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13.09.2018, Jamal Tuschick

Internationales Literaturfestival - Nell Zink erzählt in „Nikotin“ von kettenrauchenden Hausbesetzern, die Rauchen als revolutionäre Tat begreifen.

Die Oberflächlichkeit von Haut an Haut

Nell Zink

Sie wurde in Kalifornien geboren, wuchs in Virginia auf und lebt nun in Bad Belzig. BB ist, sagt Wikipedia, „die Kreisstadt des Landkreises Potsdam-Mittelmark im Land Brandenburg. Seit dem 5. Dezember 2009 darf Bad Belzig sich offiziell staatlich anerkanntes Thermal-Soleheilbad nennen.“ Als Gast des Internationalen Literaturfestivals sagte Nell Zink, am Anfang ihrer Bürgerschaft in BB sei sie so etwas wie ein Kaugummi an den Sohlen der Eingesessenen gewesen. Als großen Vorzug der Stadt schätzt Zink den Bahnhof. Ihr gefällt ferner, dass sie da von Einflüssen unberührt bleibt. Sie spricht Deutsch und schreibt Englisch. Ihr Deutsch findet sie „kompetent“, aber nicht literaturfähig.

Penny heißt die dreiundzwanzigjährige Heldin in Zinks Roman „Nikotin“.

Nell Zink, „Nikotin“, aus dem Englischen von Michael Kellner, Rowohlt, 400 Seiten, 22.95,-

Die 1964 geborene Autorin erklärte, Penny habe mit ihr nichts zu tun; sie selbst sei „in der Zeit vor dem Zynismus“ dreiundzwanzig und deshalb auch im Widerstand gegen die Elterngeneration ganz anders gewesen. Die akuten Dreiundzwanzigjährigen müssten sich nicht mehr in Oppositionen gegen die Eltern zusammenschließen. Pennys Vater ist der beste Freund seiner Tochter. Er stirbt qualvoll in einem Hospiz. Zink schildert den furchtbaren Abgang journalistisch und trägt auch so vor. Eine Erklärungsgarnitur rahmt den Text. Einlassungen zu gesetzlichen Regelungen, denen amerikanische Hospize unterworfen sind, nehmen dem Todeskampf die Tragik.

„Ausgerechnet in einem Sterbehospiz darf der Tod nicht beschleunigt werden.“

Ein „Giraffenhalsmuster aus geronnenem Schleim“ bildet sich auf dem Hals des Sterbenden ab. Man gewährt ihm zu geringe Morphium Gaben, um ihn seinen Frieden mit Gott bei vollem Bewusstsein machen zu lassen. Das gehört zum „System des geordneten Todes“.

Solche Sentenzen changieren zwischen grausam und ulkig. Ich möchte sie jedenfalls für extrem unwahr halten. Pennys Wahrnehmung bleibt unbestechlich. Sie sieht „einen verrotteten Körper in undichter Windel“.

Eine Sozialgemeinschaft der Ausgestoßenen

Zink erklärte ihr Interesse an Widersprüchen – „an Sachen, die in sich paradox sind“ – so wie die den Schmerz sinnlos vergrößernde Verlangsamung des Sterbevorgangs in der Konsequenz einer Rechtslage. Zink suchte einen Vergleich in Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Auch da würde „gestorben wie am Spieß“.

Der Tod des Vaters macht Penny zur Erbin eines Hauses, in dem sich anarchistische Kettenraucher*innen eingenistet haben. Das Haus heißt so wie der Roman – Nikotin. Die Raucher*innen bilden eine Sozialgemeinschaft der Ausgestoßenen. Sie sind Abgesonderte einer aktivistischen Allianz, die eine Reihe von Häusern besetzt hält. Penny arrangiert sich mit den Besetzer*innen, die Rauchen als revolutionäre Tat begreifen. Sie legt sich zu Rob, sein „Schwanz bleibt formlos“.

„Ich glaube, du bist impotent.“

Rob behauptet aber, asexuell zu sein und leitet daraus ein Recht ab, im queeren Kosmos einen Platz zu haben.

Penny fehlt das Verständnis für diese Abweichung. Sie „hat Umarmungen von einem Neutrum erbettelt“.

Zink schob ein: „In meiner Alterskohorte hat niemals je einer behauptet, asexuell zu sein.“

Die Autorin gilt als fabelhafte Sexszenenschreiberin. Sie sagte: „Wenn man über Menschen unter Dreißig schreibt, dann schreibt man über ein Sozialverhalten wie bei den Bonobos. Wie sie miteinander reden und wie sie miteinander schlafen, das ist ein Kontinuum.“

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