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05.10.2018, Jamal Tuschick

Schon gefriert mein Blut auf Ostberlins Straßen

It feels dangerous now to be Black in Berlin - Ein Abend zu Ehren von May Ayim und Audre Lorde.

Sächsische Schokokirschen

Sechzigtausend Einträge erfolgten in den ersten achtundvierzig Stunden nach Viralwerdung von #MeTwo im Juni 2018. Ein Sturzbach der Klage flutete die sozialen Kanäle und offenbarte ein Mitteilungsbedürfnis, das keine Lobby in der Beletage des öffentlichen Gesprächs hat.

Über Rassismus reden vor allem Diskriminierte. Sie brauchen Räume absoluter Geltung ihrer Ansichten, um ihre Skalen zu justieren – um nicht verrückt zu werden in Differenzfallen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Einen Ort des Ausschlusses rassistischer Sprechweisen bieten die Frauenkreise. Zum Salongespräch trafen sich da gestern Pionierinnen der afrogesamtdeutschen Bewegung. Als Zeitzeuginnen der Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge nach Neunundachtzig konstatierten die westdeutschen Aktivistinnen Ika Hügel-Marshall, Ria Cheatom und Dagmar Schultz und die ostdeutschen Aktivistinnen Kathleen Knötzsch und Aicy Eisner: „Jetzt ist es wieder so schlimm wie Anfang der Neunziger.“

Die Sicherheitsunternehmerin Eisner brachte es auf den Punkt: „Irgendwann war klar, dass ich da nicht bleiben kann, wo ich herkomme.“

Das erleben viele Deutsche mit einer markanten ethnischen Differenz, aber ohne die Chancen kultureller Auswahl. Ihnen bleibt zuerst nichts anderes übrig, als sich nach der mehrheitsgesellschaftlichen Decke zu strecken. Sie identifizieren sich mit dem Aggressor und übernehmen ein toxisches Vokabular – „Mulatte“, „Mischling“. In der DDR wurde das koloniale Repertoire bis zum Schluss nicht problematisiert. Dazu kam, dass Kinder aus Verbindungen zwischen afrikanischen, kubanischen und vietnamesischen Vertragsarbeitern und deutschen Frauen als Fleisch gewordene Überschreitungen gesetzlicher und gesellschaftlicher Normen mit massiver Anpassung die Verfehlungen der Eltern quittieren mussten. Das ostdeutsche Abrichtungsprogramm entsprach institutionalisiertem Rassismus - und den hatten die sächsischen „Schokokirschen“ mit Humor zu nehmen.

Mit Ton- und Bilddokumenten erinnerten die Aktivistinnen an zwei Ikonen – May Ayim und Audre Lorde. Man sieht Ayim in einem Meer von Deutschlandfahnen. Alle Podiumsteilnehmerinnen teilten mit ihr die Erfahrung: Zuerst haben wir uns über die Wiedervereinigung gefreut, bis wir anfingen, uns vor den Folgen zu fürchten. Plötzlich trauten sich Leute, mit ihrem fiesen Mies auf die Meinungsgassen und markierten mit Niedertracht ihre „sozial befreiten Zonen“ (Wolfgang Engler).

„Rassismus in Deutschland gibt es nicht.“   

Das ist immer noch state of the art im Kulturkampf. Mit dieser Bemerkung wurde May Ayim von einem Professor abgefertigt, als sie erklärte, über die Geschichte von deutschen Schwarzen zu schreiben.

Ayim nahm vorweg, was Knötzsch und Eisner erlebten: „Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass ich zwar hier lebe, aber eines Tages hier weggehen muss.“

Ich sage, die anderen soll gehen. Wir bleiben.

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