MenuMENU

zurück zu Main Labor

22.09.2018, Jamal Tuschick

Todesursache: Flucht

Da waren auch schwarze Männer, die waren ganz unten, zehn Tage ohne Licht - Mahmoud erzählt von seiner Flucht über das Mittelmeer

Mahmoud Juma, fotografiert von Jonathan Michaeli

Der Text ist ein Vorabdruck aus MISCH. Die von Anja Tuckermann und dem Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V. herausgegebene Sammlung erscheint in den nächsten Tagen im Mitteldeutschen Verlag.  

 

Mahmoud Juma (15): Einer ist bei uns gestorben

Mahmoud Juma ist 15 Jahre alt und Schüler in Göttingen. Als er auf dem Mittelmeer gerettet wurde, war er elf. Von Januar bis Oktober 2018 nimmt er in Göttingen an einer Schreibwerkstatt teil, möglich geworden durch das Projekt „Autorenpatenschaften“ des Friedrich Bödecker Kreises in Zusammenarbeit mit der GEW-Göttingen, Veranstalter der 50. Göttinger und 7. Northeimer Kinder- und Jugendbuchwoche. Zu Anfang der Schreibwerkstatt haben wir einmal zusammengerechnet: Neun Jugendliche waren insgesamt elf Tage und 15 Stunden auf dem Mittelmeer, um auf einer gefährlichen Überfahrt ein sicheres Land zu erreichen. Zwanzigeinhalb Monate lebten sie in Flüchtlingslagern in Deutschland. 14 Jahre und vier Monate leben sie bereits in Deutschland, durchschnittlich zwei bis drei Jahre. Wie lange sie zu Fuß unterwegs waren, rechneten wir nicht. Wie viele Lebensjahre sie für Krieg und Flucht insgesamt verbrauchten, rechneten wir nicht. Tag für Tag gehen die Zahlen weiter auseinander, wird für sie die in Deutschland verbrachte Zeit mehr. Und eines Tages werden sie vielleicht länger in Deutschland leben, als sie in ihrem Geburtsland lebten, in Afghanistan, Libanon oder Syrien.

Mahmoud Juma

Nicht. Mehr.
10 Tage auf dem Meer.
Ich will mich nicht erinnern.
Von Libanon nach Ägypten und dann nach Italien.
Ich will nicht daran denken.
Einer ist bei uns gestorben.
Wir dürfen nur Datteln essen und ein bisschen Wasser trinken, damit wir nicht aufs Klo müssen.
Wir sind schon 7x gewechselt. Zuerst waren wir auf einem kleinen Boot, dann wechselten wir auf ein größeres Boot, weil in das kleine Boot Wasser eingedrungen ist. Die Schiffe wurden immer größer, ein Containerschiff aus China hat uns Wasser und Essen gegeben, Thunfisch und Linsen und das Boot mit einem Seil am Schiff festgebunden. Wir haben auf ein italienisches Schiff gewartet, ein richtig großes Schiff mit 300 bis 400 Containern. 
Und wir haben das Land gesehen. Alle sind fröhlich geworden, als sie das Land gesehen haben.
Da waren auch schwarze Männer, die waren ganz unten, zehn Tage ohne Licht. Alle Kinder und alle Frauen, ob schwarz oder weiß, in der Mitte und oben draußen die weißen Männer, weil sie mehr Geld bezahlt haben. 
Ich war mit meiner Mutter in der Mitte und mein großer Bruder war oben.
Bei uns übergibt sich einer über mich. Ich konnte nichts machen, weil er seekrank war.
Das war schlimm.
Ich will nicht daran denken.
Nicht.
Mehr.

Wenn mir einer sagt:
Ich gebe dir zwei Milliarden,
geh zurück und komm noch mal nach Deutschland,
so, wie du gekommen bist,
dann sage ich nein.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen