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28.07.2018, Jamal Tuschick

Safeta Obhodjas über Leben und Schreiben einer Exilautorin in Deutschland

Plädoyer für eine Debatte ohne Dogmen

Safeta Obhodjas

Die Stimmen von Muslimen, die europäisch leben möchten und jegliche Gewalt im Namen des Glaubens verabscheuen, müssen lauter werden.

Meine erste Heimat ist Bosnien und Herzegowina. Ich habe dieses Land nicht freiwillig verlassen, ich wurde 1992 in einer Welle der „ethnischen Säuberung“ wegen meiner islamischen Herkunft zusammen mit meiner Familie vertrieben. Ich landete in Deutschland, in einem mir bis dahin unbekannten Land, wo ich das Glück erfahren durfte, mich auch auf Deutsch als Schriftstellerin weiterentwickeln zu können.

Meine erste Zeit in Deutschland, 1992–95, war eine Flüchtlingsagonie: Tagsüber bewältigte ich ein großes Programm, ich hatte drei Putzstellen, musste meine Familie versorgen, Sprachkurse an der VHS besuchen, mehrere Stunden Deutsch lernen. Dabei ständig die Gedanken an die bosnische Kriegskatastrophe: an das Sterben, den Hunger und das Elend meiner Landsleute. Bosnien war in allen Medien präsent, seine Tragödie wurde jeden Tag live in die Wohnzimmer weltweit übertragen. Viele Deutsche engagierten sich und sammelten für die Leidenden. Sie suchten Stimmen, die gerade dem Krieg entkommen waren. Ich machte mit, wobei ich nach und nach begriff, wie wichtig Deutschkenntnisse waren. Es tat gut, sich auf Augenhöhe zu Wort melden zu können.

Literatur aus Bosnien war damals gefragt, aber nicht meine Geschichten. Der Mainstream wollte der deutschen Öffentlichkeit sowohl das kosmopolitische Sarajevo als auch das harmonische Miteinander von Kulturen und Religionen in Titos Jugoslawien vorführen. Ich hatte keinen Roman, der das multikulturelle Märchen meiner Heimat ansprach.

Mein Stil gefiel einigen Lektoren, deshalb wollten sie von mir einen Liebesroman.

„Ich schreibe keine Liebesromane. Ich schreibe über bosnische Frauen, die im Namen der Liebe ausgebeutet werden, sogar von ihren eigenen Familien“, antwortete ich. Man riet mir zu diesem und von jenem ab. Ich konnte keinen Roman auf Bestellung schreiben und blieb in der wirtschaftlichen Not der ersten Migrationsstufe.

Irgendwann fand sich ein kleiner Verlag, der die Werke aus den bedrohten Kulturen bevorzugte. Mit den ersten Publikationen 1996/97 endete meine Flüchtlingszeit in Deutschland. Danach war ich gleichzeitig Putzfrau und Exilschriftstellerin. 1997 wurde ich durch das Engagement meines Verlages zu einem Symposium „Verlegen im Exil“ als Vortragende eingeladen. Es gab viele Referate und Diskussionen über die Situation des Schriftstellers in einer fremden Kultur. Ein Satz einer Referentin aber hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt: „Exilfrauen putzen Deutschland sauber, weil sie keine andere Chance bekommen.“ – Oder sie ihre Chance verpassen, so wie ich.

1997/98 bekam ich mehrere Arbeitsstipendien. Ohne existenzielle Sorgen und mit fortgeschrittenen Deutschkenntnissen konnte ich mehr Informationen über das Leben in Deutschland sammeln. Es war mir unverständlich, warum politisch-kulturelle Prominente das Problem Zuwanderung so oberflächlich behandelten. Man stellte fest, dass die Integration misslang und die Frauen im Exil kaum eine Chance hatten, sich zu emanzipieren. Viele Studien belegen, dass Migrantinnen in Deutschland dazu verdonnert sind, nicht nur als Putzfrauen zu arbeiten, sondern auch für ihre Familien Traditionen und Bräuche aus der alten Heimat hüten und Grausamkeiten ertragen müssen.

Es gab und gibt eine Form der Segregation, die das Unrecht begünstigt. Immer wieder meldeten sich deutsch- und nicht deutschstämmige WegbereiterInnen zu Wort und versuchten, ein Umdenken zu bewirken. Meist aber blieben sie ungehört. Die Strukturen der Mehrheitsgesellschaft entwickeln kaum Haftung, wenn es um die Emanzipation von Migrantinnen geht. Machthaber intervenierten nicht gegen die Entstehung von Parallelgesellschaften. Sie nahmen die Umwälzungen nicht ernst. Entweder beriefen sie sich auf die Vielfalt der Kulturen, die man, ihrer Meinung nach, tolerieren müsse, oder sie lehnten es ab, Deutschland als ein Zuwanderungsland zu begreifen. So oder so agierten die politischen Parteien an der Realität vorbei und ignorierten die Probleme.

Der Terroranschlag am 11. September 2001 in New York erschütterte und veränderte die Welt. Nun sah sich die Öffentlichkeit mit dem „Islam in Europa“ konfrontiert. Aber nicht konstruktiv. Man behandelte das Thema entweder extrem feindselig oder wie ein rohes Ei auf der goldenen Waage der politischen Korrektheit. Die Korrekten dachten, um Gottes Willen, nur nicht die Fundamentalisten innerhalb der islamischen Gemeinschaft verärgern. Ihre Redaktionen überboten sich, den sogenannten Korankennern Foren zu bieten. Stets wurden dieselben Personen zu Podiumsdiskussionen eingeladen, und die Zeitungsseiten mit deren Ansichten gefüllt. Mal belehrte uns eine junge, schick gekleidete und reichlich geschmückte Frau, wie wir uns entsprechend den Vorschriften des Islam kleiden sollten, ein anderes Mal predigte ein Mann, dass Selbstverwirklichung von Musliminnen Sünde sei, weil sie nur für das Wohl ihrer Familien leben sollten. Eine im Sozialbereich engagierte, junge Kopftuchträgerin gab zu, dass es viel Gewalt gegen Frauen in den zugewanderten Familien gäbe. Sie versuche, dem Imam in der Gemeinde ans Herz zu legen, die gewalttätigen Männer bei seiner Predigt in der Moschee zu ermahnen: Man dürfe Frauen nicht verprügeln, der Prophet habe das nie getan. Ich fragte sich, wo lebten diese Musliminnen? In einem streng islamischen Land, wo die Scharia herrscht, oder in einem europäischen Staat, wo alle Gesetze zur Verfügung stehen, mit denen man die Rechte des Individuums schützen kann?

Einflussreiche Medien brachten überwiegend negative Schlagzeilen aus den Parallelgesellschaften: Zwangsheirat, Ehrenmorde an Schwestern und Töchtern, radikalisierte Jugendliche, Schulen des Schreckens. Viele Verlage folgten ihnen, weil sich mit den Büchern über misshandelte Allahtöchter Geld verdienen ließ. Ich hatte wieder keine glaubwürdigen Referenzen, weder für die politisch Korrekten noch für die negativ eingestellten Redakteure. Für die ersten war meine Art des Denkens und Schreibens zu europäisch, für die anderen hätte ich mehr Unterdrückung erleiden müssen. Es mag das, was ich jetzt erzähle, sehr zynisch klingen, aber das ist eine wahre Geschichte:

Eine Journalistin wollte ein Filmporträt über mich machen. Der zuständige Redakteur sagte: „Das Porträt einer Muslimin, die keine Kopftuchträgerin ist, die nicht vergewaltigt oder misshandelt wurde und nicht in einem Frauenhaus gelandet ist? Eine solche Geschichte interessiert unsere Zuschauer nicht.“

Ich hatte ein mir sehr wichtiges Manuskript in der Schublade. Im Künstlerdorf Schöppingen lernte ich 1998 einen Schicksalsgefährten aus dem Irak, Sargon Boulus, kennen, der aus der assyrisch-christlichen Kultur stammte. Seine Heimatlosigkeit berührte mich, seine Kenntnisse des Nahen Ostens begeisterten mich. Durch den Austausch unserer Erfahrungen als Pendler zwischen den Kulturen entwickelten wir nun ein gemeinsames Projekt: das Mosaikbuch „Legenden und Staub – auf den christlich-islamischen Pfaden des Herzens“. Aber damals zeigten Verlage wenig Interesse an einem christlich-islamischen Dialog-Buch. „Die Geschichte Ihres Kollegen können Sie streichen, Ihre eigene vertiefen, wobei Sie Ihren Leidensweg als Muslimin beschreiben sollten. Wir geben Ihnen zwei Monate Zeit, den Vertrag können wir jetzt abschließen.“ Der Lektor war großzügig, ich aber zögerte, unser Buch zu ruinieren. Einige Jahre später entschied sich ein Verlag, das Buch in einer kleinen Auflage und ohne Werbung zu drucken. Zum Glück hatte meine durch Mundpropaganda entstandene Leserschaft eine vollkommen andere Meinung. Sie fand meine Literatur neu, erfrischend, bedeutend, beeindruckend. Mit Putzstellen und Lesungen hielt ich mich weiter über Wasser.

Wann werden diese Redakteure begreifen, dass sie sich irren? Ich hatte die Ehre und Freude, viele Deutsche kennenzulernen, die von den Medien und von den Verlagen erwarten, dass sie Muslime zu Wort kommen lassen, die zwar zu ihrer islamischen Kultur stehen, aber gelernt haben, undogmatisch zu denken und zu handeln. Die Stimmen von Muslimen, die europäisch leben möchten und jegliche Gewalt im Namen des Glaubens verabscheuen, müssen lauter werden.

 
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