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17.09.2018, Jamal Tuschick

Der Himmel seiner Kindheit war eine Reverenz für starke Empfindungen. In der Wüste wurde jede Regung des Gemüts einem gewalttätigen Gemeinschaftsdienst zugeführt. - Sie nannten ihn Doktor Kalaschnikow. Aktham Mansour radikalisierte die Frankfurter Hausbesetzerszene und führte die Putztruppe um Joschka Fischer aus der Steinzeit in die Moderne.

Der Ayatollah von Bornheim

Die Schreibmaschine des Ayatollahs von Bornheim

Murat widerspricht man nicht. Widerspruch kann bei ihm zu Zusammenbrüchen führen. Er weiß dann nicht mehr, wer er ist. Das ist ein Zustand, der nach ärztlicher Auffassung vermieden werden soll. Zumutungen hat das Personal in Kauf zu nehmen. Man gibt dem Patienten Recht. Man leistet einer verzerrten Wahrnehmung Vorschub, nur um den Dreck vor seinen Pantoffeln wegwischen zu können und was sonst noch anliegt im Dienst auf D 41. Murat steht wie festgenagelt vor einer Holunderteepfütze. Manchmal verbreitet er Pfefferminztee oder Urin. Er konzentriert sich auf die Maßnahmen zu seinen Füßen. Er scheint sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Von seinem Wohlwollen hängt viel ab, so wie die Einhaltung des Zeitplans bis zum Mittagessen. Auch ohne böse Absichten kann der Patient den Betrieb lahmlegen.

Sein Mienenspiel verbirgt ein Ali Baba Bart. Auf dem Kopf trägt er ein krankenhauseigenes Handtuch, im Nacken verknotet. Amira kennt ihn nur im Bademantel, Frottee, orange, darin verkehrt er auch bei Silvio. Der Wirt war in besseren Zeiten Eisenbieger und ist nun selbst verbogen (nach vier Operationen). Der invalide Gauner, so sieht ihn Amira, soll an Patienten keinen Alkohol ausschenken.

Murat genießt den Vorzug, sich in Silvios Küche aufhalten zu dürfen. Dort werden Koteletts und Frikadellen am laufenden Meter gebraten. Obwohl Murat nicht sitzen kann, verfügt er über einen eigenen Hocker mit einem besonders weichen Kissen, auf dem rührende Szenen bebildert sind.

Er ist ein Liebhaber des Bewegungsbads, ein engagierter Wassergymnastiker. Er schwört auf Wärmflaschen. Nachts wandert Murat im Haus, steigt Treppen. Er trinkt literweise Tee, die Tassen trägt er in den Bademanteltaschen. Er raucht am liebsten auf einem entlegenen Klo. Er betrachtet sich im Spiegel. Sein Anblick scheint ihm immer neue Rätsel aufzugeben. (Unter dem Bademantel und über dem Schlafanzug trägt er einen Pullover, im Stil der fünfziger Jahre auf den Schultern drapiert, die Ärmel am Hals wie ein Schal zusammengelegt.)

Amira lässt ihn im Schwesternzimmer rauchen, wenn sie Nachtwache hat. Das außerordentliche Interesse des Chefs an Murat teilt sie nicht. Sie versteht es noch nicht einmal, obwohl der Fall ihren Lebenslauf seltsam berührt.

Die Pfütze ist weg. Murat betrachtet die Wischspuren. Er steigt aus den Pantoffeln und geht mit Socken über die Stelle. Er trocknet sie vorsichtig. Er erstarrt, ein Schmerzstempel zwingt ihn fast zu Boden. Die Qual eines verendenden Tieres verschafft sich Ausdruck auf seinem Gesicht. „Jetzt“, sagt Murat.

Es ist halbzehn an einem Sonntagvormittag. Natürlich glaubt Amira nicht, daß Murat weiß, wann und zudem wie es ihre drei Jahre mit Murat so gut wie verlobte Freundin Younis mit Murats ehedem besten Freund Sadat treibt, aber bei all den Absonderlichkeiten, mit denen Murat unterwegs ist, verlangt gerade diese nicht nach besonderer Untersuchung. Es ist einfach so, daß Murats Qual die letzte Erträglichkeitshürde nimmt, wenn er glaubt, daß Younis Sex hat.

Seit ihm Fango gestrichen wurde, legt sich Murat zu der Stunde, in der er sie vorher bekam, ins Bett, und behauptet, wie sehr ihm diese Anwendung bekommt. Wie unverzichtbar sie für ihn ist. Er liegt auf einem warmen Handtuch, ein Fortschritt nach einer Phase, in der Murat Schokolade oder Nutella auf dem Laken verrieb. Murat hält die zwanzig Minuten Behandlungsdauer ein, seine Leidensgefährten im Zimmer haben unterstützende Aufgaben. Danach lobt er die gute Versorgung im Haus, aufgestachelt von einem Idioten, der sich vorsätzlich verkrüppelt hat, indem er immer wieder Infektionen an einer Beinwunde herbeiführte. Inzwischen kommt er ohne Krücken nicht mehr zurecht. Damit bewegt er sich beende. Er ist hundertfünfzehn Kilo schwer und zu keiner Lebensäußerung fähig, die für andere nicht zur Störung wird. Er ist mit Absicht unangenehm, ein Erpresser harmloser Naturen. Am Anfang ihrer Bekanntschaft brachte ihn Murats (manchmal fragwürdige) Hinfälligkeit auf Ideen. Inzwischen gehorcht er ihm. Bestechung ist im Spiel. Murat hilft dem debilen Koloss mit kleinen Beträgen weiter, die offiziell als Leihgaben deklariert werden. Dafür tritt der Idiot auch als Murats Mann fürs Grobe auf. Er kann umgänglich sein und jedem bis zur Penetranz seine, vorgeblich in wahrer Liebe mündende Zuneigung versichern. In den Grenzen seiner Möglichkeiten ist er gut zu Opa, der in Murats Zimmer ständig flach liegt, und bei der Berufsfeuerwehr war. Das hebt ihn über laute lebenslange Heimkinder, geistesschwache Wohlfahrtsempfänger und planlos in die Überforderung Hineingeborene. Wenn er nicht schläft, manipuliert er sein Gebiss mit der Zunge. Er erzählt, singt und pfeift Blödsinn. Er furzt viel und mit Genuss. Er findet es komisch, im Fernseher einen Ort zu entdecken, den er kennt, und sei es aus der Zeitung. Französische Wörter spricht er tadellos aus.

Weil Murat sich weigert, in Gesellschaft zu essen, kriegt er seine Mahlzeiten ans Bett gestellt. Murat steht hinter Opa in seinem Flügelhemd, mit guter Aussicht auf einen brandigen Rücken und einen allzeit verschissenen Arsch in blutiger Umgebung.

Opa und Idiot schlafen viel und machen dabei Geräusche wie abstürzende Flugzeuge. Murat verbringt viel Zeit wach zwischen ihnen. Auf Dauer wäre das die Probe, an der jeder Simulant scheitern würde, glaubt Doktor Mansour. Seinen Ekel vor einem verfallenden Menschen kann man als Extremist vielleicht in den Griff bekommen, aber nicht die unabweisbar andauernde Behelligung von zwei Schnarchern. Trotzdem fällt Doktor Mansour zu Murat nichts ein, was dessen Aufenthalt vor Ort medizinisch ernsthaft erklären könnte. Murats komplexes Leiden ist sozusagen seine Privatsache. Er glaubt, aus Liebe den Wahnsinn eines anderen in sich aufgenommen zu haben. Murat fühlt sich aber auch verfolgt und bedroht von einem Dämon, der ihm nach dem Leben trachtet.

Doktor Mansour vermeidet es, seine Frau auf einem Bild anzusehen, das sie am Monitor befestigt hat. Seit sie sich einen Liebhaber leistet, legt Nadira Wert darauf, ihrem Ehemann ständig gegenwärtig zu sein. Doktor Mansours abschweifender Blick erfasst einen dreiarmigen Kerzenständer. Wahrscheinlich wurde er auch von Nadira abgestellt. Die Wachsmanschetten stammen aus der Ära der letzten Wohnzimmerpartys. Die Geselligkeiten liefen auf einen fehlgeschlagenen Versuch der Wiederbelebung eines Gesellschaftslebens hinaus, das Nadira und ihr Mann in gegenseitiger vollendeter Gleichgültigkeit als Mittelpunktpaar bis in die Nullerjahre geführt hatten.

Doktor Mansour gönnt seine Aufmerksamkeit der milchhellen Brühe in den Tassen auf seinem Schreibtisch. Keine wurde bis auf den Boden geleert. Auf dem Tisch sind Krümel liegen geblieben, zwischen Himbeergelee- und Pflaumenmusschlieren.  

Schonerpop auf dem Bildschirm. Doktor Mansour erwägt die Unterbrechung seiner Arbeit für eine Weile. Er könnte sich rasieren und verreisen. Stattdessen lässt er Murat eintreten, der sich pünktlich vor zwanzig Minuten vor der Bürotür eingefunden hat, und dort seinem Bewegungszwang mehr oder weniger auf der Stelle nachkam. Auch im Büro kann er nicht stillstehen. Sein Gruß ignoriert den Arzt, er zielt vielmehr auf die Umgebung, die Möbel, den Rechner.   

Murat marschiert. Das Tempo zeigt Empörung an. Es ist Montag, kurz nach zehn: Zeit für das Bewegungsbad. Der Termin bei Doktor Mansour bringt Murat um eine der wenigen Anwendungen, die ihm gewährt werden. Murat liebt es, nach den Anweisungen von Julia, die wie eine Türkin aussieht, und Christine, die nach Julia die Therapie leitet, und wie eine Olympiateilnehmerin für die heiteren hinteren Plätze aussieht, mit Schwämmen und anderen federleichten Hilfsmitteln im Wasser Gymnastik zu treiben, präzise und mit einer unkündbaren Bereitschaft zur Übererfüllung der Erwartungen. Die Frauen lassen ihn zum Schluss tauchen. Murats Technik ist so ausgefeilt, daß man den Kettenraucher wie einen Delphin vorführen könnte. Er macht Kniebeugen vor kackbraun lackierten Leisten, um Doktor Mansour zu zeigen, wie schlecht es ihm geht. Seinem Schmerz ist heute nur mit Bewegung beizukommen, Reden nutzt gerade gar nichts. Aber Doktor Mansour will Murat nicht freigeben. Seit Tagen behelligt ihn die Peinlichkeit einer schleppenden Produktion. Er kann nicht schreiben, und wer nicht veröffentlicht, ist schon so gut wie tot. Die Wirklichkeit außerhalb von Science and Nature ist ein Friedhof verfehlten Ruhmes.

Murat konferiert mit dem Rücken zum Arzt. Er will nicht über Younis reden, dem Medium des großen Transfers, der aus Murat einen Patienten gemacht hat. Doktor Mansour gibt auf. Er ruft Amira.   

Murat sieht so aus, als sei ihm auf dieser Welt nicht mehr zu helfen.

Das täuscht. Murat frohlockt. Die verdonnerte Amira wird ihn aufmöbeln. (Sie könnte ihm jeden Tag das Vergnügen bereiten, nur, warum sollte sie? Auch so hat sie genug zu tun.) Murat lässt sich zum Bett schleifen, Opa rülpst vor Begeisterung. Idiot hört auf zu schnarchen, greift nach den Krücken, die er „Krüppeln“ nennt, haut damit einmal auf die Bettkante und schläft wieder ein. Er schnarcht sofort wieder.  

„Zustände sind das“, klagt Amira. Sie zieht den voll verkrampften Murat aus. Von seinen ewigen Wanderungen und Übungen ist er steinhart. Amira bearbeitet die verhärtete Oberfläche. Auf sie wartet Arbeit, davon hat in dieser Kammer sonst niemand mehr einen Begriff. Es stinkt entsetzlich.   

Hass auf die Scheißer

Denisa schwebt auf ihrer eigenen Wolke sieben. Die Putzfrau hat eine neue Connection, einen Chemiestudenten aus Warschau, ein wahrer Drogendesigner mit Philosophie. Er nimmt von ihr kein Geld. Sie ist so breit, daß sich vor ihren Augen alles wölbt. Sie weht an dem Superkrummen vorbei, der auf D 41 mit den übelsten Schnarchern haust. Sie hat ihm schon die Fußnägel geschnitten, für fünf Euro. Murat nimmt sie kaum wahr. Er ist auf dem Weg in die Orthopädische Klinik, wo zu dieser Stunde Annalena mit ihrem großen Ball Patienten besucht. Wie Amira, kann die Krankengymnastin Murat leicht Erleichterung verschaffen, aber lieber schiebt sie Dienst nach Vorschrift oder bekakelt Liebesleben mit Kolleginnen. Gibt sie sich doch dazu her, Murats unglückliche Beine auf dem Ball zu strecken, darf sich daraus kein Nachteil für sie ergeben.

So lange muss Murat seine von irritierten Nerven erpressten Beine bewegen. Vor Schmerz kurz vor dem furiosen Irrsinn, rudert er im Schweiß.

Annalena hält Murat für den letzten Lichtblick seines Lebens. Sie zieht seine Beine über ihren Ball. Murat liegt auf einem Bett, das im Korridor von C 35 herumsteht. Sein Leben im Haus begann auf diesem Gang. Er hatte sich selbst eingeliefert, der Welt schon fremd im Schlafanzug.  

Annalena hat ein feines Gesicht und eine gleichgültige Art. Ihr Leben beginnt nach der Arbeit. Sie erzählt davon.

Denisa stößt mit dem Schrubber gegen Murats Bett. Sie hält ihn für eher weniger verrückt als sich selbst. Eigentlich sollte sie hier alle viere von sich strecken und bis zum Feierabend Pause machen. Murat steckt zu tief in seinem Drama, um von der Attacke viel mitzukriegen. Die Aggressionen der Putzfrau verwandelt sein Zustand in etwas, daß Anteilnahme nah kommt. Sie kann gar nicht fassen, wie passiv Murat auf den Angriff reagiert. Sie hebt das Gerät und rennt damit Murat in die Seite. Wenigstens das bekommt er mit. Na, wie schauen wir denn? Das kann doch nicht wahr sein ... dieser verträumte Blick. Denisa muss an sich halten. Sie ist kurz davor, Murat den Feudel zwischen die Zähne zu schieben. Sie ist ganz schön in Fahrt, das muss an der Pille liegen, die der Pole ihr für die Arbeit verordnet hat. In irgendeiner Ecke ihres explodierenden Bewusstseins ist noch genug Klarheit für die Erkenntnis, daß sie zu weit geht. Dann überfällt sie mit aller Macht der Hass auf die Scheißer, deren Dreck ihr Gebiet ist ... und wie die Klos wieder aussahen. Manche Leute scheißen tatsächlich im Stehen und voll daneben. Sie haut dem verwöhnten Murat den Putzlumpen um die Ohren. „Dir widerspricht man nicht: dass ich nicht lache“. Sie schlägt richtig zu. Murat krümmt sich zu einem menschlichen Fragezeichen und wird steif.

Der Ayatollah von Bornheim

Man könnte ein Leben in seiner Hand wiegen und verwerfen, weil ein verwachsener Fußnagel stört. An Nadira stört Doktor Mansour von jeher mehr als ein Detail am Leib. Er findet sie seit neununddreißig Jahren reizlos. Der Wohlstand ihrer christlichen Familie bedrückte sie, wenn er von dem Lager . Nadira stammt aus einem alawitischen Klan. Die Familie besitzt ein Gestüt. Nadira war mit Doktor Mansour aus den Paarbildungsprozessen ihrer Clique hervorgegangen, weil sie es so gewollt hatte.

Was hatte er gewollt?

Er ist an Nadira hängen geblieben, mehr war nicht. Ihre Leidenschaft für Nico beweist das. Nadira hält ihre Gefühle für genehmigungspflichtig: Lass ihn mir, bitte. Sie geht unter Aufsicht fremd. Sie hat mit Nico das eheliche Schlafzimmer bezogen. Um ihren Mann mit den Geräuschen der Liebe nicht zu stören, lässt Nadira den Fernseher laufen.

Doktor Mansour sucht seine Wehmut. Er findet sie nicht.   

Murat wandert. Aus der geschlossenen Zone gelangt er in ein Labyrinth, wo die Hoffnung Kreppsohlen trägt. In dieser Gegend trifft Murat ab und zu einen Afghanen, der ihm die Hand küsst. Er trägt eine kunstvoll zurecht gekniffene Gemüsetüte als Hut. Unverdrossen redet er Leute in seiner Sprache an. Er versteht nicht, daß man ihn nicht versteht. Das wird allgemein als gruselig empfunden. Auch eine Putzfrau ist verrückt. Sie schimpft auf den Dreck und bespricht mit ihm die Lage.

Manche Putzfrauen kommen wie Sekretärinnen zur Arbeit: eine Kostümierung für die Straßenbahn. Sie betreten so morgens um fünf unbemerkt das Haus. Sie ziehen sich um und sind nicht wiederzuerkennen.

Gott liebt dubiose Paarungen. Doktor Mansour schöpft den narrativen Mehrwert der Auseinandersetzungen ab, die den (vermutlich letzten) erotischen Aufschwung seiner Frau begleiten. Nadiras Liebhaber Nico hat das Ehebett unter ein Oberlicht geschoben. Doktor Mansour verweigert dem Vorgang eine symbolische Deutung. Der Himmel seiner Kindheit war eine Reverenz für starke Empfindungen. In der Wüste wurde jede Regung des Gemüts einem gewalttätigen Gemeinschaftsdienst zugeführt. Nur für Ideale gab es einen Markt. Man hatte zu glühen. Doktor Mansour erlöste sich davon in Frankfurt, während Kommilitonen einen bewaffneten Kampf gegen ihren Staat erwogen. In den besetzten Häusern des Westends nannte man ihn Kalaschnikoff, weil er sich schon mit Maschinenpistolen auskannte als deutsche Studenten waffentechnisch noch in der Steinzeit lebten. Später entdeckte Doktor Mansour die deutsche Pilsstubengemütlichkeit und stieg zum Ayatollah von Bornheim auf, wegen seines exotischen Auftritts als saufender und zockender arabischer Akademiker in den Schwemmen auf der Berger Straße.

Doktor Mansours Lehrer waren Sozialisten, so wie Nicos Lehrer Jahrzehnte später. Nico erlebte, wie 1989 der Geschichtsunterricht ausgesetzt wurde, weil Lehrer nicht mehr wussten, welche Deutung der Geschichte statthaft war. Nico steckt in einem Orientierungsdesaster, das weiter reicht als die Verwirrung der Einwanderer, auf die Nadira eine Universitätskarriere gebaut hat. Ihr ostdeutscher Liebhaber ist nicht weniger entwurzelt als Migranten aus anderen Welten. (Entwurzelung ist das rentabelste Sujet der Migrantenliteratur.)  

Doktor Mansour geht die Verblendung der alten Närrin, die ihn geheiratet hat nichts an. Er sieht auf dem Flur nach, ob die Slowakin am Start ist. Da kommt Denisa.

Sie registriert die greise Brunst des Psychiaters. Der kleine, sich lächerlich gerade haltende Mann mit dem langen weißen Haar signalisiert schamlos wie ein Freier sein Interesse.

Ein Sieger, wer es zum Klo schafft

Murat findet das Haus unterhaltsam. Er hört den Kranken zu, dieser einzigen Klage. In ihrer Umgebung stimmt mit den Gesunden weniger als sonst. Das Haus verbirgt Auffälligkeiten. Nachts liefert die Polizei Leute in schlimmen Zuständen ab. Man hört Festgebundene schreien.

Niemand hält Murat auf. Er kennt Wege, die zu jeder Stunde des Tages und der Nacht aus der geschlossenen Sektion führen. Er hat seine Rauchplätze. Manche Treppenhäuser sind ihm lieber als andere. Wie ein Bergwanderer ist er in ihnen unterwegs. Er schwitzt und denkt an Younis. Wohlbefinden siedelt beim Kummer. Murat krümmt sich noch ein bisschen.

Drei Mal musste Murat die Kammer wechseln. Jedes Mal traf er reduziertere Typen ... mit immer mehr Kunststoffen und immer weniger Lebenskraft im Leib. Auch die Leute, die sie versorgen, bringen wenig mit. Das gestattet viel. Murat beherrscht die neutrale Art, mit der Fremde voreinander ihre Notdurft verrichten. Ein Sieger, wer es zum Klo schafft, kontrolliert von einer Frauengang in Kitteln.

Amira kniet vor der Pfütze, an deren verlaufenden Rand Murat verweilt. Doktor Mansour kommt dazu. Murat steht so schief, daß er jederzeit kippen könnte: ungebremst wie ein Gegenstand. Es fällt ihm schwer, sich mit der ärztlichen Aufmerksamkeit aufzuhalten. Er fühlt sich von Doktor Mansour strapaziert. Er bezweifelt die Vertrauenswürdigkeit des Arztes. Deshalb verschweigt er ihm seine ärgsten Befürchtungen. Murat glaubt, daß jeder Fahrstuhl, in den er steigt, stecken bleibt. Er weiß, daß die Polizei draußen auf ihn wartet. Er fürchtet die Rache von Gangstern, gegen die er vor Gericht ausgesagt hat. Ihn plagt die Vorstellung, Idiot könnte ihn eines Nachts mit einem Kissen ersticken. Fremden im Haus traut Murat bis zu Mord alles zu. Pfleger sind auch verdächtig. Murat vertraut nur Amira. Sie ist die Frau, die seine Pfützen weg macht.

Wie von den Toten auferstanden, erscheint er im Raucherraum. Ein zwei Meter langer Deutschtunesier und Idiot nutzen die Sitzplätze als Liegeflächen. Der armselige Rest steht stumm und in sich gekehrt herum und bläst Rauch in Trübsal. Die Platzhirsche begegnen ihrer chemisch regulierten Freundlichkeit mit Fremdheitsgefühlen. Sie erkennen sich selbst nicht in ihrer Harmlosigkeit, in die nicht nur Murat kein Vertrauen setzt. So trifft ihn Doktor Mansour, dem Murat nichts mehr zu sagen hat. Jemand will einen Euro, egal von wem. Einer schiebt in Altweibermanier, mit Fistelstimme, seine miese Verfassung aufs Wetter, was einen anderen zu der Feststellung veranlasst: „Sei froh, daß es wenigstens das Wetter noch gibt.“ Idiot schmiegt seinen Hals an den Kragen des Bademantels. Doktor Mansour entgeht einer Aufwallung von Lebensekel auf den Parkplatz. Er wundert sich wie ein Laie über das schiefe Verhältnis zwischen einem großen Auto und dem mickrigen Mann, der darin abfährt. Ihn erwartet die verdrießliche Langeweile eines freien Nachmittags.

Wasserkunden

Montagnachmittag kommen die Patienten zu Silvio, lauter Fünfzigjährige, die Wasser trinken. Hinter ihnen liegen Ehen und Krankheiten, an denen man sterben kann, und das Gefühl der Unverwüstbarkeit. Diese Männer waren mal gut beieinander, man sieht das noch. Sie bekleideten Posten. Sie sind nun „ausgesteuert“, wie sie sagen. Sie arbeiten nicht mehr, abgesehen von Bruno, der Taxi fährt, weil er das braucht. Bruno erfüllt besondere Aufgaben in dieser Gemeinschaft. Er vermittelt zwischen den Patienten und den Gesunden, die man sich sonst halb verächtlich vom Hals hält. Die Patienten separieren sich an ihrem Tisch, wo sie ihre Krankengeschichten durchhecheln von den frühen Symptomen über das Stadium der Ungläubigkeit nach den Diagnosen, den vergeblichen und den hilfreichen Operationen bis zu den ersten und den sich daran anschließenden Erlebnissen der Invalidität, die sie zu Kennern der Materie und der Wartezimmer gemacht haben, so wie zu Spezialisten der Fernsehprogramme, zu gewieften Zeitungslesern und umsichtigen, jede Veränderung ihrer Umgebung skeptisch aufnehmenden Spaziergängern. Alle Patienten teilen die Erfahrung, plötzlich nichts mehr zu melden gehabt zu haben. Die Entfremdung von den Kollegen, der widerwillige, von ihnen selbst angestaunte Eintritt in die Invaliditätssphäre, gleicht dem Verlust der bürgerlichen Rechte. Der Prozess wurde von Hoffnungen unterbrochen, kurzfristigen Übergängen auf die andere, lange immer noch vertrautere Seite ... und von späten Kämpfen. Inzwischen ist man klüger. Man rechnet mit nichts mehr, was sich ernsthaft als Verbesserung beschreiben ließe. Man diskutiert vielmehr die Tagesform. Man ist froh, schmerzfrei sitzen zu können. Man ist Betrachter der Gestalter und des Gestalteten.

Silvio nennt seine Patienten Wasserkunden …

Murat isst in der Kneipenküche ein Kotelett ganz manierlich, mit Pausen bei sorgsam abgelegtem Besteck, und trinkt Bier aus der Flasche, zwei, drei, vier Flaschen, wie es sich gehört. Er nagt den Knochen ab und wäscht sich die Hände unter einem alten Kran. Bei Silvio kehrt eine Normalität in Murat ein, die im Krankenhaus kein Mensch für möglich hält. In der Küche achtet er darauf, nicht im Weg zu stehen, er verschüttet nichts und er beachtet die Höflichkeit gegenüber der alten Köchin und ihrem schiefen Sohn.

Die Schiefen begegnen sich zuvorkommend. Silvio versäumt es nie, Murat mit einer schlichten Frage aufzuhellen. Er akzeptiert Murats Ausführlichkeit, der Mann muss immer gleich alles erwägen. Er ist gezwungen, genau zu sein. Er kann sich nur grundsätzlich äußern oder gar nicht. Von sich aus bleibt er stumm.

Er zieht eine Dunstschleppe aus Silvios Küche über den kurzen Weg zum Krankenhaus. Amira riecht seine Fahne, sie droht Murat mit einem verspielten Finger. Er verzieht keine Miene, lässt die Schwester aber auch nicht aus den Augen. Sein Blick verfolgt sie. 

 

 

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