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31.07.2018, Jamal Tuschick

Ein Macho gerät unter Anpassungsdruck - Die deutsch-irakisch-französische Schauspielerin und Schriftstellerin Safia Monney plädiert in ihrem zweiten Roman, „Harte Zeiten für echte Kerle“, dicht am Klischee für die Aufrechterhaltung der Geschlechterdifferenz.

Mitleid mit dem Macho

Links: Die Schauspielerin und Schriftstellerin Safia Monney im Juli 2018 auf einer Berliner Dachterrasse

 

Safia Monney hat für ihren zweiten Roman Männerwerbung ausgewertet und sich über Männerkongresse informiert.    

Am Ende einer Strecke männlicher Vorherrschaft entsteht noch ein kleiner Mythenkranz. Die Frage, was der Mann einmal war, wird auf einem Nebengleis zum Gegenstand einer Erzählung, die nicht wahrer ist als die klassische Perspektive auf die griechische Antike – siehe Goethes Blick auf Keramik und Steinmetzarbeiten im Licht der Odyssee. Während Männer im evolutionären Swing weltweit mutieren und hinter sich lassen, was nicht mehr funktioniert, um an der Sexfront auf der Siegerseite zu stehen, reanimiert Safia Monney den guten alten WG-Clemens, wie er an der Bierflasche nuckelt und im Mief seiner Horde zur Höchstform aufläuft; stets „auf (dem Weg) zum Späti“.

Die in Berlin als Tochter einer Französin und eines Irakers geborene, in Paris lebende Schauspielerin, Schriftstellerin und Weltreisende Safia Monney erschien bei der Präsentation ihres zweiten Romans Harte Zeiten für echte Kerle, Rowohlt Taschenbuch, 9.99,- in der Berliner Kulturbrauerei beinah als Nostalgikerin, die einer anachronistischen Geschlechterspannung nachtrauert. Im Gespräch mit dem Kollegen Edgar Rai verriet Monney ein Vergnügen an ihrem Helden, der als Verspäteter in der Machorolle unter Anpassungsdruck gerät. Clemens ist der Mann für journalistische Auslandseinsätze. Er covert seine Reiselust und Extremsportsucht mit Recherchen im Auftrag des Männermagazins Playtime. Im Jetzt des Geschehens verpasst eine Chefredakteurin dem Periodikum einen neuen Look. Es wird relauncht.

„Die Blattlinie ändert sich“, heißt es lapidar im Roman. In Wahrheit ändert sich alles. Wer vom Bestand nicht ausgenommen werden möchte, relauncht sich nach den Direktiven der neuen Blattlinie. Angeblich fallen dabei sämtliche Monstertrucks und Speedboote unter den Teppich der avancierten Gegenwart. Ungesichertes Überhangklettern geht auch nicht mehr. Zukünftig soll sich Clemens um Wellness & Beauty für den Mann kümmern. Der Reporter ohne Grenzen vermeidet die Konfrontation mit der überlebensfähigen Variante der eigenen Person. Noch einmal darf er von der Rallye Dakar berichten, die seit 2009 in Lateinamerika stattfindet. Am Abreisemorgen hält ihn seine aktuelle Affäre Annalena mit der Widersprüchlichkeit ihrer Empfindungen auf. Sie will Schluss machen, Clemens weiß überhaupt nichts von einer Beziehung, die sich beenden ließe. Das war doch nur Spaß zwischen Tür und Angel. Im nächsten Augenblick erwägt Annalena eine Familiengründung mit Clemens.

Monney offenbarte in der Kulturbrauerei, dass sie sich „nur schreibenderweise wohlfühlt. Ich kann nicht glücklich sein, ohne zu schreiben.“

Sie erfindet ihr ferne Welten, in denen Action die Programme bestimmt. So begreift man die Sympathie der Autorin für den aus der Zeit gefallenen, leicht tumb agierenden Clemens. Nimmt er einer greisen Nachbarin die Last ihres Einkaufswagens im Treppenhaus ab, ist das für ihn „wie Duschen. So viel Zeit muss sein.“

Im Taxi nach Tegel ist Clemens dann wieder vollkommen einverstanden mit dem abgedreht-monomanischen Gehabe des Fahrers, der sich im Auto wie in einer mobilen Höhle eingerichtet hat und vom Dienstleistungscharakter und von den Servicefunktionen seiner Tätigkeit schlicht und ergreifend nichts weiß.

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