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03.08.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte in Fortsetzungen von Safeta Obhodjas

Anne und das Rollkommando - II. Teil von Meryams Rede oder Mit beiden Händen auf beiden Heiligen Büchern

Safeta Obhodjas

Der Schwur

Was zuvor geschah

Meryams Familie ist aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Die Ich-Erzählerin bezeichnet sich selbst als „ungehorsame Tochter“. Sie setzt sich über die Verbote der Eltern hinweg. Statt zur Koranschule geht Meryam lieber mit Ihrer Clique ins Kino. Sie nimmt am Schwimmunterricht teil. Ihre alle dominierende Mutter ist gleichwohl fest entschlossen, Meryam mit einem hochkarätigen Ghetto-Kriminellen zu verheiraten. Die Tochter entweicht dem elternhäuslichen Druck in die freundlichen Verhältnisse ihrer Freundin Anne. Als ihre Mutter, gestützt auf die explosive Gewaltbereitschaft männlicher Verwandter, Meryam aus dem Paradies entführen will, verkriecht sich das Mädchen in einer Ecke. Es beobachtet die Verhandlungen zwischen Anne und dem Rollkommando

So geht es weiter

Die Drohungen des Onkels in gebrochenem Deutsch waren unverständlich, aber sein Ton hätte jedem Angst eingejagt. Anne sagte wieder: „Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei.“

Ich sah nur die Bewegungen ihrer Beine. Mein Bruder schob den Onkel beiseite und sprach Anne ruhig an.

„Mädchen, sei unbesorgt, wir haben mit dir nichts zu tun. Sag uns nur, wo wir Meryam finden können.“

„Wovon redest du? Ich habe Meryam seit Tagen nicht gesehen“, schrie Anne. Ich hörte und spürte ihre Panik. Ich hielt mein Handy fest, hatte aber nicht den Mut, die Polizei anzurufen. Ich schämte mich aus so einer Familie zu stammen, ich schämte mich, Anne in so eine Situation gebracht zu haben. Wenn sie nachgeben würde, würde ich die Nacht nicht überleben. Auf einmal begann meine Mutter ein Wort auf Arabisch zu kreischen:

„Schwören!“

Sofort war mir klar, was sie beabsichtigte. Schwören, wie bei uns zuhause, mit der rechten Hand auf dem Heiligen Buch. Sie zog ein Buch aus der Handtasche und ich sah, dass es nicht der Koran war, den ich gut kannte, sondern eine Bibel.

„Meine Mutter glaubt dir nicht“, brummte mein Bruder. „Leg die rechte Hand auf die Bibel. Kannst du schwören, dass du Meryam seit Tagen nicht gesehen hast? Du musst uns die Wahrheit sagen.“ Innerlich lachte ich über das Theater. Gleichzeitig zitterte ich fürchterlich, zumal ich keine Ahnung hatte, ob Annes Familie gläubig war oder nicht.

„Ihr seid nicht ganz dicht“, murmelte Anne mutig. Sie deklamierte dann ihren Schwur, so überzogen wie auf einer Laienbühne. Die von den Nachbarn alarmierte Polizei unterbrach das Theater. Meine Familie machte sich schnell aus dem Staub. Anne und ich atmeten laut auf und redeten durcheinander. Ich wollte mich bedanken, Anne wiederholte: „Was für eine … heilige Lüge.“

Am nächsten Tag wurde ich in einem Frauenhaus untergebracht, danach hatte ich das Glück, in einer betreuten Jugend-WG zu landen, deren feste Strukturen mir halfen, mich gut auf die Abiturprüfungen vorzubereiten. Als ich einen Studienplatz für Jura bekam, rief ich Anne an, um ihr die Superneuigkeit mitzuteilen.

„Du hast mir beigestanden, als mir das Wasser bis zum Hals stand, aber ich mache nun etwas daraus“, sprudelte es aus mir hervor. Sie sagte nur: „Hast du die Latte nicht zu hoch gelegt?“

Der Unterton ihrer Frage kränkte mich so sehr, dass ich unsere Freundschaft auf der Stelle beendete. Ich kaufte mir ein neues Handy und änderte meine E-mail Adresse; kein Kontakt mehr zu meiner besten Jugendfreundin. So wollte ich mir selbst beweisen, dass ich den kommenden Lebensabschnitt ohne Annes Mentorerei aufbauen konnte. Jahre herrschte Funkstille, bis ich eines Morgens Annes Stimme am Telefon vernahm.

„Meryam, hier ist Anne. Erinnerst du dich?“

Anne erzählt

Unser Jubiläum!

Vor fünfundzwanzig Jahren gründete meine Mutter mit ihren Genossinnen den Verein Viva-Femina als Zuflucht für Mädchen und Frauen, die aus der Hölle der häuslichen Gewalt zu entkommen versuchten. Vor fünf Jahren bekam meine Mutter eine Stelle im Ministerium für Familie und Soziales, doch der Verein blieb ihr Lebenswerk, das sie nicht aufgeben wollte. Sie überredete mich, in ihre Fußstapfen zu treten, hielt sich im Hintergrund und beschränkte sich auf die Rolle einer Beraterin. Von ihr lernte ich, wie man Mächtigen ein schlechtes Gewissen einredet. Und dass man nie vergessen darf, sowohl im Verein als auch in der Öffentlichkeit nur Stärke und Kompetenz zur Schau zu stellen. Misserfolge werden bagatellisiert. Wir beschlossen, das fünfundzwanzigjährige Bestehen des Vereins gebührend zu feiern. Ein bisschen zögernd überließ Mutter es mir, den Ablauf zu gestalten. Ich musste nicht lange überlegen. Neben einer Retrospektive des Vereinslebens in Form einer Fotoausstellung und zwei Konzerten plante ich Erfolgstories aus der Praxis herauszugeben und mit der Sammlung einen schönen Leseabend zu bestreiten. Meryam! Auf einmal sprang der Name aus meiner Erinnerungskiste. Meine Jugendfreundin, die von meiner Familie und dem Verein in ein neues Leben geleitet worden war. Wohin hatte ihr gesunder Ehrgeiz sie inzwischen geführt? Ich gab ihren Namen bei Google ein und schon erschien ihre Spur im Netz. In einer Anwaltskanzlei, die viel mit Familienrecht zu tun hatte, war sie Assistentin. Eine ziemlich bescheidene Stelle für eine ambitionierte Studentin wie Meryam. Aber doch eine Erfolgsstory, zumal Meryam auf eigenen Füßen stand. Ich wollte sie ohnehin nicht über ihre Karriere befragen. Für meinen Sammelband benötigte ich ihre Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte mit dem Schwur.

Wird fortgesetzt.

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