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23.09.2018, Jamal Tuschick

Als Gäste der „Berliner Korrespondenzen“ sprachen Marlene Streeruwitz und Navid Kermani im Maxim Gorki Theater über die „Auflösungen der Weltordnungen“

Der Fundamentalismus ist ein bourgeoises Phänomen

Marlene Streeruwitz und Shermin Langhoff

Navid Kermani

Berliner Korrespondenzen

Als Navid Kermani zum ersten Mal in Kairo war, fand er da mehr Beispiele für individuelle Freiheit aka sexuelle Selbstbestimmung als in seiner Geburtsstadt Siegen. Diese Erfahrung steckt in einem Eisblock der Vergangenheit. Egal, ob Somerset Maugham auf Sumatra, Jörg Fauser in Istanbul oder Paul Bowles in Tanger – sie alle erlebten Emanationen der Transsexualität und andere Phänomene des queeren Kosmos in einem heimlichen Kontext der Selbstverständlichkeit. Man muss den Sonderfall bedenken, dass sich der jüdische, christliche und islamische Monotheismus zuerst in Landschaften verbreitete, die zu Jesus‘ Zeiten bereits dreitausend Jahre lang Schauplätze kultureller und zivilisatorischer Experimente gewesen waren – unter einem Himmel voller Götter, die von Monogamie nichts wussten und für die Heterosexualität jedenfalls keinen normativen Charakter hatte.

Als Gast der „Berliner Korrespondenzen“ spricht Kermani im Maxim Gorki Theater über die „Auflösungen der Weltordnungen“. Er verknüpft seine orientalischen Erlebnisse mit einer politischen Vorausschau. Er beschreibt Prozesse, in denen der lange überall heftig bekämpfte Fundamentalismus plötzlich weltweit um sich zu greifen begann - als Aufstände des Mittelstandes und seiner Trabanten.

Fundamentalismus gleich welcher Spielart ist attraktiv, weil er Eindeutigkeit und Zugehörigkeit verspricht. Er dient jenen zur Selbstvergewisserung, die von der Globalisierung am heftigsten getroffen werden.

Wie immer geht es um Identität. Da die leistungsorientierten und gesellschaftserhaltenden Schichten sich bei ihren Eltern und Großeltern nicht mehr versichern können, bestimmen sie ihre Werte in einem weiteren Zusammenhang. Die europäische Rechnung modern – säkular – freiheitlich geht für den ägyptischen Zahnarzt nicht auf. In den Dekaden des post-kolonialen Aufbruchs verknüpften nationalistische Führer modern mit säkular und totalitär. Erst ihr Scheitern eröffnete religiösen Ideologien neue Spielräume. In einem Interregnum war der Islam der kleinste gemeinsame Nenner. Man berief sich auf den Koran, um Kritik am Staat üben zu können, ohne im Gefängnis zu landen. Auch Chomeini war ein Neuerer, ein Ketzer, der den Himmel auf Erden wollte, in einem historischen Augenblick, da die morgenländischen Eliten verwestlicht waren. Deren unmittelbare Nachkommen bilden jetzt die fundamentalistische Basis nach der Rollback Formel – anti-modern, religiös, anti-demokratisch.

„Der Westen hat das noch gar nicht kapiert“, sagt Kermani. Das sind nicht die Ungebildeten, die sozial Verworfenen, die unsere Fortschrittsbegriffe als Zumutungen zurückweisen. Die Ablehnung kommt aus der Mitte nahöstlicher Gesellschaften.

„Die Terroranschläge am 11. September 2001 waren Einbrüche der Wirklichkeit in das westliche Bewusstsein.“

Umgekehrt wurde noch 2015 der deutsche Flüchtlingsdiskurs im Geist „reiner Gefahrenabwehr“ geführt. Die Gleichsetzung von Flüchtling und Terrorist war ein Allgemeinplatz …

Legale Diskriminierung

Ruth Beckermann über die österreichische Geschmeidigkeit:

„Sie haben keine Juden zurückgeholt. Sie haben nichts gezahlt. Sie haben nichts zurückgegeben. Auch die Sozialisten wollten ihre Juden nicht wieder zurückhaben. Alle waren froh, dass sie sie los waren.“

Marlene Streeruwitz sagt, was eine Schriftstellerin zu tun hat: Sie muss die Wirklichkeit außerhalb des Persönlichen erfassen (können).

Sie sagt: Ohne Feminismus gibt es keine Gleichheit.

Sie sagt: Jeder Fortschritt kommt formal zustande. Gesetze regeln ihn.

Streeruwitz heiratete so früh, dass ihre Diskriminierung im Rahmen von Gesetze stattfand. Die Grenzen ihrer Rechtsfähigkeit waren enger gezogen als die Grenzen des Gatten. Einer Kontoeröffnung seiner Frau musste er zustimmen. Er nahm sie mit zu einem Essen bei den Waldheims. Kurt Waldheim (1918–2007), soeben bestallter Generalsekretär der Vereinten Nationen, unlängst gescheiterter österreichischer Präsidentschaftskandidat, ehemaliger Außenminister und zukünftiger Bundespräsident, gab den schnöselig-nölig-schneidigen Grandseigneur, nachdem er vor dem Aperitif das Personal in der Küche im Kommisston in die Verzweiflung gebrüllt hatte. Im Weiteren erklärte er das Esszimmer zum Führerhauptquartier. Er erklärte die Lage an der Tafel und nutzte die Tischdecke wie ein General seinen Sandkasten für militärische Konfigurationen. Der Russe wird niemals … der Ami kann gar nicht … warum sollte der Italiener? … der Franzose will sowieso.

Das waren die besseren Verhältnisse vom 1972. Man unterhielt sich wie Hitler & Co. 1943 in der Wolfsschanze. Streeruwitz möchte, dass ihr Publikum die Akzentuierungen herrenmenschlich-selbstverständlicher Überhebungen versteht, die heute nur noch als Grotesken über die Bühnen eines Hausstandes gehen würden. Auf der Stelle beschloss sie, die Waldheimische Weltauffassung zu ächten.

„Ich wollte, dass niemand mehr so über Politik und Menschen reden darf.“

Aus dem Gespräch zwischen Streeruwitz und Kermani

Kermani: Mein Vater war Arzt. Er fuhr Daimler und trug sich bürgerlicher als mancher seiner autochthonen Kollegen. Er verkörperte den persischen Akademiker … ich erlebte mich als bürgerliche Erscheinung und rechnete nicht mit Herabsetzungen. Die ersten einschlägigen Erfahrungen machte ich beim Fußball. In meinem Verein spielte das Volk. Es fand mich nicht derb genug. Ihm musste ich auf dem Platz beweisen, was in mir steckt.

Streeruwitz: Das ging damals, heute geht das nicht mehr.

Deckdiskus

Streeruwitz: Die Migrationsdebatte wird als Deckdiskurs geführt. Sie dient der Abdeckung sozialer Probleme und stammt aus dem Arsenal neoliberaler Strategien.

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