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28.08.2018, Jamal Tuschick

José F.A. Oliver

Heimat, 1 wundgewähr

José Oliver, rechts, und Tom Schulz zwischen Schwarzwald Persönlichkeiten

Prolog

 M:ein Reisefieber hat Hunger. 1 immerwährendes Präsens des Ankommens. Auch körperlich: Koffer & Körperhaft. Ist Körper Heimat?

Ich ist immer auch s:ein Ander-Ich.

1 Nomadentum als Stütze der Vergänglichkeit.

Die einen lehrten mich „Sing! Sing: Wir sind nur Gast auf Erden“! Sie sprachen Alemannisch-Deutsch. Ich sang. Die anderen erklärten mir ganz unverblümt, wer ich letzten Endes sei: „¡Eres andaluz!“. Sie wiederum auf Andalusisch-Spanisch. Mir blieb nur wenig übrig. 1 Meeresdesaster & Hohe Tannen. Ich verw:ortete meinen Wunderfitz in Sprache aus der Notwendigkeit ins Überleben. Nicht dazwischen, sondern aufgewühlt. Davor, dahinter, mittendrin: 1 grünes Meer. 1 blaues Meer. 1 buntes Mehr.

Bald erreichte mich der Tod. Per Telefon, im Amt des Totengräbers oder aus den Schweineställen. Eines unverhofften Tages sogar herab von satt beladenen Langholzlastern. Am „Kinzigstrand“, so nannten wir das Flussvorland, lag plötzlich ein altes Rad und begraben unter Schwarzwaldfichten eine unbekannte Frau. Ein Augenblick, der innehielt. Gevatter Unvermeidbar hatte angeklopft. Im Deutschen männlich. Im Spanischen ein Mantilla-Sensenweib. Kein Neutrum. Wenngleich grammatische Geschlechter mich nach und nach bestürzten. Die Zuversicht der Kindertage musste mit ihm erwachsen werden. Auf einen Schlag.

Kurz danach waren die Brückensstreben leichenstarrer auf ein Neues nachgezimmert. In Stand gesetzt. Lebensstabiler. Als wäre nichts gewesen. Die Geländerhälften mutierten sich ins Scheinvergessen. Geranienrot geschmückt. Blutblumenkästenweise. Für die nächsten Toten aus Tod & Tödin. So bekehrte mich das fahle Paar und zog mich an. Ein Hemd aus Holz und Wundgeranien. Später las ich bei Johann Peter Hebel den Pfad der Würmer auf. Und Lorcas Frauen tanzten monoton. Trauerflorverschleiert. Notschwarz fremd- und nahverhüllte Stummgesichter. Masken. Fratzen.

I

Kann 1 Unterwegssein „Heimat“ fluchten? Zu- und zungenzugespitzt: Das Herz hat 1 Zunge. Auch unter Schädeldecken hausen Zungen. Ich spreche vor und spreche nach. Misch mich ein. Ausgesprochen: Wortgehöfte und Nicht-Gesagtes. Kontinuierlich Stabenschwebe. Bücher. Ich webe. Auch das. Gedankensprünge im Herzgefähren. Herzgefähr wie in Hauch & ungefähr.

Wie nennt man 1 W:erden in Gefühlen & Gedanken? Ist das Herz 1 Bündel Hirnfunktionen? Das Hirn 1 hersinniertes Herzgeviert? Fühlvernunft? Gedächtnisleichentücher mangelnd? Herztotenhemdchen bügelnd?

Im Leichten dunkelt Schwere. Im Schweren schimmert Leichtes. 1 Lichtvergleiten. 1 Mundverströmen in die W:orte. Und keine Föhren, die Oliven leibten. Nur Muschelgrund der Wälder und weiße Nadelunterhaut der Gischt.

Großmutter zeigte mir die Fächersprache. Dennoch verriet sie nichts. Nicht einen Weg aus ihrer Welt. Seither ist Zeit Fiktion und Fremde leuchtet Nähe aus. Sie verstehen? Ich verstehe es bis heute nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann und wo ich zum ersten Mal um all die Nächte wissend zu mir sagte: „Ich verstehe (es) nicht.“ So begriff ich, dass Begreifen lernen und verlernen übersetzt.

Der Beginn allen Begreifens ist Erfahrungswürde. Akzeptanz. Ich akzeptierte, dass ich nicht verstand und nahm (mich) deshalb an.

Annehmen. Schieres Nachbegreifen & Doppelw:ort im Deutschen! Als Hoffnung zeitensprengende Vision.

(Regieanmerkung: Auchwundersames Deutschwort: HEIMAT. Wie zeichne ich mir „Heimat“ her und welche Farben hat sie vorgegeben? Welche geben wir ihr? Und ich? Wo beginnen meine Skizzen?

Nehmen sie Buntstifte, bitte! Wenn Ihnen das zu viel Verantwortung aufbürdet, nehmen sie bitte einen schlichten Bleistift. Grau ist nicht Schwarz. Käme aber den Zuständen näher.)

II

Ist Heimatl:ich ein Zustand? Oder Bewegung? Unterwegssein? Im Zustand der Bewegung?

(Regieanmerkung: „Heimath // Und niemand weiß // Indessen lass mich wandeln / Und wilde Beeren pflüken / Zu löschen die Liebe zu dir / An deinen Pfaden, o Erd / Hier wo – ––“ Friedr:ich Hölderlin)

III

(Regieanweisung: Flashback) Ich reise nach Pakistan. Das ist keine Fiktion. Aber vielleicht sind Zeit- und Zeitverschiebungen willkommen Wahrgelogenes. Wirklichkeiten, die Warheiten schaffen. (Regieanmerkung: Auch wenn es strenggenommen keinen Plural gibt, von Wahrheit, meine ich). Und damit doch Fiktion. Reisen als Fiktion und Wirklichkeit zugleich. Besonders im Hinblick auf das Surreal im Interkontinentalgefieder: miles&morereal. Und des Erzählens. Dem Ich & Ich hinterher – oder vorausgejettet. Auch ein Ziel. Ankünftig abschiedsnah verkommen.

(Regieanweisung: Kleiner Rhythmenwechsel. Immer noch zeitverschoben) Eingeladen zum (internationalen) Literaturfestival in Karatschi werde ich als „German Spanish Author“ angekündigt. Ich füge mich. Die Zuteilung stimmt und stimmt doch nicht. Was „Spanisch“ ist, war mir schon immer ein und 1 Fragwürdiges, wenn nicht gar suspekt. Was Deutsch ist, nicht minder.

Was, wenn ein Grenzbeamter dich aufforderte: „Sei“? Sänge ich? Spräche ich vom Amt des Totengräbers?

(Regieanweisung: Zwischenlandung in Doha). Die Waschbecken auf der Toilette im Transitbereich sind von Duravit. Die Firma hat ihren Sitz in Hornberg. Wenigstens was die Produktion sanitärer Schüsseln und sonstiger Becken anbelangt, ist der Handel mit der Schwarzwald-Marke nicht ausgegangen wie das sprichwörtliche „Hornberger Schießen“. Ich denke an Arbeiterhände. An die der spanischen Gastarbeiter, beispielsweise. Für viele ein Leben lang Duravithände. Duravitschweiß. (Regieananmerkung: Pathos mit inbegriffen). Duravit könnte frech-salopp ins Deutsche lauten: „Hält ein Leben lang“.

Katar ist nichts anderes als ein dreistündiger Zwischenstopp. Ein Kurzaufenthalt.  Ohne größere Vorkommnisse. Oder doch? Vielleicht dies noch: Die Aufmerksamkeit des Bodenpersonals im Flughafengebäude ist eine initiierte Form der Kontrolle. Das ernste Spiel mit Reisepässen & Identity Cards an Marionettenschnüren. (Regieanmerkung: Altgediente Kleist-Parabel).

Ich denke an „Heimat“. Wer kontrolliert den Heimatbegriff? Ist „Heimat“ Schutz? Hilflosigkeit? Und was heißt „heimisch“?

(Regieanmerkung: Spielen Sie die Wörter durch: Einheimisch versus Ausheimisch; hineinheimisch, herausheimisch, usw.)

Fremdheit ist eine Schattenbegleitung, ein Vertrautes. Vorsorglich, nachsorgend. Ich nahm mich zurück. Die Toiletten waren schnell vergessen. Die Arbeiterhände bald im Handgepäck verstaut.

„Erinnerungen schmuggeln“ könnte ein schön-illegales Bild für „Heimat“ sein. Kein Scanner, der die eingewirkten Gedächtnisfetzen erfasste.

„Was haben Sie zu verzollen?“ – „Einen Alpt:raum!“

IV

Dieser Text trägt keine Botschaft. Er verzungt sich. Wie in Züngeln. Nach Sprache züngeln. Die Farben des Zockens reichen nicht aus, um zu überleben. Aber die Politik – ja, aber (Regieanweisung: Absatz und Leerzeile)

 die Politiker. Und die Biographien. Eine Käfighaltung. Unsichtbare Gitterstäbe. Das Verdrängen gelebt, verlebt.

Dieser Text ist nutzlos wie ein Gedicht nicht auf Nutzen aus ist. Nur die Wörter zeichnen weiter Wunden auf. Erfahrene Leiber. Narben. Besprochene Rebellen.

Wörter st:erben, wenn sie verlassen werden. Manche als Opfer. Manche als Täter. Niemand bittet um Vergebung. Nicht der Schrank, nicht der Stuhl. Auch der Tisch bittet vergebens um den Menschen. „Bitte nehmen Sie nicht Platz!“

(Regieanmerkung: Zwischenbild) Mitunter versteckten Heuballen 1 Spätsommerglück. Dort reichten ein paar Pinienkerne in der Hand, um unterzuschlupfen. In einen Geschmack. In einen Geruch.

Niemand fragte meine Nase woher kommst du?

Das aufmerksame Ohr folgt keinen Anweisungen. Wer „man“ ist, weiß ich nicht. Genau so wenig, wie ich weiß, was Spanisch ist, was Deutsch. Wie definiert der Philosoph „Gehorsam“. Die Zugehörigkeit meiner Finger war nie zu zähmen. Nur die Daumen machten sich eines Tages selbständig. (Regieanweisung: nach oben nach unten nach oben, etc). Wie viel Daumen anderer gehört zu meinen Daumen? Hört meinem Daumen zu?

V

Ein Schüler meinte bei einer Schreibwerkstatt in Essen: „Die perfekte Mischung aus Russen und Libanesen in unserem Viertel sorgt für ein perfektes Miteinander.“

Wenn Grenzbalken Vorhängeschlösser werden, streiken die Türen, rufen Fenster den Aufstand aus. Nachts schlafen sie. Manchmal. Ich stelle mir vor: Bullaugen und Luken. Kurz vor dem Ertrinken. An den Grenzbalken ertrinken.

VI

A. liest keine Tageszeitung. Könnte folgende Antwort eines Heimatministers auf eine Interviewfrage Grundlage für eine Schreibaufgabe sein? Ein Schreibanlass?

„Heimat ist für mich Ingolstadt und Bayern. In Ingolstadt bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Und Bayern ist für mich der Teil des Vaterlandes, wo ich Halt verspüre. Das braucht jeder. Da muss auch der Staat mithelfen. Heimat ist aber nicht notwendigerweise die Region, wo jemand geboren ist. Menschen können auch eine zweite Heimat haben, wo sie hingezogen sind, wo es ihnen gefällt, wo sie Freunde haben. Ganz nach dem bayerischen Lebensmotto: Leben und leben lassen!“

VII

Der Annäherungen wären gar viele. Ich habe mich für 1 Münden entschieden. Ein Sprech- und Sprachmünden. Poesie. Danach erst wären, nein, sind Gaumen & Garten. Gaumengarten. Nicht nur weil sprichwörtlich die große Unbekannte X, die Liebgefährtin, durch den Magen ... und manch bittersüße Erfahrung auf den Magen ... aber das haben Sie ja wahrscheinlich selber schon erlebt; und wenn nicht, dann könnten Sie sich dereinst daran erinnern, dass ein Herzbauchgefühl Worte gebiert oder/und mitunter sprachlos macht. Auf die schönste oder bitterste Art und Weise. Die liebende nämlich. Mir hingegen schenkt das Nicht-Sagbare meist 1 Wörterneu. Auch dort, wo Begriffe weit in Traditionen und Bräuche weisen und aus dem Heutigen ins Überlieferte zurücklangen, sich beugen. Mögen wir uns einfach wieder darüber klarer werden, dass „kerd“ und „heart“, „corazón“ und „Herz“ Nachgeborene sind. Abkömmlinge eines W:ortes, das (sich) aus dem Sanskrit Wege (er)fand. Grammatik hin, Grammatik her.

Die Grammatik der unübersichtlichen Tage schafft neue Überschaubarkeiten. Vielleicht eine derjenigen über-

schau BAR keiten, die unaufhaltsam in be WEG ung denken machen. (Regieanweisung: Spalten Sie die Wörter, schneiden Sie Wörter in den Wörtern aus! Der andere Blick schenkt andere T:räume!)

Sprache dehnt sich oder zieht sich zusammen. Am Herzschlag entlang. Gedankenströme paddelnd. Luftruder. Die Hände Luftruder. Eine Frage der gesellschaftlichen Witterungsverhältnisse. Im Augenblick scheint Manches tiefgefroren, was einst offenherzl:ich  die Türen nicht verschloss.

VIII

Bahnfrei Kartoffelbrei un e Stickle Wurscht dabei – so hatten wir als Kinder vor den Abfahrten gerufen; die Schlitten hand- oder fußklammerfest im Griff. Bisweilen auch nicht. Vor allem dann nicht, wenn wir auf dem Bauch lagen und eine verbunden offene Kette bildeten. Als mutige Scharniere für angehakte, nachkommende Schlitten. Je länger die Schlange, um so freudenreicher die Schwarzwaldbuckelabenteuer. Wer den Anfang machen durfte, war schneegekrönter Pistenkönig. Eine Art natürlicher Heimatminister.

IX

Früh waren die Sprachreviere abgesteckt. Oder waren es Jagdreviere. Ich gebe zu, das Wort „Revier“ verführt. Was mundete, mündete. Nicht umgekehrt. Und Fragen schienen wichtiger als Antworten. Sch:einen bedeutender. Immer noch. Was folgt nach der Schonzeit?

X

Was de Buur nit kennt, frißt r nit. Aber: das Bauernbrot. Pan cateto. Und grenzwertig die Vorurteile. Die sichtbaren. Insgeheim war Bauernbrot das Schmackhafteste auf dem Tisch. Zumindest für meinen entdeckenden Kindsgaumen. Im Mund trafen sich die Welten, versöhnten sich am Appetit auf MEHR. Kann man von einem Gaumen der Zeit sprechen? Von dem, was unter bestimmten Umständen und noch bestimmteren Jahren eins wurde oder sich entzweite. Vielleicht ist Entzweiung eine der Voraussetzungen, um eins zu w:erden. E Honigstricher ist kein pan con tomate. Knoblauch und Onkebutter sprachen meine Lust heran und aus. Sprechen, ohne sich beweisen zu müssen.   

Musste ich Spanisch können um Deutsch zu verstehen? Und wo lag das Andalusische? Wo das Alemannische? Auf welcher Karte meiner Phantasie? Ich stelle mir 1 Mehr vor. Und frage mich: wer kann mich des Mehres verweisen?

XI

Irgendwann war ich mehrsprachig, aß ich mehrsprachig. Lernte, lachte, liebte; lernte. Mehrsprachig. Sich ein Wort auf der Zunge zergehen lassen ist ein Geschenk. Herzhirnzungen. Ein körperliches Seelencadeau. Du coeur. Fühlbar. „Brotwärme“ war ein Wort, das mir in jungen Jahren wurde und ins Offene der Sehnsucht schmeckte. Worte. Gaumenw:orte wie bedingungslose Zärtlichkeiten.

XII

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, geneigte Leserin, geneigter Leser, wohin dieser Text mäandern wollte oder noch auswandern und was verr:ändern möchte? Ich kann es Ihnen nicht genau sagen. Und das ist gut so. Der Text selber schreibt ungefragt mit, wo ich mich auf die Suche begebe, dem Wort zu begegnen, auch den W:orten, die mir eines der schönsten der deutschen Sprache herahnen, hernahen: „Heimat“. In aller Hilflosigkeit unheimlich heimisch.

XIII

Ist „Heimat“ ein Gütesiegel? Wenn ja, wer verleiht es? Eine erinnerte Schlittenfahrt? Ein Langholzlaster, ein Verw:orten? Oder das Amt des Totengräbers?

Epilog

Die richtenden Daumen sind zurück. Ob m:einer dabei ist, der ... ? Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so ...

 

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