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14.09.2018, Jamal Tuschick

Wie konnte es dahin kommen, dass alle progressiven Positionen neu verhandelt werden müssen vor einer zunehmend bedrohlichen Kulisse?

Das Ende der Gemütlichkeit

Kombattanten im Kulturkampf

Das letzte Mal saßen Feridun Zaimoglu und ich vor zwanzig Jahren gemeinsam auf einem Podium und genossen den Zauber, der nach Hesse jedem Anfang innewohnt. Das war im alten Frankfurter Literaturhaus an der Bockenheimer Landstraße, Maria Gazetti war Hausherrin und Gastgeberin. Nach der außerordentlich gut besuchten Veranstaltung verabschiedete sich Feridun zügig. Das quittierte eine Verlagsangestellte mit der Bemerkung: „Ich muss jetzt eine halbe Stunde traurig sein.“

Ein paar Tage später waren wir in einer Einrichtung der Falken, wo Feridun türkisch- und arabischstämmige Jugendliche genauso beeindruckte wie er das bürgerliche Literaturhauspublikum beeindruckt hatte. Damals wurde ein Wort von Lord Byron noch einmal wahr: I awoke one morning and found myself famous. Man begriff Feridun als Sprachrohr der zweiten Einwanderergeneration. Ich nannte ihn in der Frankfurter Rundschau „den Rudi Dutschke der Postmigration“. Joachim Lottmann steigerte in der ZEIT zu Malcolm X. Feridun verwahrte sich gegen seine eigenen Suggestionen. Wir hielten die Migration einvernehmlich für einen vorübergehenden Zustand, der in sozialevolutionären Prozessen überwunden werden würde. Feridun sagte: „Auf die Ethnie beziehen sich die Ausgebremsten.“ Und – „Es geht nicht um ethnische Differenz, sondern um soziale Probleme.“

Zig Romane später erscheint Feridun als Solitär. Zuletzt äußerte er sich öffentlich als Laudator beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Er sagte: „Die neuen Patrioten können nur skandieren und hetzen. Es gibt keine redlichen rechten Intellektuellen. Diese Leute schüren Ängste und liefern dem Hass Argumente.“

Ob Feridun uns sagen kann, wie wir in diese Geisterbahn geraten sind? Wie es kommen konnte, dass alle progressiven Positionen neu verhandelt werden müssen vor einer zunehmend bedrohlichen Kulisse?

Unser Kollege Max Czollek sagte letzte Woche im Berliner Literaturhaus, wir werden Chemnitz noch ein paar Mal erleben. Im Grunde haben wir Chemnitz seit Hoyerswerda ja schon zig Mal erlebt.   

Bundesinnenminister Horst Seehofer zeigt für die Chemnitzer Menschenjäger Verständnis und nennt die Migrationsfrage „die Mutter aller Probleme“. Wie weit weg ist das von der Feststellung: Die Migration ist die Mutter aller Probleme?

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