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21.09.2018, Jamal Tuschick

Todesursache: Flucht - Eine unvollständige Liste

Kristina Milz und Anja Tuckermann geben den wichtigsten Titel der Stunde heraus

Kristina Milz, fotografiert von Angelina Harutunian

Das Interview erschien zuerst auf FLUCHT.HIRNKOST.DE

Interview mit der Initiatorin Kristina Milz

Kristina Milz, Jahrgang 1988, ist freie Journalistin und Historikerin. Sie lebt und schreibt zwischen München, Berlin und Nahost. Für ihre Arbeiten erhielt sie Preise und Stipendien. (Foto: Angelina Harutunian)

Wie bist du auf die Idee zu dem Buch gekommen?

Anja und ich haben uns kennengelernt, als sie auf der Suche nach jemandem war, der sich mit der Situation afrikanischer Geflüchteter in Israel beschäftigt hat. Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, in ihrer Wohnung in Berlin, redeten wir uns aus dem Nichts in einen Strudel. Über unsere Herzensanliegen, die sich so ähnlich sind. Über das Schreiben, über Bücher und Artikel, die schon lange in unseren Köpfen sind und geschrieben werden wollen. Sie erzählte mir schließlich von der Liste und der Idee, sie als Buch herauszugeben. Wir redeten und redeten und plötzlich stand unser Konzept, es nicht bei den nackten Zahlen zu belassen, sondern sie mit Leben zu füllen. Und die Entscheidung, das gemeinsam umzusetzen.

Was hoffst du mit dem Buch zu bewirken?

Ich habe in den vergangenen Monaten zunehmend den Eindruck gewonnen, dass die gesellschaftliche und politische Debatte um Flucht und Migration in Europa vor allem an den Rändern stattfindet, oder besser: dort so laut stattfindet, dass die beherzten wiewohl vernünftigen Stimmen, die den Dialog suchen und lösungsorientiert sind, unterzugehen drohen. Mir graut vor der Verrohung der Sprache, vor einem Europa, in dem von führenden Politikern ohne Konsequenzen von „Menschenfleisch“ gesprochen wird. Auch befremdet und trifft es mich, wenn sich im Zusammenhang mit der Seenotrettung eine abstrakte und kalte Sprache etabliert – so, als ginge es nicht um einzelne Leben, die im Mittelmeer ihr Ende finden. Um das Schicksal von Menschen, die lachen und weinen, die hoffen und bangen, Menschen mit schönen und hässlichen Seiten, Menschen, die eben Menschen sind wie wir alle. Diese schlichte, aber wichtige Wahrheit muss wieder stärker ins Bewusstsein rücken und Sprechen und Handeln leiten. Ich hoffe, dass unser Buch dazu führt, dass man einen Moment innehält und sich berühren lässt von dieser menschgemachten Katastrophe, die ein Ende finden muss.

Engagierst du dich ansonsten auch in der Flüchtlingsarbeit?

Ich bin seit einigen Jahren in der Münchner Organisation „ArrivalAid“ tätig. Wir bereiten Asylsuchende auf ihre persönliche Anhörung beim BAMF vor und begleiten sie dorthin. Dieser Termin ist der wichtigste im gesamten Asylverfahren, weil hier die Fluchtgründe und die Fluchterfahrung detailliert geschildert werden müssen, um einen Schutzstatus zu erwirken. Dadurch habe ich viele Lebensgeschichten gehört, die natürlich in erster Linie für die Betroffenen, aber doch auch für mich persönlich emotional berührend und belastend sind. Immer wieder drehten sich die Gespräche auch um Angehörige oder Freunde, die ihre Flucht nach Europa nicht überlebt haben.
Was der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet, habe ich wahrscheinlich erstmals im Ansatz begriffen, als ich in Tunesien die Witwe von Chokri Belaïd interviewte. Der Oppositionspolitiker fiel am 2. Februar 2013 einem Attentat zum Opfer. Basma Khalfaoui, seine Frau, bereitete gerade das Frühstück für ihre beiden Töchter zu und packte die Schultaschen, als sie die Schüsse und die entsetzten Schreie des Chauffeurs auf dem Parkplatz vor dem Haus hörte. Ich habe dieser starken Frau mehrere Stunden zugehört. Und bin völlig aus meiner professionellen Rolle gefallen, wofür ich mich nicht schäme. Ich konnte ihr Leiden fühlen, diese entsetzlich kalte, leise schreiende Lücke. Ich traf in diesen Tagen auch andere Angehörige, Chokri Belaïds Vater, und seinen Bruder. Danach war ich einige Tage nicht im Stande, einen geraden Satz zu Papier zu bringen. Das Familienporträt, das ich über das Schicksal der Belaïds schrieb, trug den Titel „Ein Stuhl bleibt leer“.

Welche Art von Unterstützung könnt ihr jetzt noch gebrauchen?

Wir freuen uns natürlich über jede und jeden, die unser Projekt finanziell unterstützen und/oder anderen davon erzählen. Die redaktionelle Arbeit ist im Wesentlichen getan, aber da wir das Thema weiterverfolgen werden, sind wir auch stets dankbar für Hinweise auf weitere Schicksale.

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