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03.08.2018, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing

Feridun Zaimoglu deutete Siegfried als Protagonisten einer Völkerwanderungsära, er machte einen Byzantiner aus dem Held der Deutschen

Feridun Zaimoglu und Jamal Tuschick

Ich rechnete mit einem Zaimoglu-Lehrstuhl

Um das Jahr 1200 fixierten Passauer Kleriker auf Mittelhochdeutsch eine Überlieferung, deren Gegenstände siebenhundert Jahre lang mündlich tradiert worden waren – das „Nibelungenlied“. Ich legte Zaimoglu die Behauptung nah, eine Nation, von der so viel Unheil ausging, habe die falschen Bücher im Regal. Das konnte Deutschland nicht auf sich sitzen lassen.

Von Kanak Sprak zu König Gunther: das verstanden wir unter beweglichem Denken. Es ging nicht darum, heilige Kühe zu schlachten, eine Kuh, die du schlachtest, kann keiner mehr melken. Vielmehr ging es um starke Reaktionen. Solange die Eliten der Mehrheitsgesellschaft unser Treiben zur Spartenkultur rechneten, gab es für avancierten Widerstand keinen Grund. Solange hatten wir es nur mit dem Widerstand im Keller der Verhältnisse zu tun, wo man verbluten kann, ohne Aufsehen zu erregen.

 

Das „Nibelungenlied“ entstand in einer Wendezeit. Der markanteste Paradigmenwechsel ergab sich aus einer Verlagerung menschlicher Hoffnungen vom Diesseits ins Jenseits. Die geistige Sphäre wurde von der materiellen gelöst. Die antike Welt verschwand mit ihren leibhaften Göttern und einer das Sichtbare zum Vornehmsten erklärenden Ordnung. Das „Nibelungenlied“ entriss sich dieser Abwärtsbewegung. Zaimoglu zeigte Siegfried als Protagonisten einer Völkerwanderungsstory, er machte einen Byzantiner aus dem Held der Deutschen.   

Das war der erste effektive KA-Angriff auf die Hochkultur. Es hagelte Exegesen, man öffnete uns die Seminarräume. Ich rechnete mit einem Zaimoglu-Lehrstuhl.

Im Auftrag der Frankfurter Goethe-Universität traten wir in einer Grotte in Hanau-Wilhelmsbad auf. Die Grotte lag im ersten englischen Landschaftspark, der auf dem Kontinent angelegt worden war. Die längste Zeit hatten da keine volkstümlichen Regungen mit frischer Luft fusioniert. Die Grotte war 1785 in den Park gesetzt worden. Memento mori – Die Vergänglichkeit alles Irdischen sollten sich auch hessische Fürsten vor Augen führen. Zu diesem Zweck stellte Erbprinz Philipp, der später in Kassel regierende Landgraf Wilhelm IX., einen hölzernen Eremiten in die Grotte. Die Puppe konnte mit dem Kopf wackeln und einen Arm heben. Die Attrappe eines Rehs leistete ihr Gesellschaft.

Eine Veranstaltung bei Kerzenschein, die Grottenkälte stockte in den Knochen. Zaimoglu und ich diskutierten mit Heipe Weiss. Das heißt, wir hörten ihm zu. Heipe war Häuserkämpfer der ersten Stunde gewesen. Damals galt Frankfurt als Paradebeispiel für „Unwirtlichkeit“, siehe Mitscherlich. Angeblich war die Stadt „so unbewohnbar wie der Mond“. Siehe Zwerenz.

Das war natürlich Quatsch. Frankfurt groovte, die Prozesse der Desillusionierung hatten aus Heipe einen Ironiker gemacht. Man ahnte noch Emphase, Zynismus kam nicht vor. Heipe war dabei gewesen, als die Linke am Main ihre Militanz ausgelotet hatte – „jeder Stein, der abgerissen, wird von uns zurückgeschmissen“. Er kannte die Zusammenhänge zwischen Fußball, Häuserkampf und Außenministerium.

Bald mehr.

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