MenuMENU

zurück zu Main Labor

26.09.2018, Jamal Tuschick

Kombattant*innen im Kulturkampf XXV - Wie alles anfing - Feridun Zaimoglu schickte ein Kulturbrückensprengkommando los - Während deutsche Verhältnisse für uns kaum Geheimnisse bargen, wussten Gegenspieler*innen wenig bis nichts von unseren Territorien auf drei Kontinenten.

Ethnische Differenzdiversität

Leben im Material, das war auch unsere Devise.

Wir waren klar im Vorteil. Mara wurde nie hämisch und hielt sogar Spott zurück. Sie bezahlte mit Takt ihre Herkunftszeche. Außer ihrem Vater und der Putzfrau hatte sie keine Erwachsenen ohne Abitur vornamentlich gekannt, bis sie an meiner Seite mit dem Volk in Berührung gekommen war. Sie spielte gern Tischtennis mit meiner Mutter, die Platte steht noch im Hobbykeller. Ihre Mutter machte sich über die fröhliche Bedürfnislosigkeit meiner Mutter lustig. Meine Mutter hatte sich gegen Einwände und Vorhaltungen ihrer Eltern durchgesetzt und eine Ausbildung zur Stenotypistin gemacht. Die Qualifikation galt als Zeitverschwendung.

„Frauen heiraten sowieso“, hieß es noch.

Doch nicht bei Mara zuhause. Maras türkische Mutter hatte in Stuttgart Architektur studiert, in Deutschland deshalb, weil ihr Vater die Deutschen so tüchtig fand. Gemeinsam mit Ludwig v. Friedeburg, der sich bei Adorno habilitiert hatte, pflügte sie Hessen im Geist der Bildungsreform um. Die Kasseler Gesamthochschule baute sie mit auf. Ich war der Gesamtschüler an der Sonntagstafel, ihre Kinder gingen selbstverständlich auf ein richtiges Gymnasium. Irgendwann warf sie Akif Pirinccis „Felidae“ auf den Küchentisch und sagte: „Guckt mal, ein Einwandererkind mit Erfolg.“

Sie selbst begriff sich gewiss nicht als Migrantin, eher als Botschafterin eines gehobenen Lebensstils. Fuhr sie nach Frankfurt zum Konsulat, kam ihr eine Istanbuler Eminenz auf der Treppe entgegen. Ich erinnere ein zitronengelbes Cape, in dem sie wie eine andere Jackie O. neben ihrem Künstlergatten in Erscheinung trat; er in Brecht‘scher Lederjacke und mit getrimmtem Dreitagebart. Diese Extravaganz gab Mara die Verpflichtung ein, im direkten Kontakt mit Menschen behutsam und nachsichtig zu sein. Als Kind der Arbeiterklasse faszinierte mich der Snobismus. Jahre später, Mara pendelte nun zwischen Texas und Deutschland wie andere von Gießen nach Frankfurt zur Arbeit fuhren, sagte sie an so einem ausgefransten Berliner Abend: „Viele behaupten, sie seien com-pe-ti-tive, wenn es jemand aber ernstlich wissen will, laufen sie gleich weg.“

Wir verfügten über eine flottierende Anschauung von Herkunft und Differenz wie über einen Trumpf, der alles stach. Die Szenen, die sich aus den Herkunfts- und Generationszusammenhängen ergaben, blieben trotzdem blass. Man musste ihnen Farben erfinden und sie wie Schwimmerinnen dopen, damit sie was hermachten. Die Erkenntnis setzte sich durch: Wir brauchen keine Freunde. Wir brauchen Feinde.

Zaimoglu bat mich, Feinde aufzutreiben. Er hatte lediglich Knatsch mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Wiglaf Droste, den er als Iglaf Borste ich weiß gar nicht mehr wo auftreten ließ. Die beiden brachten es aber nicht. Im Grunde ihrer Herzen wollten sie kuscheln Sie waren neidisch auf unsere ethnische Differenzdiversität.

Zaimoglu sagte: „Das ist das nächste Fass. Das machen wir jetzt auf.“

Bürger gab es, die brachten es fertig, uns in einem Atemzug rassistisch zu beleidigen und moralisch zu belehren. Zaimoglu zeigte mir rassistische Lyrik, die extra für ihn geschrieben worden war.

„Guck mal“, sagte er. „Da steht „zusammenverrückt“. Zwei Konnotationen, räumlich und wahnsinnig. Der Dichter meint, die Vereinigung sei für Deutschland nicht gut gewesen. In diesem „zusammenverrückt“ steckt eine konservative Kritik am Status quo und eine erstaunliche Übereinstimmung mit den herrschenden Verhältnissen vor Neunundachtzig. Das ist der Punkt, da setzen wir an. Es geht um den Herrschaftstext. Kunst entsteht in der Lücke zwischen Prägung und entwickeltem Ich. So geht Heiner Müllers „Leben im Material“, anders geht es nicht. Der Autor ist Ossi, er oder einer seiner Onkel hat bestimmt mal gesagt: Sozialismus ja, aber nicht mit Honecker. Dem raubt die Gegenwart Identität, Identität kommt vor Effizienz. Der muss sich an Ansichten festhalten, die außer Kraft sind. Der westdeutsche Herrschaftstext ist für den bedrohlich. Deshalb kann er ihn nicht gelten lassen und folglich seinen Abstand dazu nicht korrekt bestimmen. Der schwimmt und hat Einfälle. Der sitzt einem Kneipentribunal im ehemaligen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg vor. Der glaubt, er kann den Vorstellungen seines Tribunals Gesetzeskraft geben.“

 Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen