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24.09.2018, Jamal Tuschick

Mach mit bei der buntesten Literaturliste Deutschlands!

#vielfaltdurchlesen

Nora Gomringer, Autorin

Die Texte Birger Sellins erinnern Leserinnen und Leser daran, dass die Welt für viele Menschen ein Ort großer Missverständnisse, Ängste und Sehnsüchte ist. Ohne ihre Lektüre wäre ich nicht Schriftstellerin geworden.
Eine Zivilgesellschaft, die sich der Pluralität verschreibt, darf nicht Plätze schaffen wollen, sondern muss in ihrer Grundhaltung immer wieder freihalten für Menschen, deren Bedürfnisse besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Als Autist, der durch die „Gestützte Methode“ schreiben und sich der Welt mitteilen kann, sendet Sellin Botschaften an nicht-Autisten, die vom Wunsch nach Inklusion und Teilhabe, aber auch Abgrenzung und Selbstbestimmung künden.
Seine z.T. dicht komponierten Gedanken, die im Band „Ich will kein inmich mehr sein“ zum ersten Mal konzentriert wurden, zeigen die Werdung eines homme des lettres. Von (Tagebuch-) Eintrag zu Eintrag wächst ein auktoriales Selbstverständnis und mir als Leserin festigt sich der Eindruck eines erwachenden und auch stärker werdenden Selbst-Begriffes. Dies zu lesen tut gut.
Wie einer seine Stimme findet und im kleinen Rahmen Diplomatie übt, wie er uns mitteilt, dass er – obwohl von außen als nicht teilnehmend betrachtet – sehr wohl sieht, hört und im Inneren prozessiert, was um ihn herum geschieht, das ist wertvoll und mahnt zur Achtung. Das Spektrum der Ausprägung autistischer Herausforderungen ist groß, das Medieninteresse an Autisten ausgeprägt, gepaart mit Asperger Syndrom hat es eine seltsame, bestürzende „Hippness“ entwickelt, so dass der Blick auf die Betroffenen und ihr Umfeld sich verfälscht. Durch Mitteilungen wie die von Birger Sellin wird dem qua Diagnose an den Rand der Gesellschaft Gedrängten, Platz in ihrer Mitte ermöglicht. Was uns die mitzuteilen haben, die täglich in direkter körperlicher Abhängigkeit zu anderen Menschen stehen, nämlich kranke Menschen, alte Menschen, körperlich und/oder geistig eingeschränkte Menschen und Kinder muss das Gehör der anderen finden, wenn wir den Schutz von Pluralität als sinnvoll erachten und für die Gesellschaft als sinnstiftend begreifen wollen. Ihr Erhalt kostet Kraft und Geld und fordert von uns den Mut, unbedingt für ein moralisches und ethisches Bewusstsein einzutreten, dass obwohl hin und wieder unpopulär und scheinbar gegen den Zeitgeist gewandt, radikale Nächstenliebe ausdrückt.

Nora Gomringer, Schweizerin und Deutsche, lebt in Bamberg. Sie schreibt, vertont, erklärt, souffliert und liebt Gedichte. Alle Mündlichkeit kommt bei ihr aus dem Schriftlichen und dem Erlauschten. Sie fördert im Auftrag des Freistaates Bayern Künstlerinnen und Künstler internationaler Herkunft. Dies tut sie im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia.

Noras Empfehlung für die bunteste Literaturliste Deutschlands:

Ich will kein inmich mehr sein
Birger Sellin

 

Koray Yılmaz-Günay, Verleger und Aktivist

Wollte jemand Zeitgemäßes lesen, müsste Maschas Geschichte ganz oben stehen. Mascha ist die Protagonistin des ersten Romans von Olga Grjasnowa. Mascha flüchtet vor Verfolgung, sie flüchtet vor Krieg. Sie spricht zig Sprachen, sie ist glücklich, sie ist unglücklich, sie weigert sich beharrlich, eine starre Rolle im Identitätszirkus anzunehmen. Maschas Freundeskreis ist jung, er ist weltgewandt. Entsprechend prekär lebt es sich in ihm. Die sagenumwobenen «Hintergründe» stehen nicht im Vordergrund, auch wenn sie ihren Trägern und Trägerinnen häufig im Weg stehen. Die alltägliche Gegenwart, die Selbstverständlichkeit, auch das Verstörende an dem, was wir alle sind und zunehmend werden, wird hier schonungslos erzählt: das Heute, im besten Sinn des-illusioniert.

Koray Yılmaz-Günay, Jahrgang 1974, ist Verleger und Aktivist, im Moment vor allem als Vorstandsmitglied beim Migrationsrat Berlin, einer Dachorganisation von mehreren Dutzend Migrant_innen-Organisationen. Er lebt in Berlin.

Korays Empfehlung für die bunteste Literaturliste Deutschlands:

Der Russe ist einer, der Birken liebt
von Olga Grjasnowa

 

Jamal Tuschick, Autor und Literaturkritiker

Czollek schildert Schleichwege der „Eingemeindung jüdischer Positionen in den deutschen Entlastungsdiskurs“ aus. Er erkennt „die banale Abfolge gesellschaftlich etablierter Bilder“, wo immer sie sich im Integrations- und Gedächtnistheater zeigt und „die innere Vielstimmigkeit der Minderheiten“ planiert. Er kommt dahin, wo auch Doron Rabinovici an der Belastbarkeit der zurzeit beschworenen These von einer „christlich-jüdischen“ Synthese zweifelt. Rabinovici glaubt übrigens, dass die Bedingungen der Judenvernichtung in den deutschen und österreichischen Herrschaftsstrukturen unter Verschlusskappen intakt sind. Der alte Judenhass wird im plötzlich „jüdisch-christlichen Abendland“ gegen „den Islam in Stellung gebracht“, sagt Rabinovici. Czollek sagt nichts anderes. Wer Muslime ausschließt, läuft sich für den Ausschluss der Juden schon einmal warm.

Jamal Tuschick, geboren 1961 in Kassel, ist ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker.

Jamals Empfehlung für die bunteste Literaturliste Deutschlands:

Desintegriert euch!
Max Czollek

 

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