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25.09.2018, Jamal Tuschick

Christine Korbun

Licht ins Dunkel

Christine Korbun

Niemand hatte mich bemerkt. Ich lag stumm wie ein Fisch unter der reichgedeckten Tafel und lauschte meinen Freunden. Von Zeit zu Zeit wich ich einem Fuß aus, der mein  ungewöhnliches Versteck sofort wahrgenommen und meiner Indiskretion ein jähes Ende beschert hätte.

Es war bereits nach Mitternacht und ich lag nunmehr über zwei Stunden da und es schien, als wäre es mir mittlerweile unmöglich, meine Position überhaupt noch zu verändern – fast gelähmt hatte mich dieses starre Ausharren, was nur einem Zweck diente: dem hinterlistigen Erheischen von Informationen, die mir anderweitig nie zuteil würden.

Denn man sprach ja nicht mit mir. Man packte mich in Watte und hielt mich fern von allem, was mir – wie sie sagten – nicht bekommen könnte. Aus unerfindlichen Gründen schirmten sie alles von mir ab, was sich außerhalb meines Kellergewölbes zutrug und ersponnen mir eine Welt, an deren Grenzen ich mir alsbald mehrfach den Kopf zu stoßen pflegte, weil sie mir schlicht und einfach zu eng war.

Da lag ich also, gequält von einem Krampf im linken Bein und in der Hoffnung, endlich etwas zu erfahren über meine Existenz und den Grund für meine seelische Einzelhaft.

Nur schwerlich konnte ich mich entsinnen, wo alles seinen Anfang genommen hatte, seit wann ich Derartiges erleiden mußte und wo ich eigentlich herkam. Doch nun erhoffte ich mir, endlich ein wenig Licht in dieses Dunkel zu bringen.

Lange Zeit geschah nichts von Belang. Man aß und unterhielt sich kaum. Einzig das Klappern von Geschirr und das ständige Auffüllen von leergetrunkenen Gläsern war zu vernehmen und erweckte langsam auch in mir ein immer stärker werdendes Verlangen nach Speis und Trank. Mein Magen knurrte, doch kaum hörbar, und war somit keine wirkliche Gefahr, plötzlich entdeckt zu werden. Für mich bedeutete dies aber durchaus eine zusätzliche Pein, die meine Lage um Einiges erschwerte. Über den Hunger fielen mir die Augen zu. Doch ich durfte dem Schlaf nicht nachgeben, dazu war noch genügend Zeit.

Morgen. Übermorgen.

Überhaupt schlief ich meist, was wohl auf das Dunkel in meinem Keller zurückzuführen war, welcher nur durch eine offene Tür erhellt werden konnte. Dies aber vermied ich meist, da ich die Besuche der Anderen fürchtete, deren Anwandlungen von Zuneigung mir verhasst waren. Sie ermüdeten mich. Auch konnten ihre körperlochen Zuwendungen die geistige Leere, die sie mir bescherten, einfach nicht aufwiegen. Manchmal frug ich mich, ob sie eigentlich meinen Namen kannten, denn sie vermieden es, mich direkt anzusprechen. Gelegentlich vergaß ich ihn selbst. Einzig die die Nummer 7.1.1., die in großen Lettern an meiner Türe prangte, erinnerte mich dann immer wieder daran, dass auch mir eine gewisse Individualität zu Eigen war.

Ich, die Nummer 7.1.1. lag nunmehr starr und regungslos unter dem Tisch und wartete immer noch auf ein Wort. Doch meine Freunde, mittlerweile beim Dessert angelangt, waren nach wie vor gänzlich auf ihre Nahrungsaufnahme konzentriert und sprachen keinen Ton miteinander.

Da fiel ein Löffel. Mein Atem stockte und ich wurde wieder dem Krampf in meinem linken Bein gewahr, von dem nicht weit entfernt der Löffel den Boden fand. Mein Blick haftete auf diesem Löffel, als ob ich damit sein Fallen rückgängig machen könnte.

Die Angst, entdeckt zu werden, wuchs in mir.

Was würden sie mit mir machen wenn sie mich hier fänden? Würden sie mich wieder zwingen, verdorbene Speisen zu essen, wie sie es schon einmal getan hatten, als ich versuchte, mich ihnen zu verwehren, da sie zu Mehreren kamen, um meiner habhaft zu werden … ??

Aber niemand streckte sich nach dem Löffel und ich beruhigte mich langsam, obgleich ich mich längst nicht in Sicherheit wähnte. Der Gedanke beschlich mich, daß ihre Wortkargheit gar keine Eigenart mir gegenüber, sondern ein generelles Phänomen ihrerseits sein könnte, als ich plötzlich und unerwartet eine Stimme vernahm:

„Die Erde ist gar keine Scheibe!“

Ich getraute mich nicht zu atmen, um nicht Gefahr zu laufen, auch nur ein einziges weiteres Wort zu verpassen. Doch ich riskierte den Erstickungstod völlig umsonst – Stille kehrte erneut ein und ich schnappte nach Luft.

Was, zum Teufel, hatte das zu bedeuten, daß die Erde gar keine Scheibe sei? Solch weitreichende Gedanken waren mir nie zuvor gekommen, konnte ich mir schließlich meine eigene, begrenzte Welt nicht hinlänglich erklären. Aber was? --- Sollte dies vielleicht der Schlüssel sein, der mir alle Türen, die geistigen, wie auch die eigene, den Keller verdunkelnde, endlich öffnen könnte? Tausend Gedanken beschäftigten mich und verschafften mir dennoch keine Klarheit.

Der Löffel war weg. Irgendjemand mußte ihn aufgehoben haben. Doch das interessierte mich jetzt nicht. Zu sehr kreisten meine Gedanken um die Scheibe, die die Erde vermeintlich nicht war. Verzweifelt suchte ich nach der tieferen Bedeutung dieser vernommenen Worte und wie einen kostbaren Schatz sagte ich sie im Geiste wieder und wieder vor mich hin. Irgendwann glaubte ich, sie vollkommen verinnerlicht und ihre gedankliche Substanz, welche ich allerdings nur schwer in Worte kleiden konnte, erfasst zu haben.

Eine gewisse Genugtuung übermannte mich.

Ich hatte genug gehört!

Mein Plan war gut und meine Rechnung aufgegangen.

Wieder in meinen eigenen vier Wänden angelangt, legte ich mich auf meine Pritsche und schaute an die Decke, oder vielmehr an genau die Stelle, wo sich eine eben solche vermuten ließ, also nach oben, und versank wieder in meinen diffusen Gedanken. Plötzlich stand ich auf, wie von fremder Kraft getrieben, ging zur Tür und öffnete sie, soweit es ging.

Licht fiel in den kärglichen Raum und ließ aufgrund der geworfenen Schatten  die Umrisse meines bescheidenen Mobiliars erkennen. Ganz blind kannte ich hier jede Ecke und jede Kante, konnte mich hier auch im Dunkeln zweifellos zurecht finden. Doch ich hatte den starken Drang, die Tür zu öffnen und Licht herein zu lassen.

Ich wollte, daß sie zu mir kommen. Ich hatte mir das noch nie so sehr gewünscht, wie in eben jenem Augenblick. Ich hatte das Gefühl, mich aus meiner nebulösen Isolation befreit zu haben. Ich meinte, sie verstanden zu haben, sie und ihre Scheibe – die nicht vorhandene – und alles.

Ich war bereit! ---

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