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14.05.2018, Jamal Tuschick

Romandebüt

Extrem divers

Fragt man Tante Khalida, dann fehlt den Deutschen die Weisheit Mesopotamiens. 

So ist das, glaube ich, noch nicht erzählt worden. Die Migration bestellt Kinder zur Aufsicht über ihre in der ersten Runde der Migration gescheiterten Eltern. Die Eltern sind schon angeschlagen in den Ring gestiegen. Von zwei, drei Treffern in die Seile getrieben, hängen sie da vollständig ab. Die neuen Verhältnisse geben ihnen keine Kraft. Vom Nachwuchs werden sie als Krisenherde wahrgenommen. Die Jungen versichern sich gegen die Anfälligkeit der Alten mit den Gepflogenheiten diverser Jugendstilen. Sie sind extrem divers. Das macht sie so tauglich wie unbegreifbar. Frei macht es sie nicht.

Dem Geschehen in Karosh Tahas erstem Roman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ging eine Einwanderung aus dem ländlichen Nordirak in eine deutsche Stadt ohne Namen voran. Die Fenster des Ankunftsviertels erscheinen dem erzählenden Ich wie feindliche Augen. Sanaa hat einen Krabbentick, der auf eine kurdische Krabbenstory zurückzuführen ist. Sie nimmt Auszeiten „von den Gesichtern und Geschichten“ ihrer Gegend. Die zweiundzwanzigjährige Studentin lebt bei den Eltern. Die Mutter ist depressiv, der Vater schwach auf der Brust. Eine pubertierende Schwester, die vitale Tante Khalida und deren Korona bilden die Sturmspitze der Sozialkontrolle. Die Traditionalistinnen wollen Sanaa kurdisch einnorden. Der weibliche Dreisatz lautet nach alter Mütter Sitte: Wichtig ist die erste Menstruation. – Ist das erste Mal. – Ist die Geburt des ersten Kindes.

Der soziale Klammerreflex, daran lässt Taha keinen Zweifel, reagiert auf einen Mangel an Perspektiven in der Mehrheitsgesellschaft. Die Verwandten erleben sich als Protagonisten einer Parallelgesellschaft, deren Konturen im Irak vorgezeichnet wurden. Sie verschwenden keinen Gedanken an eine Abweichung von ihrem fundamentalen Abweichungskurs.

Nach westlichen Maßstäben durchschnittliche Lebensäußerungen werden als Verfehlungen deklariert und mit Sanktionen belastet. Der Parallelgesellschaftskörper richtet organisch. Er urteilt und straft wie eine Frau. Das beschreibt Taha in einer Art Raumfahrtreport. Sanaa passiert unbewohnbare Galaxien. Sie kann nirgendwo landen.

Das ist zwar eine Bankrotterklärung, aber eine gut geschriebene. Die „Krabbenwanderung“ lässt die Leserin einiges begreifen. Das Getto installiert sich als Ableger einer überlegenen Kultur. Seine Bewohner*innen halten den westlichen Lebensstil für unausgegoren, im Grunde für barbarisch. Nach ihren Begriffen ist „die Liebe eine üble Krankheit“, gegen die „ein anständiger junger Mann“ immun sein sollte.

Fragt man Tante Khalida, dann fehlt den Deutschen die Weisheit Mesopotamiens. Sanaa pfeift auf die in fünftausend Jahren Zivilisation kodifizierten Regeln einer vorbildlichen Existenz. Sie liebt A. und unterhält außerdem ein Verhältnis zu O. Ferner stalkt sie der Renault fahrende „Volvomann“ und lädt zu vielen Vermutungen ein. Sanaa fürchtet, ihr Vater könne den Mysteriösen auf sie angesetzt haben. Eine Beobachtung suggeriert, der beinah letal Erschlaffte sei im Bett einer Türkin doch noch rüstig.

Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung 

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