MenuMENU

zurück zu Main Labor

22.09.2018, Jamal Tuschick

Der Islam als Ersatzidentität - Sineb El Masrar schildert den Muslim Man im Plural seiner Erscheinungen

Den schlechtesten Ruf der Welt

Sineb El Masrar

Den schlechtesten Ruf der Welt haben muslimische Männer mit einem arabischen Herkunftsschatten. Sie werden wahrgenommen als die Unholde unserer Epoche. Sie repräsentieren eine Anti-Moderne, die sich auf einer Gegenschräge der Aufklärung in Stellung gebracht hat. Dem gediegenen Europäer dienen sie als Antagonisten. Gäbe es den Muslim Man nicht, müsste man ihn erfinden als den Anderen aka Gegner des abendländischen Fortschritts. Der Muslim Man betreibt offensiv Manspreading, sogar wenn er allein an seiner Konsole sitzt, wo er die Zukunft verpasst. Angeblich fehlen ihm Voraussetzungen für die wichtigste gesellschaftliche Verabredung in der verdichteten Unterschiedlichkeit des Jetzt - der Mäßigung. Während man in ihm den Täter schlechthin sieht, erlebt er sich selbst als Opfer von Vorurteilen und weiteren Diskriminierungen. Seine Inferiorität verdeckt er mit Omnipotenzgebaren.

Sineb El Masrar, „Muslim Men - Wer sie sind, was sie wollen“, Herder, 254 Seiten, 20,-  

Ihm widmet sich Sineb El Masrar in ihrem neuen, sehr gelungenen Buch. Die Autorin zieht selten das Ticket der Klischees an den Schaltern des Ressentiments. Sie bleibt sachlich in einem Tsunami der Diversität. Es gibt mal wieder alles und so auch den Islam als Masche; der Berufsmuslim greift dem Glaubensbruder in die Tasche. Er verspricht ihm die Flatrate des Jenseits noch vor dem Tod. Doch davor muss abgedrückt werden: zum Beweis des Gemeinsinns und der religiösen Redlichkeit. Das verweist auf einen Binnendruck, dem Muslime in einer Praxis der „freiwilligen“ Isolation ausgesetzt sind. Da, wo sie Anerkennung erwarten, verbindet sich der Benefit mit Forderungen, die einer Anpassung an die mehrheitsgesellschaftlichen Normen entgegenwirken. Sie entscheiden sich für die Umma und gegen den Wettbewerb. Sineb El Masrar beschreibt die Vermeidungsstrategie und ihre Folgen. Der (erzwungene) Blick nach innen suggeriert eine Vulnerabilität, die von der Mehrheitsgesellschaft ohne Empathie begriffen wird.  

„Überall müssen Kinder, die von Regeln der eigenen Gesellschaft unterdrückt werden, den Leistungsdruck abfedern, den schon ihre Eltern nicht aushalten konnten.“ Hamed Abdel-Samad

Sineb El Masrar erklärt das Phänomen Großfamilie/Klan Struktur - eine Patriarchen Ordnung, die alle einengt. Um sich von den „Gehorsamsfesseln“ zu befreien, bedarf es „emanzipatorischer Konzepte“ für junge, von Erziehungsgewalt traumatisierte Männer.

Der Gruppendruck ergibt sich oft aus der Familiengeschichte. In den Übergangsräumen zwischen dem osmanisch-türkischen und arabisch-babylonischen Mesopotamien entstanden in Jahrhunderten multi-ethnische Verbände in tribalen Gemeinschaften, die so sehr zu etwas Eigenem wurden, dass sie sich nicht als syrisch, irakisch, kurdisch, türkisch, assyrisch, armenisch oder griechisch versprengt identifizieren lassen. In den Prozessen von Flucht und Vertreibung erhielt sich die romaneske Originalität, die zu allem, was sie streift, einen Gegensatz bildet. Sineb El Masrar klärt diesen Zusammenhang. Sie sagt, was los ist. Der Klan ist eine Schweißarbeit der Scham – einer überholten und tradierten Scham aus den Nöten unvermeidlicher Abweichung. Es gibt kein Außerhalb, man gehört der Familie.

„Das Ende vom Lied … sind gebrochene Herzen“, denn selbstverständlich, darf man nicht heiraten, wen man will. Die Kollision von Wertvorstellungen, die über Behauptungen nicht hinausweisen, illustriert eine Szene, in der ein junger Arabischstämmiger ohne die Erwartung einer widerständigen Entgegnung die von ihm betriebene Entmündigung seiner Frau im Brustton der Überzeugung zum Besten gibt. Er macht die Ansage, um bei Sineb El Masrar auf den Punkt zu kommen:

„Ich nehme an, du bist eher westlich orientiert.“

Ich erkläre ihm kurz, dass für mich Selbstbestimmung nicht westlich, sondern universell ist.

„Okay, aber bei uns hat eine Frau in Clubs nichts zu suchen.“  

Da sitzt das Problem. In der Vorstellung, eine Sonderzone etablieren zu können, in denen die Gesetze dieses Landes nicht gelten. Aber auch in der Autorin funktionieren Vorurteile. Sie trifft einen Gesprächspartner und stellt fest:

„Auf der Straße hätte ich ihn für alles Mögliche halten können. Für einen Dealer, für einen jungen Postboten …“

Wie sehen Dealer aus? Arabisch?

Sineb El Masrar beschreibt einen Geschäftsmann, der Viagra in seiner Moschee vertickt und auch Imame versorgt. Die Geistlichen vermitteln und praktizieren Ehen auf Zeit beziehungsweise nach islamischem Recht, die außerhalb eines Gedankengettos jede rechtliche Grundlage entbehren. In diesen Verbindungen nutzen Männer den Umstand aus, dass alleinstehende Musliminnen stigmatisiert werden. Die in einem parallelgesellschaftlichen Korsett feststeckenden Frauen suchen Schutz in Moscheen und bei Imamen und erleben doch nur eine besonders perfide Variante der Ausbeutung. 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen