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25.08.2018, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing

Aggressive Mimose

Der blasse Brite will keinen Milchkaffee. Das sei ein „Studentengetränk“. Abfälliger lässt sich nichts sagen. Im Darmstädter Kesselhaus bestellt Billy Childish heißes Wasser, um darin Kräutertee aus Kent ziehen zu lassen.

Kräutertee im Kesselhaus! Iris Jiménez treten Tränen in die Augen. Childish ist lange britisch-blind auf Messers Schneide balanciert und dabei tausend Mal bewusstlos umgefallen. Sid Vicious legte Wert auf seine Freundschaft.

Childish hat mit dem Tod um die Wette gesoffen und gewonnen. Die kaum ernst gemeinte (und doch von Befürchtungen verfasste) Frage, ob er Hippie geworden sei, kontert Childish mit einer Explosion, die viel Zahngold exponiert.

„Nein, ich bin immer noch Wild Billy. Aber dazu brauche ich keine Drogen.“

Kunst bringt Childish so selbstverständlich hervor wie ein Stoffwechselprodukt. Wie jeder Picasso findet er, ohne zu suchen. Selbstbezogenheit, verschwiegener Irrwitz und Festigkeit eines Künstlers, der ganz nach eigenen Maßstäben existiert, offenbaren sich in einer notorischen Antwort auf alle Einwände:

„Yes, but I like it this way.“

Childish hat mehr als dreißig Gedichtbände veröffentlicht, unendlich viele Platten aufgenommen und wenigstens fünfzehnhundert Bilder gemalt. Bekannter als die Bilder sind seine Holzschnitte.

Seine Biografie ist das Muster einer Seins-Art. In der Punk-Steinzeit gründete er mit Bruce Brand „Pop Rivets“.

Seine nächste Band, „The Milkshakes“, spielte Anfang Achtziger oft auf Sankt Pauli. Er ist nun bei „Thee Headcoats“ angekommen. Es gibt eine Frauenparallelformation: „Thee Headcoatees“. Es gibt Childish als Blueser. Mit Dan Melchior hat er „Devil in the Flesh“ aufgenommen, eine Bluesplatte, die klingt, so sagt es ein Fan, „wie sich ein Schnitt in die Pulsadern anfühlt“. Childishs literarische Offenbarung ist Célines „Reise ans Ende der Nacht“. Céline lehrt, dass „man schreiben kann, ohne die Hochsprache zu beherrschen“. Der Legastheniker Childish veröffentlicht in seinen Gedichten auch seine Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung. Das kann verwirren, wenn er Seele (soul) meint, aber sole (Sohle) schreibt. Bis zur Pleite verlegte er sich und seine Freunde auf „Hangman Books & Records“.

Childish lebt in Chatham, einer südenglischen Hafenstadt. Pocahontas, Häuptlingstochter aus der Ära der Pilgrim-Väter, liegt nah in Gravesend begraben. Childish hat ein Lied über sie geschrieben. Zaimoglu und ich wollen etwas daraus machen – aus diesem frühen transkontinentalen Hin und Her. Ohne Pocahontas hätten englische Kolonisten Amerika nicht überlebt, sie war naturkindlich der Stimme ihres Herzens erlegen und hatte dafür den Preis der Fremdheit bezahlt. England war zu ihrer Zeit ein Piratennest. Ihr Multikultitraum zerschellte, vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte ihren Vater machen lassen. Der alte Wahunsonacock wollte die weißen Stinker mit dem Tomahawk begrüßen, als Repräsentant der First Nation. Zaimoglu und ich hatten Childish in seinem Reihenhaus besucht. Childish lebt zusammen mit Kyra de Coninck, im Garten verwildern Brombeeren. Die Küche ist Aufnahmestudio und Atelier. Auf einem Piano stapeln sich Hüte zur Pyramide: Objekte einer Sammelleidenschaft. Childish signiert manchmal mit Bill Hamper. Sein literarisches Alter Ego heißt William Loveday. Der Zuname passt nicht zur Stimmung, Jiménez‘ vehementer Malteser (siehe Kombattant im Kulturkampf XXX) entpuppte sich als aggressive Mimose. Scharf wie eine Klinge, blöd wie zehn Meter Feldweg.  

Bald mehr.

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