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16.09.2018, Jamal Tuschick

Wer sich nicht engagiert, wird engagiert, sagt Heiner Müller. Teilhabe muss radikal formuliert und eingefordert werden. DIE ZEIT.

Das Ende der Gemütlichkeit oder Das akzentfreie Ich oder Du hast es nicht verstanden, Ficker!

Sandra Gugic,Tobias Kammann, Karosh Taha, Arta Ramadani, Mac Czollek

Tobias Kammann

Unser Gastgeber und Hausherr Christian Kaufmann sprach in seiner Willkommensrede vom „Verblöden einer Nation“ im Integrationstheater. Es gibt kein ohne uns mehr, verkündet Max Czollek in seiner Streitschrift „Des-integriert euch!“ Ich begrüße Karosh Taha, Arta Ramadani, Sandra Gugic, Max Czollek und Tobias Kammann. Ich stelle Ihnen die Autor*innen gleich vor. Vorher erlaube ich mir einen kurzen Ausblick auf drei sehr unterschiedliche Herangehensweisen an die Gegenwart oder auch Vorgehensweisen der Wirklichkeit:

Erstens: In ihrer Eröffnungsrede des Internationalen Literaturfestivals Berlin beklagte Eva Menasse den Verlust der gesellschaftlichen Mitte. Sie sprach von „inquisitorischen Angriffen auf das moralische Immunsystem der Gesellschaft“. Es regiere der Vorschlaghammer in einem Tsunami der Vereinfachungen. „Wer sich nicht empört, wirkt wie scheintot.“

Zweites: In der ZEIT hieß es gestern: Feminismus muss wütend und breitbeinig auftreten. Man soll eine Bitch im positiven Sinne sein. Als Leitfaden empfohlen wird ein Buch mit dem agitierenden Titel: „Du hast es nicht verstanden, Ficker!“

Zitat: „In politischen Debatten müssen mehr Tomaten fliegen, höfliche Worte haben ausgedient. Teilhabe muss radikal formuliert und eingefordert werden, auch im Alltag.“  

Drittens: Inzwischen geben sie ihre Titel und Telefonnummern an. Viele fürchten keine Statusverluste mehr, wenn ihre Kommentarspaltenexzesse und andere Entladungen der Anonymität entzogen werden können. Manche sagen „Kultur“ statt „Rasse“, „kulturfremd“ statt „rassisch minderwertig“ und „ethnopluralistisch statt geh dahin zurück, wo du herkommst, vor allem jedoch, bleib da“, aber die Dezenten meinen das Gleiche wie die Derben, nämlich eine von fremden Einflüssen angeblich gefährlich gestörte volksgemeinschaftliche Homogenität. Die Ereignisse in Chemnitz, wo Menschen wegen ihrer Hautfarbe gejagt wurden, Menschenjäger das Verständnis des Innenministers fanden und der Versuch, den Mob medial wegzuzaubern, beinah geglückt wäre, zeigen wie schnell aus einem Deutschen mit Migrationshintergrund ein Ausländer werden kann.

Normalität und Integration lassen sich als Kampfbegriffe missbrauchen. Im Subtext des kulturellen Nationalismus steht: Dein deutscher Pass macht dich zwar nicht zum Deutschen, aber dafür macht dich deine Religion/Hautfarbe/Herkunft zum Ausländer.  

Strategisch geht es bei der Bestimmung der Grenzen des Sagbaren in rassistischen Sprechweisen um Verschlechterungen der Standards zum Schutz von Minderheiten. Worte schaffen Wirklichkeit. Das ist die eine Seite der bundesrepublikanischen Realität – offener und verdeckter, begriffener und nicht begriffener Rassismus/Antisemitismus. Auf der anderen Seite steht fest: Der fünfte Teil der deutschen Bevölkerung, also mehr als 17 Millionen Bürger haben einen Migrationshintergrund. 1998 lebten ungefähr so viele Deutsche in der DDR. Zweifellos passt dazu keine Monokultur. Diversität könnte die neue Homogenität werden, jedenfalls wenn es nach den Autor*innen auf diesem Podium geht. Sandra Gugić sagt: „Homogen ist eine Gesellschaft, in der Unterschiede zweitrangig sind. Meine Weltanschauung verträgt Differenz und Dissonanz … Die diffusen Bevölkerungsängste dürfen den politischen Diskurs nicht bestimmen.“

Sandra Gugic, Jahrgang1976, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft und Mitbegründerin von Nazisundgoldmund, einer Autor*innenallianz gegen die europäische Rechte und deren internationale Allianzen. Im Juni 2018 veranstalteten Nazisundgoldmund die Literaturkonferenz zur Erosion des Demokratischen ÄNGST IS NOW A WELTANSCHAUUNG in Berlin. Sandra Gugics erster, bei Beck erschienener Roman, „Astronauten“ erhielt 2016 den Reinhard-Priessnitz-Preis. Im Frühjahr 2019 erscheint ihr Lyrikdebüt im Verlagshaus Berlin.

Karosh Taha wurde 1987 im Nordirak aka Autonome Region Kurdistan geboren. Seit 1997 lebt sie mit ihrer Familie im Ruhrgebiet. 2018 erschien ihr Roman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ bei Dumont. Darin liefert die Autorin neue Informationen aus der fortgeschrittenen Migration. Die Migration bestellt Kinder zur Aufsicht über ihre an einem Neuanfang scheiternden Eltern. In einem Interview sagte Karosh Taha: In der deutschen Gesellschaft werden die eingewanderten Eltern zu Kindern, die von ihren Kindern betreut und begleitet werden, während die Erwachsenen in Unkenntnis der Regeln ständig Angst haben, etwas falsch zu machen. Das ist meines Wissens so noch nicht erzählt worden.   

 

Arta Ramadani betrachtet sich selbst als ein Beispiel für gelungene Integration. Sie sagt: „Es ist schade, dass die Medien so sehr auf migrantische Problemfälle anspringen. Schaut mich an - Ist es nicht schön zu sehen, dass es auch Migrantinnen wie mich gibt? Denen das Leben glückt. Ich möchte Mädchen aus traditionellen Familien dazu inspirieren, an sich zu glauben und ihren Weg konsequent selbstbestimmt zu gehen.“

Arta Ramadani wurde 1981 im Kosovo geboren und kam mit ihren ultra-progressiven Eltern nach Deutschland. Sie musste sich nicht emanzipieren, sondern bewähren, indem sie den hohen Emanzipationsstandard der Eltern nicht unterschritt.

Zitat: „Ich hätte jederzeit ledig Mutter werden dürfen. Ein Schulabbruch wäre aber eine Katastrophe gewesen.“

Ihr literarisches Debüt, „Die Reise zum ersten Kuss: eine Kosovarin in Kreuzberg“, veröffentlichte sie 2018 im Drava Verlag. Sie arbeitet als Redakteurin beim ZDF.

Man unterscheidet zwischen Systemintegration, Sozialintegration, struktureller Integration, kultureller Integration, sozialer Integration, emotionaler Integration, Mehrfachintegration, Assimilation, Separation und Marginalisierung. Max Czollek erweitert das Spektrum mit dem Begriff Des-Integration. Das ist eine politische Forderung und ein Programm. Den Verfechtern einer vielfältigen Gesellschaft liefert das Programm Argumente für „unversöhnliche Interventionen“. Ich zitiere: „Meine Freund*innen und ich sind „Teil dieses Landes, auch wenn wir uns mit dem neuen deutschen Nationalstolz nicht identifizieren … wir sind Teil dieses Landes, das jenseits allen Leitkultur- und Integrationsgelabers existiert. Was bedeutet, dass wir die Rolle nicht annehmen, die uns bei der Inszenierung der deutschen Normalität zugedacht wurde.“

Max Czollek sagt: Es gibt kein ohne uns mehr in Deutschland. Er wurde 1987 in Berlin geboren, wo er bis heute lebt. Er kuratiert das internationale Lyrikprojekt „Babelsprech“ und ist Mitherausgeber der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart. Im Verlagshaus Berlin erschienen bislang die Gedichtbände „Druckkammern“ und „Jubeljahre“ und nun bei Hanser „Des-integriert euch!“

Heiner Müller sagt: „Ich glaube an den Konflikt, sonst glaube ich an gar nichts.“ „Die Verbesserung der Teilhabechancen führt nicht zu mehr Konsens in der Gesellschaft, sondern zu Neuaushandlungen im Streit“, schreibt Aladin El-Mafaalani in seinem Aufklärungsbuch „Das Integrationsparadox“.

Ein Deeskalationsvirtuose ist Tobias Kammann. Er wurde 1982 in Frankfurt am Main geboren und absolvierte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach einem harten Ritt durch die Pubertät. Er studierte Psychologie in Mainz und ist nun in Forschung & Lehre tätig. Seine Schwerpunkte sind Achtsamkeit, unbewusste Informationsverarbeitung, Delinquenz, romantische Liebe und Sexualität.  

An den Fachmann geht die erste Frage:

Leben wir in einer gespaltenen oder in einer offenen Gesellschaft?

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