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28.09.2018, Jamal Tuschick

Flüchtlinge - „Jeder, der ein Schlepperboot besteigt, rechnet mit seinem Tod auf See. Dass Überlebende die Hinterbliebenen benachrichtigen, wird als Pflicht betrachtet“, sagt Anja Tuckermann.

Einen Weg zurück gibt es nicht

Kämpferinnen gegen die Todesursache: Flucht - Von links: Kristina Milz, Anja Tuckermann

Bevor sie an der nordafrikanischen Küste in die Boote steigen, sagen sie sich ihre Namen. Sie versorgen sich mit ihren Kontaktdaten, in der Hoffnung, dass ihre Familien im Falle ihres Todes benachrichtigt werden. Alle sind sich bewusst, dass sie sterben könnten, aber nach dem Schrecken der Flucht aus ihrer Heimat und in den Händen von bewaffneten Mafiagruppen in der Sahara und in Libyen gibt es für sie keinen Weg zurück. Diese Hölle sollte nicht umsonst gewesen sein.

„Jeder, der ein Schlepperboot besteigt, rechnet mit seinem Tod auf See. Dass Überlebende die Hinterbliebenen benachrichtigen, wird als Pflicht betrachtet“, sagt Anja Tuckermann. Seit 2014 bemüht sich die Schriftstellerin um Flüchtlinge aus Afrika. Sie berichtet von traumatisierten Flüchtlingen, die in Italien auf der Straße landen und sich aus Scham immer weiter isolieren. Von Flüchtlingen, die in Europa von Land zu Land reisen – Wanderer auf dem Kontinent – getrieben von der Angst, in eine Mühle der Abschiebung zu geraten, denn: Einen Weg zurück gibt es nicht.

Die Berichte von Überlebenden libyscher Lager erinnern sie an Deutschlands übelste Zeit. Sie hat mehrere Bücher über die NS-Zeit geschrieben, u.a. „Denk nicht, wir bleiben hier“ über den Sinto Hugo Höllenreiner, der als Kind Bergen-Belsen überlebte. „Ist es das, was wir Europäer wollen?“, fragt sie. Die immer wiederholten Verlautbarungen, es müssten legale Wege der Einreise geschaffen werden, hält sie für leeres Gerede: „Es gibt in eigener Initiative keine Möglichkeit der legalen Einwanderung für Menschen ohne Geld.“

Gemeinsam mit der Nahostjournalistin und Historikerin Kristina Milz hat Tuckermann das Buchprojekt „Todesursache: Flucht – Eine unvollständige Liste“ initiiert. Geführt wird die Liste von der Organisation „UNITED for Intercultural Action“ in Amsterdam, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag kommen mehr Tote hinzu. Die Organisation nimmt nur belegte Fälle in ihre Liste auf. Seit 1993 sind dies mehr als 35.000 Menschen, die auf der Flucht nach und in Europa ums Leben kamen. Tuckermann und Milz geben diese Liste als Buch heraus, ergänzt um Namen, Fotos und Porträts einzelner Menschen, deren Schicksale sie recherchiert haben. Sie wollen den kalten Fakten ein menschliches Gesicht geben; sie schreiben Porträts, die Empathie mit Geflüchteten ermöglichen. Man kann Tuckermann und Milz auch als Aktivistinnen bezeichnen, denn ihr Buch wollen sie in Zusammenarbeit mit dem Berliner Hirnkost Verlag zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2018 deutschlandweit kostenlos verteilen. Dafür haben sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Ich treffe Milz und Tuckermann in einem Café im vormaligen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg. Milz führt seit 2015 Asylsuchende durch das Labyrinth des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Wieder und wieder erlebte sie, wie die Verheißungen einer vermeintlichen deutschen Willkommenskultur an der Realität in deutschen Ämtern scheiterten: Dolmetscher, die aus politischen oder ideologischen Gründen falsch übersetzen oder wichtige Teile der Berichte weglassen. Oder die schlicht eine andere Sprache sprechen als die Geflüchteten, deren Erzählungen sie übersetzen sollen. Geflüchtete, die sich nicht trauen, das zu sagen. Beamte, denen jede Sensibilität für kulturelle Verschiedenheiten fehlt. Angestellte, die sich als Experten für ein bestimmtes Herkunftsland bezeichnen, während sie vor dessen Wikipedia-Eintrag sitzen, um sich zu informieren, wer die Regierung führt. Angestellte, die keine Zeit haben oder keine Zeit haben wollen, die Fluchtgründe der Menschen zu erfahren; die nicht nach weiteren Gründen fragen, wenn ein Afrikaner zuerst von seiner wirtschaftlichen Not erzählt, weil er diese Not als die dringendste empfindet, auch wenn er gewichtige zusätzliche Gründe vorzubringen hätte, die nach dem deutschen Asylrecht sehr wohl zu einem Schutzstatus führen müssten.

„Es verlaufen nicht alle Anhörungen beim BAMF auf diese Weise, aber viele. Das Schlimme ist, dass es ein Roulette-Spiel ist: Wer an einen guten Anhörer gerät, hat auch gute Chancen, zu seinem Recht zu kommen. Wer die falsche Nummer zieht, hat schon verloren, bevor er den ersten Satz gesagt hat“, sagt Milz. Milz und Tuckermann kennen die Herausforderungen, die auf Deutschland zukommen, wenn die Politik sich nicht endlich um die tatsächlichen Probleme im Zusammenhang mit den Geflüchteten kümmert. Sie beklagen unzulängliche medizinische Versorgung. Die psychologische Betreuung für Traumatisierte ist für die wenigsten erhältlich. Die Asylanwälte seien überlastet. „Wenn wir – auch aus unserem ganz egoistischen Interesse heraus – möchten, dass die Menschen, die bei uns Zuflucht gefunden haben, gesund sind, müssen wir diese Themen angehen, anstatt weiter Scheindebatten über Abschiebungen zu führen, die nicht stattfinden werden“, sagt Milz. „Die meisten Menschen werden bleiben. Egal, wie sehr man sich in so manchem deutschen Wohnzimmer das Gegenteil wünscht.“ Deshalb sollten die Behörden besser mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern zusammenarbeiten, sollten die existierenden guten Ansätze zur beruflichen Qualifizierung nicht von der Politik boykottiert werden, sollten Betriebe mehr Unterstützung bei der sprachlichen Eingliederung bekommen. Und auch junge geflüchtete Männer als das gesehen werden, was sie sind: Individuen und schutzbedürftige junge Erwachsene.

Milz und Tuckermann fordern mehr Menschlichkeit, aber auch mehr Ehrlichkeit in der Debatte um Flucht und Migration – in Deutschland und in ganz Europa. Dafür wollen sie eine Allianz der warmen Herzen und klugen Köpfe schmieden. „Bevor wir diese Debatten respektvoll und zielorientiert führen können, müssen wir uns offenbar wieder darauf einigen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Das Sterben an unseren Grenzen und innerhalb Europas muss endlich aufhören“, sagen sie. Die beiden Autorinnen hoffen, dass ihr Buchprojekt dazu beitragen kann.



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