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29.08.2018, Jamal Tuschick

"Mesut Özil ist nicht zurückgetreten", sagt der Journalist Carim Soliman

Eine Analyse abseits der Stammtische

Carim Soliman

Mesut Özil ist nicht zurückgetreten

“Mesut Abi”, nennen viele Kollegen aus der Nationalmannschaft Mesut Özil in einem Grußvideo zu seinem 28. Geburtstag. Der türkische Namenszusatz bedeutet so viel wie “großer Bruder”. Er ist eine liebevolle Anrede für eine nahbare Respektsperson, jemand, der Autorität ausstrahlt, ohne völlig übergeordnet zu sein. Mesut Özil und Autorität? Völlig undenkbar, wenn man mancher Boulevardzeitung glaubt, manchem Experten oder Mario Basler. Angeblich hat er eine völlig falsche Körpersprache. Seine Schultern hängen. Er trabt, statt zu rennen. Ihm ist die Schwere des DFB-Trikots, in dem er sich nicht wohl fühlt, anzusehen. Wenn es für Deutschland nicht läuft, ist auf ihn kein Verlass. Zu gebrauchen ist er nur, wenn Deutschland ohnehin gewinnt. Jemand noch einen Korn?

Neben einer großen Zahl deutscher Fans abseits der Stammtische sehen das vor allem zwei Gruppen anders: Analysten und Mitspieler, sprich tatsächliche Experten. Auf einschlägigen Statistikseiten lassen sich seine einmaligen Spielmacherqualitäten in Zahlen ablesen, in Torvorlagen, Schlüsselpässen, kreierten Chancen. Aber was sind schon Statistiken ohne Kontext? Wer Wegbegleiter fragt, wird feststellen, dass Özil eben nicht nur dann wichtig für die Mannschaft ist, wenn es läuft. Im Gegenteil. “Du konntest ihm unter Druck den Ball geben, er hat keinen verloren”, sagte Philipp Lahm der Süddeutschen Zeitung über Özils Beitrag zum WM-Titel 2014. Noch einmal: Wenn Philipp Lahm, Weltmeisterkapitän, mehrfach nominierter Weltfußballer, Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft, der intelligenteste Spieler den Pep Guardiola je trainiert haben will, einer der besten Verteidiger der letzten Jahrzehnte, wenn der Philipp Lahm Angst hatte, wendete er sich an Mesut Özil.

Erfolg durch Leistung, Respekt durch Erfolg, Akzeptanz durch Respekt. Das ist das deutsche Versprechen an uns, Migranten und ihre Kinder. Der 22-Jährige Özil verkörperte dieses Versprechen 2010 so perfekt, dass man ihn mit einem Bambi auszeichnete. Rückblickend wirkt das naiv, fast schon goldig. Wir leben in zynischeren Zeiten. Heute sitzt die AfD im Bundestag, Europa lässt zur Abschreckung Menschen ertrinken und Innenminister feiern ihren 69. Geburtstag fröhlich mit 69 Abschiebungen. Fußball ist kein Spiegel der Politik, keine Zeichnung der Gesellschaft. Wer im Ausscheiden der Nationalmannschaft den Niedergang der Bundesrepublik Deutschland sieht, geht zu weit. Den Erfolg von Angela Merkel an den von Joachim Löw zu knüpfen ist, gelinde gesagt, bemüht. Aber Fußball ist in seiner Beliebtheit ein Maßstab. Wie sie mit Fußball(ern) umgeht, sagt etwas über eine fußballbegeisterte Gesellschaft aus.

Das ist es, was den Umgang mit Özil so bezeichnend macht, so folgenschwer. Insbesondere für uns. Rassisten gab es immer und wird es immer geben. Beschimpfungen und offen rassistische Attacken sind schmerzhaft. Niemand will als “Ziegenficker” beleidigt werden oder hören, dass man “zurück nach Anatolien” soll, wie es Özil widerfahren ist. Aber wer in Deutschland mit Migrationshintergrund aufwächst, ist dahingehend meistens abgehärtet. Vor allem, wenn man Fußball spielt. Das sind Idioten, die sich ignorieren oder bestenfalls direkt konfrontieren lassen.

Wirklich verletzend sind Momente der Ohnmacht. Die Erkenntnis, durch Leistung allein nie genügen zu können, geschweige denn zu überzeugen. Zu überzeugen bedeutet, genug geleistet zu haben, um im Zweifelsfall Unterstützung zu erfahren. Überzeugung ist Ausdruck von Zugehörigkeit. Mesut Özil hat Deutschland zu einem Fußballweltmeister gemacht, indirekt wie direkt. Ohne sein Tor in der 119. Minute des Achtelfinals gegen Algerien hätte der Außenseiter womöglich ein Elfmeterschießen erzwungen. Nach dem Treffer stieß Özil einen tiefen Jubelschrei aus. Er joggte langsam Richtung Eckfahne, schaute hinunter auf seine Brust und klopfte stolz mit offener Hand auf das DFB-Wappen.

Es war der Moment, in dem er glaubte, Deutschland überzeugt zu haben. Es war der Moment, in dem ich glaubte, dass er Deutschland von uns überzeugt hat. Tränen schossen mir in die Augen. Vier Jahre später wurden Stimmen laut, die ihn nicht in Russland sehen wollten. Nach der Auftaktniederlage gegen Mexiko, bei der er seine Aufgaben als Spielmacher weitestgehend erfüllt hat, wollten sie ihn nicht mehr in der Startaufstellung sehen. Hinter alldem steckt die perfide Botschaft, die Claus Struntz, rechtes Rumpelstilzchen des Sat.1 Frühstücksfernsehens, schon gleich nach der Veröffentlichung der Fotos von Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdogan offen aussprach: “Mesut Özil gehört nicht zu Deutschland.”

“Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen und Immigrant, wenn wir verlieren.” Wer ähnliche Erfahrungen gemacht hat und Mesut Özils kürzlich veröffentlichten offenen Brief liest, weiß, dass ihn das am meisten verletzt, und jene, die dem nichts entgegnen. In seinem offenen Brief “Letter from Birmingham Jail” klagte Martin Luther King Jr. jene schweigende Mehrheit in der Bevölkerung an, die er “White Moderates” nannte, “moderate Weiße”. Der Ku-Klux-Klan und andere rassistische Gewalttäter terrorisierten mit Kirchenverbrennungen, Lynchmobs und sonstigen Grausamkeiten zu seiner Zeit offen schwarze Gemeinden. Doch King kam “fast zu dem Schluss, dass nicht […] der Ku-Klux-Klaner den größten Stolperstein auf dem Weg zur Freiheit [der afroamerikanischen Bevölkerung] darstellt, sondern der moderate Weiße, dem ‘Ordnung’ mehr am Herzen liegt als Gerechtigkeit”. Wir leben nicht in den Vereinigten Staaten von 1963, Özil ist weiß Gott nicht Martin Luther King Jr. Aber King’s Erkenntnis spiegelt sich in Özils Erzählungen wider.

Wo war der gesellschaftliche Aufschrei über die Behandlung eines Mitbürgers durch Rassisten? Wo war die klare Solidaritätsbekundung seitens der Nationalmannschaft? Warum setzten Sponsoren wie Mercedes-Benz kein Zeichen gegen die Diskriminierung? In der traurigsten Anekdote des Briefes erzählt Özil, wie seine ehemalige Schule einen Termin für ein wohltätiges Projekt absagt. Die Verantwortlichen hätten Angst vor der Medienreaktion gehabt, besonders hinsichtlich der Erstarkung “der rechten Partei” in Gelsenkirchen. Das muss man sich vor Augen führen: Ein Sportler mit Migrationshintergrund kann 2018 in Deutschland seinem wohltätigen Projekt nicht nachgehen, aus Angst vor rechten Anfeindungen. Der DFB schwieg. Man wollte die Erdogan-Affäre schnellstmöglich hinter sich lassen, auf Kosten einer fairen Auseinandersetzung mit den durchaus bedenklichen Fotos. Stattdessen überließ man die Hoheitsgewalt über den Diskurs denjenigen, die nur auf die Gelegenheit gewartet hatten, um sich auf deutsche Spieler mit ausländischen Wurzeln zu stürzen. Ordnung über Gerechtigkeit.

Galionsfigur dieser feigen Methode ist DFB-Präsident Reinhard Grindel. Vor der WM zeigte er sich im Interview mit DIE ZEIT irritiert, dass Özil und Gündogan durch die Fotos mit Erdogan so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde. Nach dem Ausscheiden, als man für das Disaster händeringend nach Schuldigen suchte, stellte er Özil im kicker ein Ultimatum für eine Stellungnahme. Özils offener Brief ist auch eine direkte Abrechnung mit dem DFB-Präsidenten. Er verweist auf Grindels politische Vergangenheit, in der er sich rechtspopulistisch geäußert hat. Grindel habe sich zudem wenig für seine Beweggründe für die Erdogan-Bilder interessiert und zugestimmt, dass Özil sich auf Fußball konzentrieren solle, statt sich öffentlich zu dem Skandal zu äußern.

“Ich beziehe jetzt Stellung, weil ich es möchte, nicht für Grindel.” Der Satz ist in Mesut Özils offenem Brief fett markiert. Neben den Fotos selbst war sein Schweigen lange der größte Kritikpunkt an Özil. Feige sei er, weil er sich der Öffentlichkeit nicht stelle. Ist es feige, die eigene Narrative selbst bestimmen zu wollen? Mesut Özil will als Mensch argumentieren, nicht als Angeklagter. Es wäre ohnehin ein zweckloses Unterfangen gewesen, eine Debatte zu führen, die völlig abseits von Fakten stattfindet. Den Sturm der Empörung, der die Mannschaft vor ihrer Abreise nach Watutinki angeblich vom Wesentlichen abgelenkt und zum frühen Ausscheiden beigetragen hat, haben nicht reflektierte Bürger ausgelöst, denen Demokratie und Pluralismus am Herzen liegen. Ihnen dürfte die Ironie bewusst gewesen sein, sich über ein Treffen mit Erdogan vor Putins WM zu brüskieren. Rechte Trolle und Wutbürger haben den Ton angegeben, solche, die sich nicht überzeugen lassen. Ilkay Gündogan hatte sich öffentlich zu den Bildern geäußert. Beim anschließenden Testspiel gegen Saudi-Arabien wurde er ausgepfiffen.

Nicht einmal jetzt, nachdem sich die Wogen vermeintlich geglättet haben, darf Özil vollends seinen Standpunkt klarmachen. Übereifrige Medienvertreter titelten, Özil würde sich jederzeit wieder mit Erdogan ablichten lassen. Tatsächlich schreibt er, dass er sich mit jedem türkischen Präsidenten hätte fotografieren lassen, nicht nur mit Erdogan. Das bietet genug Angriffsfläche für eine gesunde, aber eben zu anspruchsvolle Debatte darüber, ob Fußballer sich instrumentalisieren lassen. Sogar Özils Fazit wird, ob bewusst oder unbewusst, zurechtgebogen: “[…] Aufgrund jüngster Ereignisse werde ich nicht länger international für Deutschland spielen, solange ich das Gefühl habe, dass mir Rassismus und mangelnder Respekt zuteil wird.” Das ist kein Rücktritt.

Es ist erst recht kein “Jammer-Rücktritt”, wie die Bild titelt. Es ist die Aufforderung eines Spitzensportlers an seinen Verband, untragbare Missstände und Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Es ist der selbstbewusste Appell eines Deutschen, der die Menschenwürde einfordert, die ihm die Verfassung seines Geburtslandes garantiert. Erst dann stellt Özil seine fußballerische Exzellenz dem DFB wieder zu Verfügung, erst dann hat er sie verdient. Deutschland muss Mesut Özil wieder überzeugen.

 

Der Artikel erschien zuerst im Medium

 

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