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19.08.2018, Jamal Tuschick

Aufklärung über das infame Märchen vom Morbus Bosporus

Anpassungsdoppelbelastung

Das Summen der Montagswürmer

Tugsal Moguls Drama „Das Summen der Montagswürmer“ entschleiert einen bislang unbetrachteten Aspekt der fortgeschrittenen Migration: die Überforderung aus einer Anpassungsdoppelbelastung  

Nun stirbt die erste Generation der Einwanderer, wenn sie nicht schon gestorben ist. „Der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben wurde“, sagt Heiner Müller. So verstehe ich „Das Summen der Montagswürmer“ von Tugsal Mogul und Antje Sachwitz: als Zwiesprache der Post-Migration mit ihrer Geschichte. Diese Geschichte währt länger als mancher Staat Bestand hatte. Der Fluss der Zeit gerinnt auf dem Theater, noch einmal schauen die Alten aus dem Rachen, der sie verschlungen hat. Da ist Nazim Kurt, der beinah sein Leben lang Leichen mit einem Lächeln durch die Labyrinthe eines Krankenhauses geschoben hat. (Das Kreuzberger Krankenhaus, das dem Stück Modell stand, liegt urban und hieß auch lange Urban. Schon Alfred Döblin machte da seine Beobachtungen.) Der alte Wolf ruft seine Biografie mit den Namen ihrer Stationen auf. Dazu gehörte die geistesgegenwärtige Organisation unerwarteter Zwillingsgeburten. Doch jetzt ist Nazim selbst der Patient. Die Diagnose lautet tot. Trotzdem gerät Nazim in den Sog der Gerätemedizin. Er wehrt sich. Er ergibt sich. Die letzte Zigarette und ein Rakı im Stehen werden ihm verwehrt.

Da ist Sevda, Nazims Frau. Ein ganzes Leben rauscht in der Nussschale ihrer Darstellung auf. Sevda fing als Reinigungskraft an und machte als Dolmetscherin weiter. Sie vereitelte Fehldiagnosen. Nicht, dass sie dafür bezahlt worden wäre. Egal. Was zählte, das war der Status. Sevda war gefragt, bis eine „Umstrukturierung“ die Leiharbeit ins Haus brachte.   

Die „Montagswürmer“ schaffen der Wirklichkeit einen Phantasieraum. Darin kollidieren Erfahrungen in den Milieus der Migration mit Verkehrsformen der Mehrheitsgesellschaft. Enkelin Ela ist die vollständig assimilierte Braut & Beute von Westeuropa. Als Tochter der Oberärztin Meral weiß sie, was es mit dem „Morbus Bosporus“ auf sich hat. Sie weigert sich, mit ihrem kulturellen Vorsprung immer nur Kosten zu senken. Zwar will sie nicht mehr die Bauchschmerzen türkischer Patienten übersetzen, „dafür habe ich nicht Medizin studiert“, doch bleibt ihr gar nichts anderes übrig. Sie ist die Übersetzerin der Antagonismen, die in der Gesellschaft wirken.

Merals Tiraden erschüttern ihren Arbeitsplatz. Die Chirurgin entfernt laufend die Wurmfortsätze aka Blinddärme türkischer Mädchen.

Tugsal Mogul: Der Titel leitet sich von einer chirurgischen Studie aus dem Jahr 1987/88 ab. Der Autor stellte damals fest, dass die fehlindizierten Appendektomien in seiner Klink überzufällig häufig auf Montage fielen, und dass dabei vor allem Mädchen und junge Frauen aus südländischen Familien auf dem OP-Tisch lagen. Dahinter vermutete er eher psychosoziale Konflikte: Am Wochenende wollten die Mädchen ausgehen, ihre Freunde, ihren Freund treffen. Die Eltern waren dagegen – Samstag und Sonntag waren in diesen Familien die Hauptkampftage, und heftige Bauchschmerzen manchmal am Montag die Folge.

Meral erklärt diese Operationen zu Folgen seelischer Belastungen. Die Patientinnen kriegen die Forderungen ihrer Familien mit den deutschen Erwartungen und dem Potpourrie ihrer Wünsche nicht unter ein Tuch. Sie möchten weder da noch dort aus dem Rahmen fallen und erleben die Unmöglichkeit einer gradlinigen Anpassung als persönliches Versagen. Ist das so schon einmal öffentlich zur Sprache gebracht worden? 

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