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29.07.2018, Jamal Tuschick

Worauf warten wir? - Eine Geschichte in Fortsetzungen

III. Teil - Die Hetzjagd

Cornelia Becker

Wieder unterbrach ihn Curbelo, ungehalten, unhöflich jetzt: Und was geschieht weiter mit ihnen?

Das übliche. Aus ihrem Kauderwelsch ihre Geschichte sieben. Freundliche Leute kümmern sich. Päppeln sie auf... Sind sie minderjährig, greift das Jugendprogramm. Sie werden in einem speziellen Lager untergebracht; lernen Spanisch, gehen zur Schule. Spanien darf Minderjährige nicht ausweisen.

Und wenn sie achtzehn werden?

Wenn sie Arbeit gefunden haben, ihre Papiere okay sind, können sie bleiben. Der Beamte stand auf, schob seinen Stuhl fort: Guter Mann, mehr weiß ich nicht, wills auch nicht wissen! Plötzlich klang er wütend: Wir haben sie doch nicht eingeladen! Und Spanien? Lässt uns mal wieder allein mit dem Dilemma. Ist ja auch egal. Bei uns ist schon immer der Dreck von Europa angeschwemmt worden. Jetzt kommt die Ladung eben aus Afrika!

In der Eingangshalle traf  Curbelo auf zwei Männer vom Strand, die auch befragt worden waren. Sie beschlossen, gemeinsam etwas trinken zu gehen. Curbelo fragte sie nach dem Jugendprogramm, doch einer der beiden winkte ab: Bei vierzig Prozent Arbeitslosigkeit? Was für eine Chance haben sie da? Eine absurde Situation ist das, sie werden ausgebildet, erhalten Sprachkurse und dann werden sie abgeschoben.

In die Programme werden Zehntausende gesteckt. Was willst du mehr? Manche sind vorher nicht einmal zur Schule gegangen, sagte der andere.

Umso schlimmer, man wirft ihnen einen Knochen hin, schürt Hoffnungen, und dann schickt man sie wieder zurück. Aber man kann sie nicht so behandeln, so … als wären sie Abfall und man wirft sie fort. Es ist nicht richtig, was wir tun. Er wandte sich an Curbelo und erzählte, dass man erst vor wenigen Monaten mehrere Afrikaner auf einer Finca entdeckt hätte. Sie waren aus einem Lager getürmt, als sie volljährig wurden und sie wussten, dass man sie abschieben würde. Es sind gute Landarbeiter, ertragen die Hitze, doch dort wurden sie wie Sklaven gehalten. Lebten in Hütten, so was bieten wir unseren Hunden nicht an, und mussten vom Morgen bis Abend schuften, ohne Bezahlung. Und für die Nacht hat man sie eingeschlossen. He, das hast du doch gehört, oder? Er sah seinen Begleiter an. Und? Gibst du es zu? Haben sie wie Sklaven gelebt, oder nicht?

Die Avenida war wie immer voller Menschen. Agustin erwartete sie schon am Kiosk. Sie setzten sich an einen Tisch vor der spanischen Bar, unter einen riesigen Gummibaum. Hier war die Hitze erträglicher und sie bestellten Kaffee und Wasser und für Agustin ein Eis. Der Wirt brachte die Getränke und blieb eine Weile bei ihnen stehen. Er drehte das runde Tablett in seinen Händen, sprach darüber, dass die Saison gut liefe, jede Menge Touristen, das Problem mit dem Wassermangel wie alle Jahre. Agustin schlang seine Eiswaffel hinunter, er hörte aufmerksam zu und sein vorgestreckter Kopf zuckte wie bei einem Vogel hin und her. Wenn Curbelo seinen Neffen anschaute, rumorte ein komisches Gefühl in ihm, so als ob er etwas tun müsste. Doch er wusste nicht was! Schließlich entdeckte Agustin einige Freunde auf dem Platz und lief zu ihnen hinüber.

Wart ihr gestern am Strand?, fragte der Wirt. Ein Desaster. Tja, da kann man wahrscheinlich nicht mehr viel machen, sagte er und ging wieder hinein.

 Touristen schlenderten lässig und leicht bekleidet, mit Handtüchern unter dem Arm, zurück vom Strand. Die Palmen auf der Avenida  standen wie Scherenschnitte, dunkel und unbeweglich, weiter hinten im Hafen fuhren Boote und kleinere Jachten ein, das Meer lag ruhig, wie eine blaue Scheibe, manchmal strich ein Windstoß darüber und das Licht hüpfte wie Glassplitter über die gekräuselte Oberfläche.

Über den Platz rannten die Kinder und grölten. Ein wildes, aufgeregtes Gerangel. Curbelo zündete sich eine Zigarette an und beobachtete sie.

Agustin rief: Yo soy el medico, ich bin der Arzt! Und er wurde zu zwei Jungen geführt, die auf der Erde saßen. Einer der beiden war mindestens zwölf Jahre alt. Curbelo hatte ihn oft gesehen, ein Junge aus der Nachbarschaft. Agustin strich ihm mit einem Stock über den Rücken und schien dann vorn die Lungen abzuhorchen. Wieder rief er: Ich bin Arzt, ich helfe euch. Ich bringe euch nach Haus, wo man auf euch wartet. Curbelo lächelte und rauchte. Die zwei anderen Männer schwiegen wie er und schauten zu.

Ich will aber nicht nach Haus, rief der größere Junge plötzlich, riss sich los und lief davon. Sofort folgte ihm die johlende Menge und versuchte ihn einzufangen, auch der andere Junge sprang auf: Ich will auch nicht nach Hause. No quiero volver a casa, no quiero volver. Es war wie ein Lied, eine Melodie, die sie leierten, und immer wenn das Spiel drohte uninteressant für die Häscher zu werden, fing einer der beiden wieder an: Ich will nicht nach Hause. No quiero …. Und die Hetzjagd ging wieder los.

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