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01.08.2018, Jamal Tuschick

„Die Kinder meines Vaters“ - Cornelia Becker errichtet auf Nebenschauplätzen des Romangeschehens den ohne Prunk strahlenden Prospekt einer Emanzipation.

Garantierte Ungerechtigkeit

Das Kind rutschte unter den Tisch, sobald etwas anderes geschah als gewöhnlich. Da legte es sich zum Hund der Familie, bis die Welt wieder ihr vertrautes Aussehen annahm. In der Gegenwart des Geschehens erinnert sich die Abiturientin Barbara. Sie und ihre Schwester werden zur Hausarbeit herangezogen, während der Stammhalter als „geborener Jockey“ die Pferde des Vaters bewegt und anderen stolzen Beschäftigungen nachgeht.

Barbara bemerkt eine durchgreifende, von Frauen nicht zuletzt garantierte Ungerechtigkeit. In dem westfälischen Dorf ihrer Herkunft ist die katholische Prägung massiv und die Verhaltenskontrolle umfassend. Die Eltern und Großeltern garantieren im Verein mit anderen Erwachsenen eine Ordnung, die das Leben nach unten zieht.

Alles verdient einen Tadel. Die Dinge haben einen Trauerrand oder einen Riss oder eine angeschlagene Ecke.

Cornelia Becker (Text), Yaser Safi (Bilder), Razan Nassreddine (Übertragung ins Arabische), „Die Kinder meines Vaters“, zweisprachige Ausgabe, Bübül Verlag, 77 Seiten, 14,-

Der Vater, ein aus Niedersachsen zugezogener Bauernspross, führt in der engen Heimat seiner Frau eine Tankstelle mit Werkstatt, die er „mehr der Not als einer Leidenschaft gehorchend an einer Ausfallstraße aufgebaut“ hat. Das sollte ihn in eine Reihe mit der Dorfgemeinschaft stellen. Aber so ist das nicht.

Der Mann überragt seine Verhältnisse mit ausgedachter Grandezza. Er wirkt exzentrisch in seiner Bereitschaft, den Horizont jenseits des westfälischen Tellerrandes wahrzunehmen. Er legt sich Pferde zu, erst solche, die ins Bild der Landschaft passen, gedrungene, lohfarbige Haflinger mit blonden Mähnen, dann vollblütige Araber mit geringem Stockmaß, sagenhaften Stammbäumen und aristokratischen Namen.      

Barbara wächst mit den Namen arabischer Fürstinnen auf, für die sie eine lautmalerische Phantasie entwickelt. Als Oberschülerin übersetzt sie die Korrespondenz des Vaters mit arabischen Züchtern ins Englische. In der temporären Aufgeschlossenheit des internationalen Briefverkehrs ergeben sich für die Korrespondentin Anschlüsse an Einheiten jenseits der Dorfgrenzen. Barbara entwächst ihren Verhältnissen. Ihre Fluchtbewegungen könnten vom Vater heimlich begrüßt werden. Ist er nicht ein halb Zermalmter in den Mühlen der gemeinen Engstirnigkeit?  

Ein vielversprechender Sommer nimmt seinen Lauf, als Abdullah Hassan Ibn al-Ġani seinen Besuch ankündigt. Der Scheich will europäische Nachkommen eines berühmten Araberhengstes seinem Gestüt einverleiben.

Die aus Paderborn in Ostwestfalen gebürtige Cornelia Becker nimmt mit der Geschichte von den exotischen Pferden, die ihre Heldin unter katholischen Bauern und Kleinbürgern auf den Geschmack eines anderen Lebens bringen, die Leserin ein. Die Sogwirkung wird zum magischen Erlebnis. Faszinierend finde ich, wie Becker auf Nebenschauplätzen des Romangeschehens den Prospekt einer Emanzipation ohne Prunk strahlend entstehen lässt.     

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