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06.09.2018, Jamal Tuschick

Eckart Britsch ist ein Prophet - Sehen Sie selbst!

LANDSTREICHER IM SUPERKOSMOS

Eckart Britsch

Der Artikel erschien zuerst 2002 im Kursbuch

Kein anderes Land in der Geschichte auf der Welt hat in so kurzer Zeit so viele Kul­turen integriert und sie in ihrer positiven Sub­stanz und Leistungskraft aufgesaugt wie die Ver­einigten Staaten. Man braucht nur in die großen Städte zu reisen, um das Abenteuer der Kulturen zu erleben. Die klassischen Stichwörter für den Besucher lauten: Chinatown, Japan- oder Korea­center, Little Italy oder Bombay, Calle Ocho.

Während manche Deutschen mit sentimen­taler Vorliebe ihre Ausländerfeindlichkeit kulti­vieren, ist Ausländerhaß in den Vereinigten Staa­ten von Amerika unbekannt, sieht man einmal von bestimmten Problemgruppen und einer An­zahl von durchgeknallten rednecks ab. In Kalifor­nien gibt es sogar Gesetze, die es der Polizei verbieten, bei Routinekontrollen Chicanos oder Mexikaner nach ihrem Ausweis zu fragen, weil man weiß: Ohne illegale Mexikaner läuft die Ökonomie nicht. Die Amerikaner lieben und pflegen nicht nur ihren Individualismus, sondern verehren auch ihre Einwanderer, die sie oftmals reich gemacht haben. Egal, woher jemand stammt – ob er Inder, Vietnamese, Iraker, Tamile, Sikh, Algerier, Russe, Ukrainer oder Sudanese ist – solange er einen positiven Beitrag zu leisten bereit ist, ist er willkommen. Sie werden dann mit der universalen Kommunikationsformel des American way of life Nice to meet you begrüßt, obwohl auch in Amerika die Mehrzahl der Fami­lien immer three months from homelessness leben. Gerade die Einwanderer, aber auch die Durch­schnittsamerikaner, haben lieber zwei oder drei Jobs, als auf der faulen Haut zu liegen und ihre Zukunft an die Leistungen eines Sozialstaates zu delegieren: Go for it – you can do it wird ihnen in­fusioniert wie den Deutschen ihre Reserviert­heit. Das Ergebnis ist: Der Durchschnittsameri­kaner arbeitet drei Monate im Jahr für seinen Staat, der Deutsche sechs. Wobei einige neolibe­rale Hardliner behaupten, es seien sogar mehr.

Von den kreativen Anforderungen eines mo­dernen Kosmopolitismus aus betrachtet, er­scheint das soziale Ornament von Old Europe und vor allem von Old Germany sich in ein Mu­seum verbrauchter Ideen und Konzepte zu ver­wandeln, dem es kaum gelingt, dem Beschleuni­gungsschub der Amerikaner in „stiller Größe“ hinterherzuhinken.

Obschon die Überbleibsel der akademischen Rokoko-Marxisten aufheulen und die Stasi-left-over-Grüppchen protestieren, ist der Grundstein der Welt von morgen geknüpft an die staatliche Verpflichtung zum Abbau sozialstaatlicher Büro­kratien bei gleichzeitiger „Einhegung“ marktdo­minierender „neostalinistischer“ Organisationen wie etwa Microsoft, weltweit, zumal sich gerade die deutschen Manager mit Vorliebe Phantasiege­hälter auszahlen, die sich durch nichts rechtferti­gen. Ihre Restrukturierungsprobleme delegieren sie an den Arbeitsdirektor von der Gewerk­schaft, der sich mit dem Stellenabbau herum­schlagen kann, während sie an der Börse spielen und die Belegschaft die Chose auszubaden hat. Die amerikanische Parole Go big or go home wird um ihren Sinn gebracht, wenn die deutsche „Elite“ amerikanisch verdienen und gleichzeitig sozialstaatlich abgesichert sein will. Ihr Lieblings­wort ist „Sozialverträglichkeit“, die sie innerlich in ihrer Gier und ihrem Modell „Mehr ist weni­ger, weil man immer noch mehr will“ längst auf­gekündigt hat. In Amerika wäre dies undenkbar, weil in aller Regel ein ausgefeiltes Bonus- und Optionssystem in the long run dafür sorgt, daß nur die viel verdienen, die es auch wirklich ver­dient haben. Ausnahmen von der Regel gibt es natürlich immer – Schmarotzer sind so unaus­rottbar wie die Mondfinsternis.

Hinzu kommt, daß sich in Amerika eine neue Situation abzeichnet, die Tom Wolfe in seinem Buch Hooking Up als das Verschwinden der Wör­ter working class und proletariat aus dem öffentli­chen Diskurs zu Anfang der Jahrtausendwende idealistisch beschrieb.

Die Welt von gestern sah anders aus, je nach­dem, ob man zu „white“-collar oder „blue“-collar gehörte. Heute werden Prestige und Status vor allem über Lebensstiloptionen vermittelt. Die neue Glücksformel der manisch-depressiven All­tagskultur heißt: Ich shoppe, also bin ich. Was Wolfe in seinem New Yorker Penthouse über­sah, ist die Tatsache, daß in den letzten zehn Jah­ren eine Schnittmenge dazugekommen ist, die wegen ihres extremen Individualismus schwer zu beschreiben ist. Auch weil sie sich durch Im­munstrategien allen staatlichen Strukturen zu entziehen versucht: die „no“-collars. Jenseits ver­trauter Strukturen und Lebensversicherungen der verbrauchten Endverbraucher wie Paß, Füh­rerschein, Kreditkarte, Krankenversicherungs­nachweis, fester Adresse schlagen sie sich als Bi­zarre durch im Land der Freien.

Die Welt der freien Vögel

Waren es früher Freaks, Drop-outs, Junkies, Hippies, Loners oder Hobos, aus denen sich die Alternativszene in Amerika rekrutierte, handelt es sich heute um Leute, die beste Ausbildungen und Arbeit und Vergnügen als Programm haben, die sich aber weder von staatlichen noch von in­dustriellen Organisationsstrukturen strangulie­ren lassen wollen. Dieser Freiheitsgrad nimmt zu, je weiter man in den Staaten der untergehen­den Sonne hinterherfährt, und konzentriert sich an der Mauer des Pazifiks. Seine Verkörperung ist die Stadt San Francisco: eine der schönsten Städte weltweit und ganz sicher die liberalste, wo man alles tun kann, solange man nicht andere belästigt. In New York gilt die Parole: Money talks, bullshit walks. Central London zwischen Glochester und Picadilly Circus hat die Form der Höflichkeit kultiviert: You fit in – or they ignore you, Hongkong hat die bessere Küche und die noch verrückteren Milliardäre. Dagegen hat San Francisco aus seiner eigenen Tradition ein Gefühl für Liberalität, sozialen Ausgleich und Brüder­lichkeit entwickelt, das es vor langer Zeit einmal in Paris gab: der europäischen Hauptstadt der Exilanten und Asylanten.

Als vor ein paar Wochen die Selbsthilfeorga­nisation Black Money Party gegründet wurde, wa­ren viele dieser Bizarren dabei. So zum Beispiel mein alter Freund Bobby, der über sich sagt, er sei ein western-boy. Er wurde in Montana gebo­ren und zog als Cowboy nach Wyoming, als er wegen „Fahrens ohne Fahrerlaubnis“ zum drit­ten Mal erwischt wurde. „Ich gehe doch nicht in den Knast für etwas, was ich perfekt kann“, sagte er bei einem Drink im Spex, der coolsten Bar in San Francisco. Aber als gelernter Analphabet hatte er keine Chance, den Führerschein zu ma­chen. Auch fehlte ihm zum Lesen- und Schrei­benlernen die Lust, weil er in einer Landschaft lebt, wo cash das beliebteste Zahlungsmittel ist und jeder sich ständig sagt: Anywhere, but here. Der Molochstaat, der alles regeln und ihn damit bevormunden will, erscheint ihm als trostlos. „Bis zum Ende meiner Tage“, sagt er, „kann ich für mich selber sorgen.“ Wenn er Polizisten oder se­curity-guards in den Städten herumlungern sieht, juckt ihm sein rechter Zeigefinger.

Dann kratzt er sich an den Stichnarben an seinem Bauch, die er sich als Mitglied der Anony­men Alkoholiker bei Resozialisierungsversuchen Feuerwasser trinkender Indianer zugelegt hat. Daß der Indianerrat des Reservates ihn für sei­nen heldenhaften Einsatz beim Tresenkampf be­lobigt und ihm eine Adlerfeder überreicht hat, bedeutet ihm mehr als der Scheck der Indianer­behörde für seinen Verdienstausfall.

Doch die Zeiten haben sich auch für ihn dra­matisch verändert, seit die Staatsfeindikonen Che Guevara und Fidel Castro von anderen Voll­bartträgern aus Saudi-Arabien mit so geheimnis­voll klingenden Namen wie Osama Bin Laden in den Medien abgelöst wurden. Schon kurz nach dem 11. September konnte er nämlich nicht mehr so einfach die Staatsgrenze überschreiten wie früher, wenn er nach einer blauen Periode mit Frauen und Feinden Ärger bekam, wo er dann einfach die Grenze wechselte von Montana nach Wyoming, von Nevada nach Utah, von New Mexico nach Kalifornien oder für out-of-pic­ture-time über die Lost Coast in die Wälder von Oregon verschwand. Mit riesigen Summen, man-power und Sondergesetzen versucht heute die Bush-Administration mit Hilfe der National Secu­rity Agency, dem FBI und der CIA Fahndungsra­ster zu entwickeln, die selbst die kühnsten Träume des früheren Präsidenten des Bundes­nachrichtendienstes Horst Herold in den Schat­ten stellen. Ob man damit Terroristen fängt, darf jeder bezweifeln, aber als staatliche Umerzie­hungsmaßnahme im Programm Enduring Freedom sind sie dazu da, die free births in den Staaten einzuschüchtern und ihnen die Luft zum Atmen zu rauben.

Fliegen ohne ID-Karte ist nun unmöglich, und wer ein identifizierbares Telefon, einen Computer oder eine Kreditkarte benutzt, muß damit rechnen, daß jede seiner Bewegungen auf­gezeichnet, registriert und ausgewertet wird.

„Eine Katastrophe, die wir diesen Kameltreibern aus Saudi-Arabien verdanken“, meint Bobby, „die den freien Westen vollends zerstören werden.“ Wes­wegen seiner Information nach die Freaks unter den Bizarren schon nach Manila, Mexiko oder Guatemala ausweichen, sofern sie nicht einem europäischen Drive folgen und in Prag, Rumä­nien oder im wegen seiner byzantinischen Tradi­tion beliebten Sofia landen.

Dr. Jack Sarfatti hält diese Reaktionen für maßlos übertrieben, wenn nicht gar paranoid. Er glaubt aus Erfahrung als theoretischer Physiker, daß die Unmengen von Daten verschwinden wie der Urknall in den schwarzen Löchern, und lacht sich tot, wenn er sich Geheimdienstler vorstellt, die internationale Gespräche auf Urdu ablau­schen, um bedeutende Informationen zu sam­meln. Gerade erschienen seine beiden Bücher Destiny Matrix und Space, Time and Beyond II. Er organisiert eine Website zum Thema New World Order und tauscht sich mit Wissenschaftlern rund um die Welt täglich aus etwa über das Ro­bust Giant Macroquantum Potential Super Q, wel­ches das lebende „Makro-Bit-Geist-Feld“ dar­stellen soll, bei dem die Nachfolger der Theolo­gen, die theoretischen Physiker, den wirklichen Sitz unserer Seele vermuten. Seine Truppe un­terhält beste Kontakte zu staatlichen, halbstaatli­chen, privaten und militärischen Forschungsein­richtungen. Die Bizarren von heute wissen alles darüber, was geplant wird, was verworfen wurde und was tatsächlich gemacht wird.

Fröhliche Parolen sind in dieser Szene ver­breitet, weil die meisten daran glauben, daß es noch viele jungfräuliche Erden gibt und es letzt­lich nur darauf ankommt, die jetzige rechtzeitig zu verlassen. Go ye forth and multiply, Manifest De­stiny Matrix, Go hyperspace, young man, Go Space Navy. Viele seiner Theorien und Modelle sind so realistisch, daß sie von George Lucas in seinem nächsten Film Starwars IV verwendet werden.

Hauptfeind von Jack und seinen Freunden sind die Wissenschaftsbürokratien in Amerika, Rußland und anderswo. In Watte gepackt verhin­dern diese eine humane Entwicklung elementa­rer Physik. Sie lassen den Rest der Welt auf dem Stand von vor 50 Jahren, um das ganze Geld für ihre militärischen Projekte rauszuhauen, anstatt etwa die deadlock-Probleme zu lösen, um Mög­lichkeiten für eine „kontrollierte nukleare Reak­tion“ zu erhalten. Bei der größten Demonstra­tion seit dem Vietnamkrieg in San Francisco am 11. Februar 2003 demonstrierten die Bizarren mit dem Plakat: You’ll wonder where the yellow went, when we atombombed the orient.

Die Landstreicher von heute interessieren sich für den Superkosmos und gleichen ihren Kollegen von früher hauptsächlich darin, daß sie dem Obrigkeitsstaat wie immer einen Schritt voraus sind, weil sie wachsam sind und rechtzei­tig ihre Strategien ändern, bevor diese erkenn­bar und damit berechenbar werden. Ihre Visio­nen haben sich längst vom klimatisierten Alp­traum Amerikas verabschiedet, dessen mißmuti­ger Zustand sich wie in Deutschland in der Vermüllung und Vernuttung der Massenmedien abzeichnet. Die Konsumökonomie mit der un­mittelbaren Befriedigung von allem und jedem auf Kredit hat sie noch nie fasziniert. Gegen das neofeudale Kreditkartensystem der Banken, die mit Gebühren und Zinsen von bis zu 25 Prozent ihre Kundschaft ausplündern, setzen sie auf alles, was down to earth ist, schon um dem Schwindel­gefühl der 1000-Milliarden-Dollar-Tage an den Börsen zu entgehen. Schließlich weiß heute je­der: „Herzklopfen schließt Gedankenarbeit aus.“ Jacks Philosophie ist einfach: „Du kannst Girlies kaufen, aber keine Liebe, Wissenschaftler, aber nicht die Wahrheit. Selbst wenn du unzählige, korrupte Po­litiker schmierst, hast du noch lange keine Macht!“ Be amused ist deshalb die Konsequenz, die man seiner Meinung nach aus der Philosophie Nietz­sches für sein Leben ziehen muß.

Poesie der Straße

Nicht mehr traurige Wissenschaft ist angesagt, sondern rettende Positivität, die aus der Erfah­rung als Stehaufmännchen aus den Niederlagen und Siegen des gelebten Alltags kommen.

Daß man das Leben am besten auf der Straße lernt, glaubt auch einer der besten Dichter Amerikas: Jack Hirschman. Er war in seiner eige­nen Definition ein streetdog, seit er nach seiner Promotion an einer Ivy-League-University und ei­ner Professur als linker Narkotiker aus den Insti­tutionen flog und das Survival gegen die Fitte­sten erlernen mußte. Allerdings nicht wie Ken Kesey, der dann einfach über das Kuckucksnest flog und eine Außenseitergeschichte für alle er­zählte. Vielmehr trug Jack Hirschman über zwei Jahrzehnte zahllose Gedichte, Zeichnungen und Agitproptexte für die kommunistische Bewe­gung in den USA zusammen und entwickelte sich selbst zu einer der Stimmen Amerikas, die sich aus dem Dunkel der Verbannung wieder an das Licht der Öffentlichkeit hocharbeiteten. Er veröffentlichte mittlerweile über 90 Bücher und Gedichtsammlungen und machte Übersetzungen bedeutender Autoren aus acht verschiedenen Sprachen für die Amerikaner. Nebenher war er auch noch der Korrespondent für The People’s Tribune der League of Revolutionaries for a New America.

Art on the Line – Essays by Artists about the Point Where Their Art and Activism Intersect ist seine aktuellste Publikation, in der die Maler, Zeichner und Konzeptkünstler selber zu Wort kommen. Gleichzeitig schreckte er auch nicht davor zurück, die kitschigen Liebesgedichte des deutschnationalen Daseins-Bürokraten Martin Heidegger an seine jüdische Studentin Hannah Arendt, mit der Herr Heidegger als Professor trotz Verkleidung in SA-Uniform ein Verhältnis hatte, ins Amerikanische zu schmuggeln. „Du“. „Wurf der Flamme“ stöhnt der Herr aus Todtnau im zweiten Gedicht gut expressionistisch, was dem Buch dann konsequent seinen Titel gab: Fling of Flame. Als ich ihn darauf ansprach, daß Heidegger als glühender Nazi nur seismogra­phisch interessant sei, nämlich zur Klärung der Frage, warum die rechte Intelligenz der Weima­rer Republik von der Queen aus Österreich so fasziniert war, rollte er seine Poetenaugen und sagte: „Man muß immer neugierig bleiben auf die Paradoxien des Lebens, ohne die es keine Aussichten auf das Paradies gibt.“ Allerdings wunderte ich mich darüber, daß er als guter Amerikaner Ezra Pound haßte, was jeder nicht ideologische Ken­ner der Lyrik nur schwer verstehen kann, zumal nun mal Ezra Pounds Hülse im Wind zu dem Zar­testen gehört, was in der Moderne formuliert wurde: ein Soundteppich aus Worten.

Den Atem der zarten Gefühle kann jeder so­fort fühlen, wenn King Perkoff in sein Saxophon bläst. Von den Klassikern Louis Armstrong, Le­ster Young, John Coltrane, Miles Davis oder Chet Baker bis hin zu seinen eigenen Stücken verzaubert er seine Zuhörer auf dem Weg in die Hölle und zurück. Wie kein anderes Instrument verkörpert das Saxophon die Individualität Ame­rikas vom A-Train in New York bis zum coolen Westcoast-Sound in L.A. und San Francisco, und King Perkoff ist darauf sein eigener Meister. Gleichzeitig ist er sich selbst nicht zu schade, in seiner Freizeit einen zweiten Job zu machen und beispielsweise als Installateur zu arbeiten, um nicht von der Nostalgieausbeutungs-Industrie des Musikgewerbes abhängig zu sein. Wenn er sich in San Francisco aufhält, spielt er immer im Saloon in der Grantstreet, dem ältesten Rock ’n’ Roll-Laden der Stadt, in dem zweimal täglich um vier und um neun Live-Bands auftreten. Die ver­rückten Zeiten des internet-bubbles mit seiner silly-money-time, in der Horden von Spekulanten und Mörtelzockern die Stadt unsicher machten, überlebte der Saloon unter anderem, weil Herr Mo, ein Chinese, seine Einnahmen als Flügel­horn-Bläser beim philharmonischen Orchester in Blues, Jazz und Rock ’n’ Roll investierte, so daß Greg seinen Job als Türsteher täglich von nachmittags um vier bis nachts um zwei seit über 20 Jahren behalten konnte.

Jenseits von Gut und Böse ist der letzte bi­zarre Cowboy der Westcoast-Szene aus Wood­side California, dem Ort mit der höchsten Pfer­dedichte pro Einwohner und den meisten Düsenjets. Er ist der Christus aller Outlaws weltweit, und hinsichtlich der Publikumsperfor­mance könnten ihm allenfalls die Greatful Death den Rang streitig machen. Infolge einer legasthe­nischen Behinderung entwickelte er ein Gitar­renspiel, daß weltweit sofort als sein Sound er­kannt wird. Zumindest bei denen, die Musik hö­ren können. Er hat so lange gearbeitet, daß er als langsamer Gitarrist überraschend schnell klingt auch ohne data glove, weil er es vermochte, sein Handikap in Stil umzusetzen, selbst wenn er so manche Rückkopplung dabei in Kauf nehmen muß. Auch seine jämmerlich hohe, ins Weinerli­che kippende Stimme, die am Anfang als fast so unmöglich galt wie die von Bob Dylan, dem Poe­ten unter den Rocksängern, machte er zu sei­nem universellen Markenzeichen. Als ich ihn zu­letzt sah, saß er wieder einmal an der Verbesse­rung seiner ersten Songs aus The Last Trip To Tulsa. Ich sah, wie aus funktioneller Einfachheit der Geschichte bei musikalischer Komplexität des Gitarrenspiels Magie entsteht. „Jeder gute Song braucht einen guten Anfang und ein gutes Ende und hat ungefähr drei Minuten, um seine Geschichte zu erzählen“, meint Neil Young. Der Rest ist Zufall, den man sich mit Talent, Zähigkeit und Ausdauer erobern kann. Neil hat dieses Rezept mit seinen Crazy Horses selbst mit cocaine eyes nach Rückschlägen und Mißerfolgen immer wieder bestätigt und seinen eigenen Stil forciert, damit er immer wieder der Wucht der Weltverände­rung gewachsen ist. Deshalb klingt die eigentli­che Internationale heute irgendwie wie Turaluralu­ralu, hey, hey.

Zu den strange and funny people gehört in San Francisco auch die Polizei. Sie sind Ausdrucksfa­natiker in melancholischem Schwarz, die die zivi­lisatorische Minimalformel „Respekt“ einklagen. Als ich einmal nach langer Übung in verschiede­nen Lokalen nach der Sperrstunde mit ihnen zu tun bekam, machte ich die persönliche Erfah­rung, daß zum Paradies auch das Paradox ge­hört. Obwohl ich mich völlig im Recht sah, als ich einem palästinensischen Kellner nach drei­maliger Aufforderung, mir mein Wechselgeld zu­rückzugeben, eine scheuerte, als er mich plötz­lich als „Jude“ beschimpfte, der nur hinter dem Geld her sei, machte ich eine Erfahrung der drit­ten Art. Er rief die Polizei, und aus Gründen, die der Fachmann „Nachbarschaftschutz“ nennt, landete ich im Gefängnis mit einer Anklage we­gen Vandalismus des öffentlichen Raumes mit 50 000 Dollar Sachschaden. Das Orange klei­dete mich gut, und nachdem ich auf dem Fußbo­den meinen Rausch ausgeschlafen hatte mit ei­ner Reihe von Zuhältern, Drogenabhängigen und besoffenen Autofahrern, klärte sich das Di­lemma schnell auf, als ich dem Richter erklärte, daß das Fenster, in das der Arafatflüchtling gefal­len war, allenfalls 50 Dollar wert sein könne. Je­denfalls besitze ich jetzt ein Photo von der San Francisco Police, das mich ungefähr zehn Jahre jünger macht. Daß die große Stunde der Photo­graphie gerade im County Jail schlägt, schafft möglicherweise für viele ganz neue Benutzerillu­sionen. Allerdings muß derjenige, der diese Er­fahrung macht, dazu bereit sein, von der Hard­ware einschließlich der Verpflegung mit dreimal täglich peanutbuttersandwich für ungefähr zwei Tage abzusehen.

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