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22.09.2018, Jamal Tuschick

Manchmal erschoss Hitler einen Spatzen - Manja Präkels las in der Berliner Tucholsky Buchhandlung aus ihrem Romandebüt „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

Zuschauerin mit Winkelement

Manja Präkels in der Berliner Tucholsky Buchhandlung

Manja Präkels, Thorsten Müller, Benjamin Hiesinger

Jörg Braunsdorf​ erklärt in der Tucholsky Buchhandlung​dem kanadischen Fernsehen die deutsche Misere.

„Hier“, sagt sie und blickt auf den Fluss, „hier haben sie in meiner Jugend angolanische Vertragsarbeiter in die Havel geworfen und gesagt `Die Kohle fliegt gut`.“ Manja Präkels in einem Interview

Man steigt nicht gleich dahinter. Der Alltag im brandenburgischen Landkreis des Romangeschehens ist vor allem verwandtschaftlich eingefasst und erscheint nach eigentümlichen Spielregeln ebenso vergattert wie ausschließend. Sind das Abgedrängte, Abgehängte, der realsozialistischen Gesellschaft in Mimikry Verlorengegangene, die vor dem Fall der Mauer die Kindheit der Erzählerin prägen? Mimi wächst in einer weitgehend ungeschorenen Gegend an der Havel auf - in lange vor der DDR-Gründung festgefügten Verhältnissen – in einem Maximum an Zugehörigkeit sowie im Spiegel einer starken Freundschaft.

Manja Präkels, „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, Verbrecher Verlag, 232 Seiten, 20,-

„Die Erwachsenen feierten immerzu Geburtstag.“

Mimi bemerkt „eine Armada von Kuchengabeln“. Sie ist die Tochter eines Verkaufsstellenleiters und zuzeiten eine Zuschauerin mit Winkelement. Die junge Pionierin erlebt den Fall der Mauer in der Gesellschaft von Leuten, die das historische Ereignis erst einmal als Gerücht abtun.

Sie angelt, trödelt und huckleberryt an den Havelgestaden im Bund mit einem Alphaknaben, dessen künftiger Kampfname („Noch hieß Hitler Oliver“) einen Führungsanspruch jeder Disposition entziehen wird.

„Das schüchterne Mädchen hatte keine Freunde außer Hitler“.

Es weiß zu berichten: „Manchmal erschoss Hitler einen Spatzen.“

Es klaut mit Hitler Schnapskirschen und … „Wir saßen besoffen am Tisch.“

Ich höre das in der Jörg Braunsdorfs Tucholsky Buchhandlung und kriege den im Tonfall einer Schnurre vorgetragenen Text nicht zusammen mit seiner Brisanz. Nach Neunundachtzig wird Olivers Freundeskreis zur Streitmacht gegen die „Fremden“ in allen Daseinsformen. Die völkische Miliz schafft eine nationalbefreite Zone, in der sie Recht spricht und wenigstens einmal auch ein Todesurteil exekutiert. Mimi schreibt dagegen an.

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