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28.09.2018, Jamal Tuschick

Lauter übermotivierte Körper begegnen sich in der hochamtlich-aufrauschenden Inszenierung des zweifachen Oscar-Gewinners Asghar Farhadi. In „Offenes Geheimnis“ verknüpft der iranische Regisseur ein überbordendes Sittengemälde mit einem Thriller, der sämtliche Beziehungen einem Belastungstest aussetzt.

Gib mir, was du hast

Der Film beginnt im Tumult – in der Evokation einer blutigen Balzszene oder eines Hahnenkampfes. Hingerissen von Sensationen der Zugehörigkeit, fallen sich Verwandte mit gespreiztem Gefieder in die Arme. Ihre frenetischen Begrüßungen ignorieren die Tatsache, dass man sich lange verlustfrei entbehren konnte. Familie bedeutet Scharmützel. Es geht sofort los und weiter.

Zu alten Fehden und Lieben kommen neue Verstrickungen.

Autotüren und Taubenflügel schlagen. Glocken läuten. Motoren laufen.

Offenes Geheimnis, Spanien/Frankreich/Italien 2018. Regie: Asghar Farhadi. Mit Penélope Cruz, Javier Bardem Ricardo Darín

Zur Hochzeit ihrer jüngsten Schwester ist Laura (Penélope Cruz) aus Buenos Aires angereist. Sie hat ihre Kinder dabei, nicht aber ihren Mann Alejandro, der in dem Ruf steht, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Dem Vernehmen nach hat Laura in Argentinien ihr Glück gefunden, während den in einem Dorf nahe Madrid Zurückgebliebenen von Anstrengungen zum Erhalt ihres Grundbesitzes alles abverlangt wird. Sie sind arme Reiche – Millionäre ohne Geld - und im Gegensatz zu ihren Ahnen haben (hatten) sie keine Aussicht mehr auf eine Kolonialkarriere. Sie stecken fest in Sackgassen des Stolzes. Ihre Verachtung für die Erntehelfer gipfelt in Verdächtigungen.

Vor einer Schulklasse zerquetscht ein Mann Trauben über einer Schale. Da steht der Sohn eines Knechts. Paco (Javier Bardem) hat aus sich einen Gutsherrn gemacht und schläft mit der Lehrerin.

Einst kam er günstig zu einem Stück Land mit kargem Boden. Während er Hof hält vor der Klasse, schuften migrantische Arbeitsnomaden auf seiner Finca. Paco stellt die Saftschale neben eine Weinflasche.

„Den Unterschied zwischen Saft und Wein macht die Zeit.“

Das Land hat ihm Laura in einer Notlage verkauft, zu einem Freundschaftspreis nach der Devise:

„Gib mir, was du hast.“

Noch wurde ihre Generation nicht von der Zeit untergepflügt. Lauter übermotivierte Körper begegnen sich in der hochamtlich-aufschäumenden Inszenierung des zweifachen Oscar-Gewinners Asghar Farhadi.

Wer alt ist, hat nichts zu lachen. Lauras Vater geht an Krücken und bewältigt den Abstand zwischen den Etagen in seinem Haus im Sessellift. Der Greis wähnt sich immer noch im Besitz von allem. Für ihn ist Paco ein Knecht geblieben. Seine argentinische Enkelin Irene wirbelt auf der Enduro ihres Cousins Staub auf. In einem Glockenturm fordert sie den Knaben heraus. Ihr Temperament gibt zu Gerüchten Anlass. Ihr Mut und ihre Ausgelassenheit erinnern die Leute im Dorf an Paco als jungen Mann. Ja, Paco war Lauras Liebhaber, bis Alejandro kam.

Ein im Regen rauschendes Fest ist die Hochzeit. Plötzlich verdunkelt sich die Szene. Stromausfall. Der tüchtige Paco organisiert einen Generator, das Licht geht wieder an und die Party geht weiter. Irene kippt aus den Latschen und muss ins Bett. Als Laura das nächste Mal nach Irene schaut, findet sie das Bett leer. Eine SMS meldet: „Wir haben deine Tochter.“  

Asghar Farhadi verknüpft das überbordende Sittengemälde mit einem Thriller, der sämtliche Beziehungen einem Belastungstest aussetzt. Leerlaufende Verbindungen offenbaren sich unter Druck. Alejandro taucht auf und entpuppt sich als armer Wicht mit Charakter. Ein spannendes Dreiecksverhältnis baut sich zwischen ihm, Laura und Paco auf. Beide Männer überschreiten ihre Grenzen in einem faszinierenden Zusammenhalt.

Ein pensionierter Polizist entstaubt seinen Spürsinn.

Paco begleicht eine alte Rechnung.  

 

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