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28.08.2018, Jamal Tuschick

Karosh Taha zu #metwo

Ein dritter Raum (28.8.18)

Karosh Taha

Obwohl twitter mit seiner hashtag-Funktion gesellschaftliche Debatten ermöglicht, ist twitter für mich das Sinnbild des Internets, eine mich emotional überfordernde Nachricht folgt der nächsten; die erste Nachricht habe ich nicht verdaut, und es kommt schon die nächste. Und alle user schreien Beleidigungen: es fühlt sich an wie auf einer Demonstration, wo jeder Otto dir seine Meinung ins Ohr brüllt. Die meisten Meinungen dieser Ottos sind ein Mischmasch aus Gefühl plus subjektive Wahrnehmung plus einem schlecht geschriebenen Internetartikel. Erschöpft und resigniert legt man den Laptop oder das Handy weg.

Die #metwo-Einträge stellen für mich einen Bruch zu dieser twitter-Tradition dar – plötzlich teilen Menschen ihre Diskriminierungserfahrungen, plötzlich sind alle sichtbar, all die Verletzungen, die in einem Leben in Deutschland so angesammelt werden, werden geteilt und du brauchst dich nicht zu erklären, du wirst verstanden, weil die anderen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Aber das passiert immer noch auf twitter, die Ottos laufen immer noch an dir vorbei und schreien dir ins Ohr, geben ihre Meinung zu deiner Erfahrung ab und du wirst vom Wesentlichen abgelenkt. Toni Morrison erklärte Rassismus als ein Mittel der Ablenkung. Während ich damit beschäftigt bin, Argumente einer Scheindebatte zu entkräften, werde ich davon abgehalten, weiterzugehen. Anstatt zu fragen, was Integration ist, wird vorausgesetzt, dass dieses undefinierte, unklare Konzept tatsächlich funktioniert, und ich werde gefragt, ob ich integriert bin. Anstatt zu fragen, was deutsch ist, was Nationalität mit Identität zu tun hat, wird gefragt, ob ich mich deutsch fühle – als sei Deutschsein ein Gefühlszustand, als sei Deutschland ein Lebewesen, zu dem ich eine emotionale Beziehung haben müsse.

Metwo ist ein Weg, Erfahrungen sichtbar zu machen, die sonst in den Medien nicht besprochen werden. Aber auf diesem Weg lauern eben die Ottos, die einen vom Wesentlichen ablenken und deswegen weigere ich mich, meine Diskriminierungserfahrungen den Ottos mitzuteilen, weil sie mich nicht weiterbringen.

Es müsste Foren, Plattformen, Räume geben für Menschen, die miteinander reden können, die für sie wichtige Themen besprechen können, ohne abgelenkt zu werden. Keine Talkshow mit Bosbach als Dauergast.

Viele Muslime in Deutschland sehen die Moscheen als Räume für Debatten – aber diese Debatten bleiben überwiegend homogen, weil sie meistens von Männern mit dem gleichen kulturellen Hintergrund geführt werden. Es gibt Teestuben für diese Männer, wo sie ihre Gedanken austauschen, wo sie diskutieren, wo sie zu Schlüssen und Ergebnissen kommen. Wo gibt es diese Räume für Frauen? Und wo gibt es diese Räume für Jugendliche? Für Jugendliche, die mehr als eine oder zwei Kulturen in sich vereinen – wie können sie sich organisieren? Wo wird ihre Meinung, ihre Erfahrung, ihre Realität repräsentiert?

Einmal diskutierte meine Cousine mit einer Nachbarin darüber, warum es widersinnig ist, Rindfleisch beim Türken unseres Vertrauens zu kaufen, aber Hähnchen im Supermarkt: Wenn es um den Konsum vom halal Fleisch geht, gibt es in Deutschland keine Garantie. Wenn uns der Islam wirklich was bedeutete, dann müssten wir alle zum islamischen Schächter gehen, so meine Cousine, aber nein, wir rennen in den Supermarkt, wenn das Hähnchen von 3,99 auf 3,49 gesetzt worden ist und kaufen es in Massen. Die Frauen diskutierten sehr leidenschaftlich, aber die Diskussion blieb in unserer Runde.

Wir brauchen einen dritten Raum, einen Raum, wo sowohl Deutsche ohne Migrationshintergrund als auch die Elterngeneration von Menschen mit Migrationshintergrund ungehört bleiben, auf stumm geschaltet werden, wo der metwo-Austausch weitergedacht wird, wo sie über Fragen diskutieren, die relevant sind, wo die Betroffenen keine Kreisel sind, sondern selber Fragen aufwerfen und Diskurse leiten.

Die Kunst kann dieser Raum sein. In der Musik, vor allem im deutschen HipHop, gibt es mittlerweile einige Künstler+innen, die eine andere Realität repräsentieren. Im Film wird Fatih Akin als Vorzeigemigrant hervorgehoben, aber das reicht nicht. In der Unterhaltungsbranche, vor allem der Comedy gibt es die Rebell Comedy, in der Literatur etablieren sich neue Stimmen wie Shida Bazyar, Rasha Khayat oder Senthuran Varatharajah. Aber das ist nicht genug, wir brauchen mehr Stimmen, mehr Repräsentation, wir brauchen Räume, wo wir den Begriff „Deutsch“ dehnen können. Denn, was gerne übersehen wird, unser Migrationshintergrund fasst uns als eine Gruppe zusammen, obwohl wir nicht homogen sind: Wir haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, wir haben unterschiedliche Erwartungen an das Leben, wir kommen aus unterschiedlichen Haushalten.

Auch wenn wir über die Witze von Amani lachen können, uns mit Charakteren von Fatih Akin identifizieren können, so unterscheiden wir uns auch von unseren Hintergründen, manche sind kommunistisch, akademisch, muslimisch, nationalistisch, radikal, gemäßigt, assimiliert. Wie meine Mutter zu sagen pflegt: Die Finger einer Hand sind nicht gleich. Jeder von uns hat einen anderen Kampf geführt, bis er da ankam, wo er jetzt ist. Und manche haben gar nicht kämpfen müssen. Aber wir alle haben das Recht auf die Gestaltung des dritten Raums.

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