücksichtsloser Lautstärke und unterbrach die Fahrt für ein ehrbares Bauernfrühstück. Er glorifizierte das Landleben, wie viele Städter.

Allgemein widersteht man dem feudalen Ungeheuer Staat. Die Schönheitsindustrie boomt. Es gibt eine metrosexuelle Strömung auch für Machos. Invertierte Kommandanten erklären den Objekten ihrer Begierde die Penetration als Vereinigung mit Gott. Droht eine Razzia, sagt der Polizeichef der Kamarilla seines Quartiers Bescheid. Er hat doch nur die Straßenseite gewechselt und weiß, wo er hingehört, sobald es hart auf hart kommt. Die Ära auf- und abgedrehter Chomeini-Jünger ist Geschichte. Der Iran kämpft sich zurück in die globale Gegenwart.

Man behauptet, zum Beweis besonderer Frömmigkeit nach Mekka gefahren zu sein und war doch nur in Thailand zu den üblichen Tarifen. Fliegt man auf, führt man zu seiner Verteidigung an, der eigenen Frau die sexuellen Wünsche nicht zumuten zu können. Eine Scheidung ist für die hintergangene Gattin mit totalem Statusverlust verbunden und steht deshalb nicht zur Debatte.

Religiösen Traditionalisten ist alles recht, was den Westen in die Schranken weist. Wie viele Trump-Wähler vernachlässigen ihre Entscheidungen persönliche Interessen. Hauptsache das Ressentiment wird bedient. Die Leute leben in ihren Vierteln in wenig permissiven Verhältnissen. Eine Kultur der nachbarschaftlich-familiären Überwachung zwingt alle zur Bigotterie. Standesdünkel und Traditionsbewusstsein treffen reglementierende Verabredungen. Eine alleinstehende, womöglich geschiedene Frau muss sich Bedrängungen erwehren und fände doch nur in einer Ehe wieder einen akzeptierten Rahmen - oder als Prostituierte ausreichendes Einkommen.

Gangster und Straßenkinder (so wie in Sinans Teheran) sind jedenfalls nicht erst seit Charles Dickens weltweit unterwegs. Das sind nicht allein soziale Archetypen, sondern auch poetische. Nach einer Lesung im Roten Salon der Berliner Volksbühne trafen Jiménez und ich Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden und fanden auf der Stelle einen Grund, um einvernehmlich zu lästern.
Van der Heijden hält die Kunst der üblen Nachrede für eine „hitzige Form der Rechtsprechung“.
„Im Gegensatz zu Essen und Sex kennt Klatsch keinen Sättigungspunkt.“
Er zog über die Literaturkritik her. Er glaubte zu dieser nächtlichen Stunde, dass Kritiker seinen Text nur so buchstabieren konnten wie Asthmatiker Luft holen.

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