MenuMENU

zurück zu Main Labor

04.08.2018, Jamal Tuschick

Ich brauche einen selbstbewussten Mann

Safia Monney

Harte Zeiten für echte Kerle

In meinem neuen Roman "Harte Zeiten für echte Kerle" habe ich über die aktuelle Lage der Männer geschrieben. Weshalb ist mir als Frau ausgerechnet das Thema Männlichkeit wichtig, und weshalb sollte es Frauen im Allgemeinen wichtig sein?

Zunächst ist es so wie Yin und Yang: man kann sich nicht mit dem Thema Mann befassen ohne dabei die Frau zu beachten und umgekehrt. Ich interessiere mich also quasi „von Natur aus“ für Männer.

Ein Auslöser für den Roman war, dass ich irritiert war von den androgynen, geradezu feminisierten Männern in Werbung und Film. In den 90ern hat sich Brad Pitt mal für eine Zeitschrift in Frauenkleidern ablichten lassen und sah dabei dennoch extrem männlich aus. Die Male-Models in heutigen Modestrecken tragen zwar Anzüge - ob sie jedoch Männer sind, ist fraglich. Also habe ich mich mit Texten des Schweizer Soziologen Walter Hollstein und der deutsch-argentinischen Autorin Esther Vilar beschäftigt. Beide sind für Gleichberechtigung, Vilar bezeichnet sich sogar als Feministin. Dennoch gehen sie davon aus, dass Männer unterdrückt, von der Forschung vernachlässigt und alles Männliche in der Gesellschaft als negativ betrachtet wird - vor allem seit den Frauenbewegungen Ende der 60er/Anfang der 70er. Gibt es deshalb jetzt Männerkongresse und Maskulinismus-Gruppen? Tatsache ist, dass diese Veranstaltungen und Vereine gut besucht sind, und es heute durchaus eine Menge Männer gibt, die Identitätskonflikte haben und sich verunsichert fühlen. Sie haben kein Selbstvertrauen. Und das nicht erst seit #metoo und der Sexismus-Debatte. Ich habe viel früher angefangen, den Roman zu schreiben. Und bereits da fiel mir das auf. Vor allem in Gesprächen mit Männern: seien es Freunde, mit denen ich mich über das Thema unterhielt oder Männer, die ich speziell für die Recherche kontaktiert hatte. Unter vier Augen verrieten eigentlich alle, dass Männlichkeit mittlerweile derart negativ konnotiert ist, dass sie nicht mehr wissen wie ein Mann überhaupt noch sein darf.  Ein Freund sagte sogar: „Man traut sich ja heute gar nicht mehr Mann zu sein.“

Harte Zeiten für echte Kerle heißt ihr aktueller Titel. Ich traf Safia Monney bei einer Dachterrassenlesung in der Berliner Kulturbrauerei. 

Mitleid mit dem Macho

Ein Macho gerät unter Anpassungsdruck - Safia Monney plädiert in „Harte Zeiten für echte Kerle“ dicht am Klischee für die Aufrechterhaltung der Geschlechterdifferenz.

Am Ende einer Strecke männlicher Vorherrschaft entsteht noch ein kleiner Mythenkranz. Die Frage, was der Mann einmal war, wird auf einem Nebengleis zum Gegenstand einer Erzählung, die nicht wahrer ist als die klassische Perspektive auf die griechische Antike – siehe Goethes Blick auf Keramik und Steinmetzarbeiten im Licht der Odyssee. Während Männer im evolutionären Swing weltweit mutieren und hinter sich lassen, was nicht mehr funktioniert, um an der Sexfront auf der Siegerseite zu stehen, reanimiert Safia Monney den guten alten WG-Clemens, wie er an der Bierflasche nuckelt und im Mief seiner Horde zur Höchstform aufläuft; stets „auf (dem Weg) zum Späti“.

Die in Berlin als Tochter einer Französin und eines Irakers geborene, in Paris lebende Schauspielerin, Schriftstellerin und Weltreisende Safia Monney erschien bei der Präsentation ihres zweiten Romans Harte Zeiten für echte Kerle, Rowohlt Taschenbuch, 9.99,- in der Berliner Kulturbrauerei beinah als Nostalgikerin, die einer anachronistischen Geschlechterspannung nachtrauert. Im Gespräch mit dem Kollegen Edgar Rai verriet Monney ein Vergnügen an ihrem Helden, der als Verspäteter in der Machorolle unter Anpassungsdruck gerät. Clemens ist der Mann für journalistische Auslandseinsätze. Er covert seine Reiselust und Extremsportsucht mit Recherchen im Auftrag des Männermagazins Playtime. Im Jetzt des Geschehens verpasst eine Chefredakteurin dem Periodikum einen neuen Look. Es wird relauncht.

„Die Blattlinie ändert sich“, heißt es lapidar im Roman. In Wahrheit ändert sich alles. Wer vom Bestand nicht ausgenommen werden möchte, relauncht sich nach den Direktiven der neuen Blattlinie. Angeblich fallen dabei sämtliche Monstertrucks und Speedboote unter den Teppich der avancierten Gegenwart. Ungesichertes Überhangklettern geht auch nicht mehr. Zukünftig soll sich Clemens um Wellness & Beauty für den Mann kümmern. Der Reporter ohne Grenzen vermeidet die Konfrontation mit der überlebensfähigen Variante der eigenen Person. Noch einmal darf er von der Rallye Dakar berichten, die seit 2009 in Lateinamerika stattfindet. Am Abreisemorgen hält ihn seine aktuelle Affäre Annalena mit der Widersprüchlichkeit ihrer Empfindungen auf. Sie will Schluss machen, Clemens weiß überhaupt nichts von einer Beziehung, die sich beenden ließe. Das war doch nur Spaß zwischen Tür und Angel. Im nächsten Augenblick erwägt Annalena eine Familiengründung mit Clemens.

Monney offenbarte in der Kulturbrauerei, dass sie sich „nur schreibenderweise wohlfühlt. Ich kann nicht glücklich sein, ohne zu schreiben.“

Sie erfindet ihr ferne Welten, in denen Action die Programme bestimmt. So begreift man die Sympathie der Autorin für den aus der Zeit gefallenen, leicht tumb agierenden Clemens. Nimmt er einer greisen Nachbarin die Last ihres Einkaufswagens im Treppenhaus ab, ist das für ihn „wie Duschen. So viel Zeit muss sein.“

Im Taxi nach Tegel ist Clemens dann wieder vollkommen einverstanden mit dem abgedreht-monomanischen Gehabe des Fahrers, der sich im Auto wie in einer mobilen Höhle eingerichtet hat und vom Dienstleistungscharakter und von den Servicefunktionen seiner Tätigkeit schlicht und ergreifend nichts weiß.

Mehr zu der Autorin

www.safiamonney.com 

www.facebook.com/safiamonney 

https://www.instagram.com/safiamonney/

Mädchen und Frauen werden seit Jahrzehnten gefördert und ermutigt, für ihre Rechte zu kämpfen. Sie sind heute entsprechend stolz, Frau zu sein. Und das ist auch richtig. Bloß scheint es bei Jungs und Männern eine gegenläufige Entwicklung zu geben. Das ist zumindest, was Hollstein und Vilar in ihren Texten wissenschaftlich nachweisen. Jungs und Männer wurden und werden nicht gefördert. Vielleicht fehlt es ihnen deswegen an Selbstvertrauen. Im Extrem äußert sich das jedenfalls in Macho-, Narzissmus- oder Weichei-Verhalten. Und das ist ein Problem. Nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen. Welche Frau fühlt sich zu einem verunsicherten "Männlein" hingezogen? Dann lieber einen Macho? Der ist eine Aufblasfigur voller Minderwertigkeitskomplexe und Frustration. Jemand, der es nötig hat, Macht gegen andere auszuspielen, um sich selbst gut zu fühlen, ist alles andere als selbstsicher und in meinen Augen auch nicht männlich. Und der Narzisst? Tut weh. Das ist also alles auf Dauer ungesund und unattraktiv. Das sind natürlich Extreme, aber welche Frau ist in ihrem Leben nicht mindestens einmal an einen dieser Typen geraten? Wenige davon scheint es also nicht zu geben. Und dann beobachte ich im Alltag bei vielen Männern Verunsicherung: sie haben Beziehungsangst, wollen sich nicht binden oder trauen sich gar nicht erst Frauen anzusprechen. Verblüffend finde ich übrigens, dass die Bezeichnung „Softie“ heute altmodisch wirkt und kaum mehr benutzt wird. Als hätten wir uns damit abgefunden, dass die Mehrheit der Männer heute so ist. Als wäre das der „moderne Mann“. Allein die Kölner Silvesternacht 2015/16. Über 1000 Anzeigen belästigter Frauen gab es. Wie kam es, dass in jener Nacht keiner der Partner der angegriffenen Frauen dazwischen gegangen ist?  Warum haben die Jungs sich nicht getraut, etwas dagegen zu unternehmen, etwas zu riskieren? Zwar will ich keinen dumpfen durchtrainierten Fitnessproll, der nix in der Birne hat und jedem auf die Fresse gibt, der ihm oder mir blöd kommt. Um sich etwas zu trauen, braucht man eh keine Muskeln. Es braucht Selbstvertrauen und Risikobereitschaft. Und blickt man auf die Kölner Silvesternacht, dann fehlt das anscheinend bei vielen Männern in Deutschland.

Ob nun der Mann vor lauter Verunsicherung abtaucht, bevor es mit einer Frau ernst wird, oder ob die Frau ihn nicht sexy findet, weil es ihm an Selbstvertrauen fehlt: Es wird als Frau schwierig einen Partner zu finden. Das kann ich nicht nur aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich beobachte das auch bei vielen Freundinnen. Natürlich trifft das nicht auf alle Männer zu - zum Glück gibt es noch selbstsichere und echt coole Kerle. Aber die werden eben immer seltener. Und ich persönlich will kein verweichlichtes „Männlein“, das mehr Zeit im Bad verbringt als ich und mich fragt, ob er mit seinen Kumpels einen trinken gehen darf. Das kann doch nicht das Resultat von Gleichberechtigung sein. Oder habe ich etwas verpasst, und wir sind wieder im Kindergarten: plötzlich dürfen alle mit dem Bagger spielen. Alle außer den heterosexuellen Jungs. Die sollen in der Ecke stehen und sich für ihre Väter und alle Väter zuvor schämen. Was bitte soll daran gut sein? Das darf nicht sein. Unter Gleichberechtigung verstehe ich etwas anderes. Zu Gleichberechtigung gehört für mich eine Beziehung auf Augenhöhe. Das impliziert einen selbstbewussten Mann, der mich respektiert und liebt, und der weiß, was er will. Deswegen wünsche ich als Frau mir, dass Männlichkeit wieder positiv gewertet wird, und dass Männer sich (wieder) wertgeschätzt fühlen. Deswegen liegt mir das so am Herzen.

Esther, eine meiner Romanfiguren, sagt über Männer: „Ich will euch nicht beschützen müssen. Ich will, dass Ihr Euch beflügelt und stark fühlt ... so wunderbar und großartig und einzigartig, wie Ihr seid ... und dass wir gemeinsam große Dinge erreichen.“ 

Genau das bringt es für mich auf den Punkt. Es ist im Grunde ganz egoistisch: nur ein Mann mit Selbstvertrauen ist attraktiv für eine Frau. Und essentiell, für eine bessere Zukunft.

 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen