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26.08.2018, Jamal Tuschick

So großartig wie auf einem Kirchenschiff im Orgelsturm - Safiye Cans "Kinder der verlorenen Gesellschaft"

Poetische Putzmittel im Goldstaubregen

Sie steht „am Laufband Richtung Kasse“, während im Abspann der Assoziationen überall auf der Welt Menschen auf Laufbändern an ihrer Selbstoptimierung feilend scheitern. Sie scheitern schwitzend. Die Szene hallt vor Redundanz wie ein Kirchenschiff im Orgelsturm und eröffnet dem „Konservendosengefühl“ der Erzählerin einen weiten Raum. Das Ich schweift aus im Liebes-Du. Es erzählt eine Geschichte mit poetischen Putzmitteln. Die Laufbandgeräusche sind so oder so universell. Sie versichern eine Verliebte gegen Tod und Not im Überangebot.    

Safiye Can, „Kinder der verlorenen Gesellschaft“, Gedichte, Wallstein Verlag, 90 Seiten, 18,-

So steht es geschrieben in den Linien „Deine(r) Archäologenhände“, einem Gedicht im Paarungsrausch mit seiner Nachbarin aus dem Can Weg 35, die weiter von der Liebe spricht. Nein, Safiye Can schreibt keine „Damit-verdienst-du-keinen-Cent-Gedichte“; so wie das Ich in „Aus dem Boden schießen Bäume“ wohl auch nicht; so verwandt erscheint es der Dichterin, die eine Liebesgeschichte lyrisch transformiert, indes keineswegs kommunardisch vom Ich zum Wir schreitend in einem überschaubaren Glückswinkel.   

Can erlebt Poesie als „unendlichen Prozess“. Sie hat auf ihrer Strecke die Grenzen der Zirkelprominenz gesprengt. In einem Seitenfach der Literatur avancierte sie zur Bestsellerautorin. Seit Nâzım Hikmet und Pablo Neruda könnte es diese Kombination nicht mehr gegeben haben. 

In einem Interview mit Türkân Kurt verkündete Can: „Alles kann als Inspiration dienen, um Worte zum Leben zu erwecken.“

Sie sagt: „Wer sein Herz nicht bändigen kann, der lebt.“

Sie sagt: Vielleicht ist Heimat das Hineinfallen ins eigene Bett …“

Sie sagt: „Wann immer ich Solingen höre, brennt ein Haus vor meinen Augen.“

Das sagt Can in den Tonfällen ihrer lyrischen Avatare.

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