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21.09.2018, Jamal Tuschick

Lyrische Prosa von Carina Pesch

Mensch. Oder: Narbenpoesie.

Carina Pesch und ihre Kulturkampfkombattantinnen

„Was denken Sie macht einen Menschen aus?“ fragt ein kleiner Mann mit

Hut.

Er trägt einen beigefarbenen Trenchcoat, einen schmal krempigen Hut tief

ins Gesicht gezogen. Er starrt vor sich hin. Sein Gegenüber ist sich nicht

sicher, ob er auf den See, der vor ihnen liegt, starrt. Vielleicht beobachtet

er  wie  sich  die  Wolken  zwischen  den  Trauerweiden  spiegeln.  Das

jedenfalls tut das Gegenüber. Es mag die Trauerweiden, wie sie sich über

die  Wasseroberfäche  recken,  alle  Äste  und  Blätter  entspannt  baumeln

lassen. Einige Blätter tauchen durch die Oberfäche des Wassers, lassen

das  Spiegelbild  verschwimmen.  ‚An  solchen  Stellen  kann  man  sich  gar

nicht sicher sein, welche Seite des Spiegels die Realität zeigt’, sinniert das

Gegenüber.

Die beiden sitzen auf einer Bank im Park, nebeneinander, die Beine in 90-

Grad-Stellung vor dem Körper, die Hände auf dem Schoß, ruhend.

„Seine Narben“, antwortet das Gegenüber.

Der  kleine  Mann  mit  Hut  zuckt  zusammen.  Er  hat  bereits  vergessen,

überhaupt eine Frage gestellt zu haben. „Was bitte meinen Sie?“ fragt er.

„Sie fragten nach meiner Meinung.“ Das Gegenüber legt eine Pause ein,

überlegt  kurz,  ob  es  das  Gefragte  ist,  blickt  um  sich,  sieht  niemanden

sonst und fährt fort: „Sie fragten, was einen Menschen ausmache, und ich

sagte: Seine Narben.“

„Ach ja, richtig. Entschuldigung, ich hatte mit keiner Antwort gerechnet.

Normalerweise, wissen Sie, rede  ich mit  niemandem, oder ich  rede mit

jemandem, aber er ist nicht da. Für gewöhnlich antwortet also niemand.

Ich stelle immer nur Fragen.“

„Nein, ich muss mich entschuldigen“, erwidert das Gegenüber. „Ich wollte

mich nicht in ihre Gespräche mit niemandem oder jemandem, der gar nicht

da ist, einmischen. Bitte entschuldigen Sie.“

„Nun,  wo  Sie  sich  schon  einmal  in  mein  Gespräch  eingemischt  haben,

würden  Sie  da  so  freundlich  sein  und  mir  erklären,  wie  Narben  einen

Menschen ausmachen?“

„Liebend gern“, entgegnet das Gegenüber. „Haben Sie als Kind nicht auf

die große Narbe ihrer Großmutter am Knie gezeigt und gefragt, was das

ist?“

„Meine  Großmutter  hat  keine  große  Narbe  am  Knie“,  antwortet  der

Mann mit Hut.

„Oh... Aber sie hat irgendeine Narbe. Vielleicht am Rücken, am großen

Zeh, im Gesicht?“

Der Mann mit Hut überlegt: „Nein, ich glaube nicht.“

„Wissen Sie überhaupt wie Ihre Großmutter aussieht?“

„Natürlich weiß  ich, wie  meine  Großmutter aussieht.  Aber  sie hat eben

keine Narbe.“

„Na gut, Ihr Großvater vielleicht?“

„Nein.“

„Ihre Mutter?“

Kopfschütteln.

„Ihr Vater aber... Auch nicht... Gut, dann ist Ihre Familie narbenlos“, sagt

das Gegenüber. „Meine Großmutter jedenfalls hat eine große Narbe am

Knie.“

„Mhm, das ist schön für Ihre Großmutter.“

„Nein, aber es war schön für mich.“

„Erfreuen Sie sich gern am Leid anderer?“

„Nein. Als ich die Narbe entdeckte, konnte ich fragen, wo sie herkommt.

Die Narbe hat eine Geschichte. Das ist doch wundervoll.“

„Wenn Sie meinen“, brummt der Mann mit Hut.

„Und die Geschichte gefel mir so gut, dass ich jedes mal, wenn ich meine

Großmutter besuchte, sagte:  Erzähl mir  die  Geschichte  von  der  großen

Narbe.  So  konnte  ich  mich  immer  auf  etwas  freuen“,  erklärt  das

Gegenüber geduldig.

„Haben Sie denn keine Süßigkeiten von Ihrer Großmutter bekommen?“

fragt der Mann mit Hut.

„Doch die habe ich gegessen, während meine Großmutter von der Narbe

erzählte.“

„Tsss.“

„Aber das ist es, was den Menschen ausmacht“, sagt das Gegenüber und

starrt auf die Trauerweiden. Die Trauerweiden spiegeln sich im Wasser.

 

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