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20.08.2018, Jamal Tuschick

Über Max Czolleks „Desintegriert Euch!“

Integrationstheater

Bei jeder Betrachtung Westdeutschlands als scheinselbständige Wiederaufbaugesellschaft erscheint nichts deutlicher als die Verdrängung der Schuld. Die Hauptaufgabe aller Gestalter bestand in Hinterzimmer- und Herrenrundenumdeutungen des faschistischen Deutschlands und seiner Niederlage. Die Niederlage wog viel schwerer als der Holocaust. Im III. Reich war die Geschichte verunglückt. Bei Bedarf war Hitler gar kein Deutscher. Zugleich war unter dem Österreicher nicht alles schlecht gewesen. Ein nahezu antinomisches Unterfangen wurde zum Erfolg geführt. Die Kontinuität deutscher Geschichte blieb für zukünftige (wieder souveräne) Generationen gewahrt, unter einer Patina der Ein- und Zugeständnisse - dem hochmütig-hohlen Verlierersprech des Premiummenschen. Die rechten Ränder von CDU und CSU boten völkischem Einvernehmen genug Lebensraum. In der Gesellschaft von Franz Josef Strauß konnte sich ein Trotzpatriot auf der Höhe der Zeit und im Einklang mit den herrschenden Kräften fühlen. Zum Konsens gehörte die bürgerliche und kleinbürgerliche Rahmung des nationalsozialistischen Volksgenossen. Nach Fünfundvierzig wehten die Reichskriegsflaggen über den Kolonien der Schrebergärtner. Das völkische Denken hörte (als braungrünes Gemisch) nie auf selbstverständlich zu sein. Die Erhaltung des nationalistischen Grundstocks fand weiterhin als vaterländische Pflicht Anerkennung. Verrat beging und Söldner war, wer in den Sechzigerjahren als deutscher Athlet besserer Verdienstmöglichkeiten wegen nach Italien ging.

Desintegrative Eskalation

Max Czollek, geboren 1987 in Berlin, versteht sich und seine Freund*innen als „Teil dieses Landes, auch wenn wir uns mit dem neuen deutschen Nationalstolz nicht identifizieren … wir sind Teil dieses Landes, das jenseits allen Leitkultur- und Integrationsgelabers existiert. Was bedeutet, dass wir die Rolle nicht annehmen, die uns bei der Inszenierung der deutschen Normalität zugedacht wurde“.

Max Czollek, „Desintegriert Euch!“, Hanser, 208 Seiten, 18,-

Während seine Eltern „im Nichts wurzelten“, wurde die Entwicklung des Nachgeborenen von jüdischen Institutionen begleitet. Da wuchs mit ihm das „Wir“ heran, dominiert von postsowjetischen Einwanderern, die gelegentlich mit Russlanddeutschen verwechselt wurden. Da liegt noch Romangold. Czollek rechnet sich zu den Inglourious Poets, die „Rache als Selbstermächtigung“ üben und wenigstens davon träumen:

„Schon als ich ein kleines Kind war, hatte ich Gewaltphantasien. Ich lag im Bett und stellte mir vor, wie ich Nazis die Arme abschlug.“

Max wollte zurückschlagen. Czollek erkennt einen Zusammenhang zwischen dem Fußballpatriotismus im Sommer der Weltmeisterschaft 2006 im Sinne eines kollektiven Befreiungsschlags - und einer Enthemmung, die von vielen als „Normalisierung“ wahrgenommene wurde. Die Normalisierung (Enthemmung) gipfelte im Einzug der AfD in den Bundestag 2017.

Die Koordinaten einer „negativen Symbiose“ (Dan Diner) bestimmen Leute, die auf Achtundsechzig so abweisend reagieren wie ihre Eltern auf den Holocaust reagiert haben. Vermutlich brauchen sie das „deutsche Gedächtnistheater“ (Y. Michal Bodemann) nicht, in dem sich ältere und anders gestrickte nichtjüdische Deutsche nicht nur exkulpieren, sondern, so Czollek, kulturelle Exploitation & Appropriation mit pornografischen Einschlüssen betreiben. Der Autor schützt sich selbst vor „Repräsentationsfracking“, indem er „vom Kapital der Minderheiten“ nichts herausrückt und deshalb auch keine biografischen Geständnisse macht. Eine Armee aus Absaugern wartet nämlich nur darauf, dass so ein Berliner die Tür aufmacht, um ihn als Pfannkuchen auf den Markt zu werfen.

Czollek beschreibt Schleichwege der „Eingemeindung jüdischer Positionen in den deutschen Entlastungsdiskurs“. Er zeigt, dass ein ausgezeichnetes Gedicht von Nora Gomringer den „Rahmen primärer (Holocaust-) Assoziationen“ nicht sprengt und in seinen konventionellen Bindungen grauenhaft ist. Wenn nicht sogar eklig. 

Und es war ein Tag

Und der Tag neigte sich

Und es war Stehen und es war Warten

...

Und es war Weinen ...

Und es waren Waggons ...

...

Und es war ein seltsamer Name

Au-schw-itz

Er erkennt „die banale Abfolge gesellschaftlich etablierter Bilder“, wo immer sie sich im Integrations- und Gedächtnistheater zeigt und „die innere Vielstimmigkeit der Minderheiten“ planiert. Er kommt dahin, wo auch Doron Rabinovici an der Belastbarkeit der zurzeit beschworenen These von einer „christlich-jüdischen“ Synthese zweifelt. Rabinovici glaubt übrigens, dass die Bedingungen der Judenvernichtung in den deutschen und österreichischen Herrschaftsstrukturen unter Verschlusskappen intakt sind.

Der alte Judenhass wird im plötzlich „jüdisch-christlichen Abendland“ gegen „den Islam in Stellung gebracht“, sagt Rabinovici. Czollek sagt nichts anderes. Wer Muslime ausschließt, läuft sich für den Ausschluss der Juden schon einmal warm.

 

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