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22.09.2018, Jamal Tuschick

Wir Frauen wollten die Revolution. Unsere Revolution. Wir wollten raus aus der Biologie, uns unverschämt in etwas Größeres wagen. Wie soll ich das nennen? Selbstentdeckung, bessere Welt, gleiche Augenhöhe, Spiritualität?

Merkels frohe Botschaft und was dann kam - Christa Ritter erinnert sich

Wie kann das sein? Vielleicht ein Jahr, nachdem Merkel die frohe Botschaft verkündete und die Geflüchteten am Münchner Hauptbahnhof von ziemlich vielen Leuten fast begeistert begrüßt wurden, begann sich auf meiner FB-Timeline ein merkwürdig aggressiver Ton durchzusetzen. Weniger in den Posts, es waren eher die Kommentare. Links-Liberale Hetze begann, etwas Eiskaltes. Freunde beteiligten sich, von denen ich diesen Ton nie erwartet hatte. Ich war erstaunt und dann immer wütender. Bis mir klar wurde, dass ich diese Wut kenne, dieses Vernichtende, von mir selbst.

Shitstorms übernahmen, überall. Die Medien warnten, eher Rechtes im Fokus. Sollte ich die Posts löschen, die Freunde rauswerfen? Ich fing an, zu beobachten. Was war das? Diese Freunde hatte ich bisher eher als unverrückbar freundlich eingestuft. Darunter waren Piraten, mittelalte Netizens, Normalos, alle aufgeschlossen und mehr oder weniger gebildet. Der Shitstorm ebbte dann wieder ab, kam aber zurück, er taumelte in Wellen. Trump wurde gewählt, dieses Schwein. Den durfte jeder ins KZ schicken, so einhellig die scheinbar banale Botschaft. Alle hateten ihn, sogar die angeblich objektiven Berichterstatter. Aber: Ich auch! Jeden Tag machte sich Trump hässlich, ätzte Tweets um die Welt, als wäre alles ganz anders. Wahrheit, was ist das? Alles Vertraute nur Lüge, ein ungeheuerliches Statement. Wird die alte Demokratie untergehen? Da ich die noch nie als gelungen empfand, änderte sich mein Gefühl. Warum nicht? Warum nicht mal einen Schritt weiter, raus aus der räuberischen Konsumwelt? Ein irgendwie positiveres Gefühl stellte sich ein.

Dann wurde in Paris geschossen, fuhren LKWs in Menschengruppen. Nizza, Berlin. Terroristen! England entschied sich für den Brexit. Pegida, die rechte Fraktion rüstete auf, AfD zog in den Bundestag ein. Dagegen kam mir FB nun manchmal wie eine Art hübsches Poesiealbum vor. Ich freute mich über süße Katzenfotos, während es draußen, auf Foren der Öffentlichkeit, immer mehr knallte. Sau rauslassen. Die Sprache verroht, jammern nun die Zeitungen. Alles wird emotional. Von Schreirede schrieb eine Zeitung und meinte Martin Schulz, der die runterhetzte, die wie er gewählt wurden.

Sind wir alle des Teufels? Kotzen sogar Gutmenschen ihre Wut raus? Alle Faschisten? Ich erinnere mich an das erste Harems-Jahrzehnt. Die könnte diesen Prozess erklären. Wir vier, manchmal fünf Frauen, an unserer Seite Rainer als erfahrener Kommunarde. Wir Frauen wollten die Revolution. Unsere Revolution. Wir wollten raus aus der Biologie, uns unverschämt in etwas Größeres wagen. Wie soll ich das nennen? Selbstentdeckung, bessere Welt, gleiche Augenhöhe, Spiritualität? In unserer weiblichen Kommune haben wir erstmal viel davon studiert, was andere zuvor erforscht hatten. Dann ging’s geradewegs ans Eingemachte. Die Komfortzone platzte und, ich sag’s mal minimal: Wir schrien auf, wir klotzten. Da explodierte so viel Wut und Schmerz und Gnadenlosigkeit. Bei jeder auf ihre Weise. Wir zeigten uns entsetzliche Faschismen, einen radikalen Gesichtsverlust. Wenn Rainer nicht wäre, hätte ich dir nicht mal ein Glas Wasser angeboten. Oder so ähnlich schrien wir. Und schlugen los. Er war es, der immer wieder etwas Schlichtendes, etwas Tröstendes vermitteln konnte, letztlich, dass ich nicht nur diese Hyäne bin, aber da durch muss. Dass ich auch den Weg durch die eigene Scheiße zum rettenden Ufer schaffe. So sei es immer: Nur durch den Faschismus in eine bessere Welt.

Keine von uns hat dann durchgehalten. Oder anders: Jede musste sich nach dem gemeinsamen Furor an die persönliche Kleinarbeit machen. Auf den Weg durch die individuelle Hölle, dorthin, wo es heller wird. Allein den Blick auf den eigenen Faschismus aushalten, um ihn dann zu erlösen? Nie wieder Krieg heißt es doch. Dieser Prozess der Selbstkonfrontation hält an. Bis heute und ich habe ihn oft verflucht. Gute Gefühle, aber meist Depression.

Warum ich so lange aus meiner Haremszeit erzähle? Weil man darin das Prinzip vielleicht wirklich erkennen könnte. Sobald du höher hinaufwillst, zu dir, zu etwas Größerem, nenn es bessere Welt, wird nach den ersten begeisterten Schritten hinter dir die Fratze des Faschismus auftauchen. Rainer sagt aus einer Erfahrung, er sei das entsetzliche Extrem des Kapitalismus. Da müssten wir durch und wollen es auch. Seit 68, seit der Vision einer weltweiten Community. Ich stelle mir vor, dass sich unsere Gesellschaft dank dieser Vision ihre Unmenschlichkeit seitdem unbewusst austreibt. Mit Hilfe des Internets, das uns den Zugang zu feineren Welten öffnete. Der Faschismus musste sich zwischenschalten und drohen. Denn unser faschistoider Kapitalismus gibt nicht einfach so auf. Wie ich es im Harem erlebte. Er zeigt mir, dir, uns Deutschen, was hinter unserer Fassade des Wohlstands steckt: Nenn es Sexismus oder Rassismus. Die Erfindung des Internets, die anfängliche Begeisterung, hat Unbewältigtes hochgespült. Statt „nie wieder“, kann sich jeder der eigenen Hölle stellen. Shitstorms helfen, sich selbst zu bewältigen, um voran zu gehen. Verrückt!

 
 
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