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29.09.2018, Jamal Tuschick

Seeadlernester des Andersseins - Der Osten lässt sich nicht mit der DDR erklären, stellen Jana Hensel und Wolfgang Engler in ihrem Gesprächsband „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ fest.

Anders ausdifferenziert

Die Unterhaltung ergab sich in Erwartung einer Revolte von Rechts und vor dem Hintergrund des parlamentarischen AfD-Durchmarschs. Die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag am 24. September 2017 markiert nach Engler „das Ende der Nachwendezeit, weil der Erfolg der AfD, erst einmal gänzlich wertfrei gesagt, die bisher größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen darstellt“ – mitunter nach der Devise: „Nicht glücklich, aber deutsch.“

„Der Neoliberalismus hat den Rechtspopulismus vorbereitet.“

Jana Hensel, 42, ist Journalistin und Schriftstellerin Wolfgang Engler, 66, ist Soziologe und emeritierter Rektor der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.  

Die Autor*innen beginnen mit einer Vermessung der Gegenwart. Die ostdeutsche Gesellschaft sei, so sagt Hensel, anders ausdifferenziert als die westdeutsche. Engler zitiert Christoph Dieckmann: „Wer einmal einen Staat verschwinden sah, betrachtet aktuelle Mächte ohne letzten Ernst.“

Andererseits verbindet zwei ostdeutsche Generationen die Erfahrung, ein totalitäres Regine von der Macht getrennt zu haben. Auch die Durchsetzung national befreiter Zonen, Engler nennt sie „sozial befreit“, bietet Stärkeerlebnisse, zuletzt beschrieben von Lukas Rietzschel in seinem Romandebüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Vergleicht man den Titel mit Hensels „Zonenkindern“ aus dem Jahr 2002 konkretisiert die doppelte Durchsicht die Annahme der Autor*innen, eine post-realsozialistische ostdeutsche Identität sichere ihre Habitate auf dem Territorium der aufgelassenen DDR - Seeadlernester des Anderssein.  

Jana Hensel, Wolfgang Engler, „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“, Aufbau Verlag, 288 Seiten, 20,- 

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